Getriggert hat mich vor allem der erste Beitrag, weshalb ich den Eindruck hatte, dass Funktionsweise, Sinn und Ziel des Wahl-O-Mat offensichtlich nicht verstanden wurde. Auf dieser Grundlage Kritik zu üben halte ich für relativ sinnlos, zumindest aber für nicht gewinnbringend oder zielführend. Wenn man etwas kritisch-konstruktiv kritisiert/kritisieren will, sollte man den Sachverhalt ansatzweise durchdrungen haben, sonst sollte man es beim Fragen belassen.
Ob du eine Partei wählst oder nicht, ist deine eigene, ganz persönliche Entscheidung und nicht die des Wahl-O-Mat, deswegen ist es schon grundlegend zu betonen, dass daraus keine Handlungsempfehlungen resultieren – genau so verstehe ich aber den Beitrag! Die zu beantwortenden Thesen werden in einem mehrstufigen Verfahren entwickelt (selbstverständlich auch aus den Programmen), es wird also nichts anhand von Wahlprogrammen „eingefüttert“. Ob die Partei, die der Wahl-O-Mat dir vorschlägt, deine Interessen vertritt, ist doch nicht Sinn und Zweck und kann der Wahl-O-Mat faktisch gar nicht beantworten. Auch hier wieder: out of scope.
Wenn man die Funktionsweise verstanden hat, folgt daraus, dass natürlich mehrere Parteien die gleichen Schnittpunkte hinsichtlich der Antworten haben können; die Antwort ist ja mehr oder weniger dichotomisiert (ja/nein, Zustimmung/Ablehnung). Zur BTW 2017 konnte man 32 Parteien – ja, 32!!! – miteinander vergleichen. Wo geht das so schnell und einfach? Unter der Voraussetzung, die Limitationen, die Wahl-O-Mat zweifelsohne hat, zu kennen.
Eric Linhart konnte in einer Studie von 2017 anhand von Wahl-O-Mat-Daten diverser Wahlen zeigen, dass die Positionen der AfD insb. in Ostdeutschland der NPD und in Westdeutschland der CDU sehr nahe sind. Aber es macht ja einen Unterschied (In vielerlei Hinsicht), ob ich CDU, NPD oder AfD wähle. Überraschen, dass die Positionen nahe beieinander liegen, sollte es aber eigentlich nicht. Wenn es um die Verortung von Politik- und Parteipositionen geht, kann der Wahl-O-Mat (und seine Daten) ein Instrument sein, um diese festzustellen. Der Wahl-O-Mat selbst, seine Existenz beeinflusst teilweise auch die (strategische) Positionierung der Parteien.
Es heißt gleich auf der Startseite: „Der Wahl-O-Mat ist keine Wahlempfehlung, sondern ein Informationsangebot über Wahlen und Politik.“ Ich bin geneigt, anzunehmen, dass jede und jeder das lesen und verstehen kann. Diejenigen, die als ‚politikfern‘ gelten, werden den Wahl-O-Mat ohnehin nicht nutzen.
https://www.wahl-o-mat.de/bw2021/app/main_app.html
Ich kann daher der Aussage bzw. These
nicht zustimmen. Wie viele genau sind denn „viele“? Ich tue mich schwer, aufgrund dieses Gefühls hier Generalisierungen vorzunehmen. Im Übrigen widerspricht die Begleitforschung hier deutlich, was man alles bei der bpb, wenn auch etwas veraltet, nachlesen kann:
Dass (traditionelle) Angebote der politischen Bildung einen gewissen bias haben und bestimmte Milieus, Schichten, Zielgruppen nicht erreicht werden, ist hinlänglich bekannt. Das kann man den Wahl-O-Mat aber schwer anlasten. Er sollte einfach als zusätzliches Angebot verstanden, beispielsweise die Kommunikation über Politik, Parteien, Politikfelder usw. zu fördern. Und, wie gesagt, es gibt in diesem Themenfeld zig andere Tools – alle mit anderen Zielsetzungen, Features usw. Für Österreich etwa: https://wahlkabine.at/
Schlussendlich halte ich zu diesem Thema die Position, lieber etwas verbieten/nicht machen, weil man nicht weiß, welche möglichen, völlig abstrakten ‚Gefahren‘ damit einhergehen könnten, für paternalistisch, und damit abzulehnen (und ich bin definitiv kein Fanboy von Christian Lindner!..).