Natürlich kann keine Partei in einer Koalition ihr gesamtes Programm durchsetzen. Trotzdem gibt es Unterschiede, und die hängen imho von den internen Entscheidungsprozessen einer Koalition ab.
Klassischerweise herrscht in Deutschland in Koalitionen das absolute Konsensprinzip. Es wird ein Koalitionsvertrag ausgehandelt, und wenn irgendeine Entscheidung ansteht, die darin nicht behandelt wurde, (oder die unterschiedlich interpretiert wird,) wird sich entweder auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt oder es passiert einfach gar nichts. In den alten „Lagerkoalitionen“ funktionierte das einigermaßen und stellte sicher, dass der kleinere Koalitionspartner nicht mit Mehrheitsbeschlüssen an die Wand genagelt wird. Spätestens mit der GroKo kam dieses Modell an das Ende der Praktikabilität und erzeugte im Wesentlichen Stillstand und Frust auf allen Seiten.
Erstaunlicherweise gibt es auf Länderebene aber etliche schwarz-grüne Regierungen, die nach Ansicht der dort lebenden Bürger anscheinend über mehrere Legislaturperioden hinweg akzeptable Arbeit leisten, und das ohne sich in den Medien gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Woher kommt das?
Meiner Ansicht nach, weil CDU und Grüne – dort wo das CDU-Personal das zulässt – das alte Koalitionsmodell still und heimlich ersetzt bzw. stark modifiziert und absoluten Konsens durch ein Modell mit Kompetenzbereichen ersetzt haben, die entweder der einen oder anderen Partei zugeordnet sind. Wenn jetzt ein Minister in seinem Haus ein Vorhaben ausarbeiten lässt, das in seinen Kompetenzbereich fällt, und auch nicht im Gegensatz zum Koalitionsvertrag steht, dann werden vielleicht hinter den Kulissen Verbesserungsvorschläge gemacht, die dann entweder einfließen oder auch nicht, aber wenn nicht gerade irgendwelche krassen roten Linien einer Partei überschritten werden, dann wird das Projekt am Ende von der anderen Partei mitgetragen werden.
Das führt natürlich stellenweise auch zu Unzufriedenheit, wenn bspw. die Grünen im Landtag irgendwelche Vertuschungen im NSU-Skandal verteidigen müssen, aber das ist dann eben der Preis dafür, in den eigenen Ressorts halbwegs unbehindert arbeiten zu können, und am Ende hat man Ergebnisse.
Jetzt aber haben wir das Problem, dass die FDP weiterhin nach den „alten“ Regeln spielen möchte und allen anderen Ministerien in ihre Gesetzesentwürfe reinreden, während die Grünen das absolut nicht mehr gewohnt sind und lieber gerne geräuschlos alle FDP-Projekte abnicken würden, (und das ja auch tun,) damit die FDP umgekehrt genauso handelt. Mit der Folge, dass die kleinste und destruktivste Partei in der Koaltion am Ende am meisten durchsetzt. (Wo steht eigentlich die SPD und der Kanzler in dieser Angelegenheit? Keine Ahnung. Von denen hört man ja nichts.)