Ich bin in Kontakt mit Menschen, die aus Überzeugung Erdogan gewählt haben. Diese Menschen konsumieren deutsche Medien nicht oder nur selten, sondern nur türkische Medien. Sie können teils gar kein Deutsch.
Wenn ich sie damit konfrontiere, dass Erdogan die Demokratie in der Türkei abbaut und Medienschaffende verfolgt, entgegnen sie mit Erdogans Argumenten: Diese Leute sind Terroristen. Und in der Opposition stehen auch alle den Terroristen nah. Erdogan hat also ganze Überzeugungsarbeit geleistet.
Überraschter bin ich jedoch darüber, dass dieselben Menschen in Detaildiskussionen jedoch eine völlig andere Sicht auf die Demokratie offenbaren. Sie sagen, dass mehr Demokratie ja mehr Laizismus bedeute und dann wieder Studentinnen an türkischen Unis kein Kopftuch mehr tragen dürften. So war das tatsächlich vor Erdogan. Sie begreifen aber nicht, wenn ich ihnen erkläre, dass Demokratie nicht gleich Laizismus ist, und dass unabhängige Medien für Demokratie unabdingbar sind.
Denn in ihrer Welt ist Demokratie etwas, was von Staatsgründer Atatürk vor genau 100 Jahren auf das türkische Volk aufgezwungen wurde neben vielen anderen „verwestlichenden“ Aspekten, wie eine neue Schrift (zuvor verwendete man die arabische Schrift). Daher hat das Wort „Demokratie“ eine völlig andere Bedeutung und steht insbesondere - wie in vielen anderen Ländern - eben nicht für die Freiheit, die vom Volke ausgeht, sondern ist ein Symbol von Verwestlichung. Und viele konservative und religiöse Menschen finden daher die Art, wie Erdogan die Macht erhält weniger wichtig als den Umstand, dass er doch bitte an der Macht bleiben solle, sonst wird die Türkei wieder schwach und wird weiter vom Westen unterdrückt.
Ich kann nicht sagen, ob diese Vorstellungen schon vor Erdogan da waren und er sie jetzt nur nutzt, oder ob sie von ihm gezielt geschürt wurden. Aber solche Dinge höre ich.
Ich persönlich kenne mich mit der Politik in der Türkei nicht aus. Ich halte aber generell nichts von politisch unterdrückten Medien oder Einzelpersonen, die länger als 12 Jahre regieren. Aber gleichzeitig sollte ein Volk immer selbst entscheiden, was das Beste für sie ist. Daher verurteile ich diese Meinungen und Sichtweisen nicht, wie einige andere hier. Aber ich teile gerne Erfahrungen, in der Hoffnung, dass sich dadurch insgesamt ein besseres Verständnis ergibt.