Als jemand, der selbst aus einem nicht-akademischen Elternhaus stammt, mit einem Stipendium in Deutschland und international studieren durfte und heute als Professor auf der anderen Seite an einer größeren deutschen Universität steht, halte ich diese Diskussion für unvollständig und akademisch gefärbt.
Grundsätzlich stimme ich zu, dass es immer gut ist, wenn Menschen in einer Gesellschaft sich weiterbilden. Allerdings wird „Bildung“ in diesem Kontext implizit mit akademischer Bildung gleichgesetzt. Die deutschen Arbeitsmärkte brauchen meiner Einschätzung nach nicht mehr Betriebswirte, Ingenieure, Anwälte und Philosophen. Der eigentliche Bedarf liegt stärker in den klassischen Ausbildungs- und Handwerks und Pflegeberufen - die ohnehin schon durch den gesellschaftlichen Druck zum Studieren strukturell benachteiligt sind. An unseren Universitäten sitzen vermutlich eher zu viele Menschen als zu wenige, und genau diese fehlen uns dann in den nicht-akademischen Berufen.
Das stärkste Argument ist jedoch die Kostenfrage.
Laut einer schnellen KI-Recherche verdienen rund zwei Drittel der etwa 11 Millionen erwerbstätigen Akademiker:innen mehr als der typische Nicht-Akademiker — also rund 7 Millionen Menschen. Das ist natürlich stark fachabhängig. Aber mir ist bis heute nicht klar geworden, warum - um es provokativ zu formulieren - der Verfahrensmechaniker, der nach der Realschule mit 16 eine Ausbildung beginnt und dann jahrzehntelang Steuern und Sozialabgaben zahlt, dem Akademiker über BAföG und Co. das Studium mitfinanzieren soll, während viele Akademiker am Ende deutlich besser verdienen. Die Gewinne des Studiums werden damit weitgehend privatisiert.
Ich denke, wir sollten viel ernsthafter über einkommensabhängige Rückzahlungsmodelle nachdenken: Wer studieren möchte, nimmt dafür einen Kredit der Hochschule auf, den er nach dem Abschluss einkommensabhängig zurückzahlt. Einige Hochschulen - wie die Zeppelin Universität - bieten ähnliche Modelle bereits an. Wenn jemand ein Studium anstrebt, von dem er private Erträge erwartet und das häufig auch der persönlichen Selbstverwirklichung dient, sollte er die Lebenshaltungskosten selbst tragen. Die Allgemeinheit finanziert bereits die Infrastruktur - Lehrpersonal, Räumlichkeiten, Forschung - das ist ein erheblicher gesellschaftlicher Beitrag.
Zum Argument der gesellschaftlichen Investition: Das ist durchaus ein valides Argument. Aber jeder Investor prüft, ob seine Investition auch ertragreich ist - das steckt im Begriff schon drin. Bei ehrlichem Blick auf die aktuelle BAföG-Praxis prüft niemand, ob die Förderung gesellschaftlich positiv aufgeht. Es werden allein soziale Kriterien angelegt, ohne Rücksicht auf Motivation oder Erfolgswahrscheinlichkeit.
Schließlich möchte ich darauf hinweisen, wie privilegiert das Studieren in Deutschland im internationalen Vergleich ist. In den meisten Hochschulsystemen - insbesondere im angloamerikanischen Raum - sind Studiengebühren selbstverständlich. Ich will damit ausdrücklich keine amerikanischen Verhältnisse herbeireden. Aber die Selbstverständlichkeit, mit der erwartet wird, dass der Staat - also die Allgemeinheit - per se alles für jeden finanziert, ist angesichts der heutigen ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen nicht mehr zeitgemäß.