Hallo Jakob,
vielleicht kann ich versuchen auf die Fragen zu antworten oder zumindest meine Gedanken zu teilen - auch wenn ich zugegeben kein VWLer bin. Für eine kurze Einleitung zu einer „bodenfokussierten“ Sicht auf die Dinge siehe LdN 200 Wohnungspolitik vom Boden her betrachtet.
die Menschen verschulden sich längerfristig. Was bedeutet das für die Volkswirtschaft? Wofür wird in Zukunft deshalb weniger Geld ausgegeben?
Das ist (grundsätzlich) kein Problem, da eine Schuld ja immer auch ein Guthaben einer anderen Person / Institution ist. Wenn du ein Kredit bei einer Bank aufnimmst entsteht neues Geld „aus dem Nichts“ (entgegen der weit verbreiten Vorstellung Banken verleihen das Geld ihrer Kunden). Da grundsätzlich mehr Geld vorhanden ist kann auch (vereinfacht) gar nicht weniger ausgegeben werden. Natürlich ist dabei nicht irrelavant wofür man sich verschuldet - eine lockere Kreditausgabe für den Grundstückskauf hat wegen der speziellen Eigenschaften des Gutes sicherlich auch Einfluss auf die Preise.
Das Ganze ist auch erheblich ein Generationenthema (…)
Ein Generationenthema vor allem in den Staaten, die sich dem Eigentum (um jeden Preis) verschrieben haben. In GB gilt „my home is my castle“. Hier haben zwar auch viele kleinere Eingetümer die steigende Bodenpreisen mitgenommen - viele jüngere können sich aber ohne Erbe & Familie & staatliche Unterstützung kein Eigenheim mehr leisten. Aber auch innerhalb von Generationen sind Unterschiede was Familienvermögen und Erbe angeht erheblich.
Was bedeutet es für eine ganze Volkswirtschaft, wenn Immobilienpreise steigen, d.h. das Gesamt-Vermögen der Menschen damit auch, gleichzeitig aber für die Jetzt-Käufer das, was sie ausgeben können, weniger wird?
Es kommt auch auf die Verteilung (der Bodenwerte) an
Da Bodenwerte ein Bestandteil der Immobilienwerte und auschließend sind, sind natürlich für die meisten Menschen höhere Grundstückspreise ein Nachteil. Sie müssen dann länger auf Konsum verzichten und der frühere Eigentümer kann sich entsprechend mehr leisten. Größere Häuser z.b. - falls die Frage besteht warum trotz hoher Nachfrage für bezahlbares Wohnen nur entsprechende Marktsegmente bedient werden.
Es verschiebt sich also die Nachfrage zugunsten jener über Kreditvergabe neues Geld schaffen und an diejenigen die von steigenden Bodenpreisen die sogenannte „ökonomische Rente“ vereinnahmen können.
Was macht es mit der Landflucht?
Sie nimmt zu, falls man darunter versteht das viele auf dem Land leben. Da der Anteil der Bodenpreise in den Agglomerationsräumen höher ist als in ländlichen Gebieten ist es für jene die nicht an den Preissteigerungen teilhaben vergleichsweise attraktiver auf dem Land zu wohnen. Dazu kommt noch das es ja bezüglich Ressorcen- und Flächenverbrauch kein entsprechendes ökologisches Korrektiv gibt - würde es dem Verursacher etwas kosten das er x-mal soviel Fläche verbraucht würde er es nicht tun.
Beispiel: Ein öffentlicher Autoparkplatz kostet einer Stadt übrigens ca. 15 Euro am Tag - ein Parkausweis vieleicht 20-30 Euro im Jahr.
Andererseits kann es aber auch periodisch ganz normal sein das Leute aufs Land zuziehen und Personen freiwillig (weil ja so günstig ;-)) dorthin umziehen wollen.
Was macht das mit der Inflation? Warum steigt die gerade nicht wie blöde?
Die Inflation wird im allgemeinen über den Verbraucherpreisindex (VPI) abgebildetet. Dort ist Wohnen neben vielen anderen Gütern auch vertreten und soweit ich weiß nimmt es auch einen immer größeren Anteil an der Berechnung ein - andererseits besteht natürlich auch keine Gütergleichheit zwischen Wohnen früher und heute. Gewisse Preise sind für den Verbraucher im Alltag deutlich sichtbarer, da sie regelmäßig nachgefragt und ausgehandelt werden- Brotpreise z.b. Es ist also auch eine Messfrage mit einem Durchschnitt, wovon einzelne Güter extrem abweichen. Landpreise und (in der Folge) Immobilienpreise steigen seit vielen Jahren deutlich stärker als die allg. Inflation, wie der VPI sie misst.
was ist der angemessene Wert für Boden?
Ich finde das eigentlich die wichtigste Frage im Kontext des bezahlbaren Wohnens, würde sie aber anders formulieren & ergänzen: Was ist der angemessene Preis für Boden und wenn Boden aufgrund seinen besonderen Eigenschaften einen Wert hat, wem steht dieser zu? Bauland hat keine Herstellungskosten im eigentlichen Sinne, aber eine relative Knappheit. Die Frage wem dieser (exklusiv) zusteht ist allen voran eine politische Frage - mit den ökonomischen, ökologischen und sozialen Konsequenzen.
Was sagen denn die Experten zu der mittel- und langfristigen Preisentwicklung?
Kein Experte. Die Entwicklung der Landpreise (die auch der Haupttreiber der Immobilienpreise sind) ist in München seit 1950 ca. 69.000% gewesen. Die Preise verdoppeln sich aktuell alle paar Jahre in vielen Großstädten (siehe entsprechende Grundstücksmarktberichte der Gutachterausschüsse). Langfristig muss es auch mal wieder nach unten gehen - manche gehen soweit und sprechen von einem Landyzyklus in der Wirtschaft. (Der Link nur zu einfachen Erklärung, das Thema ist sicherlich wesentlich komplexer.)
Ist das alles eigentlich nur eine Sache von Angebot und Nachfrage?
Ich hoffe ich habe in einigen Aspekten (knapp) gezeigt - natürlich nicht!
Sie betrifft die Ökonomie - investiert man „produktiv“ in verbesserte Produktion oder investiert man in das Recht ein Land exklusiv zu nutzen / den Wert exklusiv zu erhalten?
Sie betrifft die sozialen Ungleichheit - was andere mehr hat, hat der andere weniger.
Sie betrifft die Ökologie - es treibt die Menschen aufs Land, wenn sie sich die Stadt nicht mehr leisten können. Höherer Ressourcen- und Flächenverbrauch.
Und was sagt eigentlich die SPD zu diesem ganzen Thema? Das ist doch ein ur-sozialdemokratisches Thema!
Der Bodenbezug der aktuellen Wohnungsfrage ist mit Einführung von Mietbeihilfen (und Lastenzuschüssen beim Eigenheim) stark gemindert worden. Er spielt in der politischen öffentlichen Debatte eher eine untergeordnete Rolle - immer auch abhängig der wirtschaftlichen und politischen Lage. Sie passt nicht ins Narrativ von „Markt“ (neoklassische Theorie) weil Boden eben keine Kartoffel oder Smartphone ist, sondern Umweltressource und Produktionsfaktor (neben Arbeit & Kapital).
Die SPD war in dem Thema aber eigentlich stark - u.a. Hans-Jochen Vogel (sein letztes Buch, mit 93 geschrieben) und Herr Conradi haben intensiv sich um solche Fragen gekümmert. Fairerweise natürlich eher mit Blick auf den Mietwohnungsbau, aber in der frühen BRD auch mit Blick aufs Eigenheim. Damals nach dem Krieg war das „selbstversorgende Eigenheim“ ein Lebensmodell was der Zeit entsprach, durchaus auch parteiübergreifend, auch in der SPD.
Ich wünsche viel Glück bei der Suche nach einem neuen Zuhause! Volkswirtschaft und die Wohnungsfrage konnte ich ohne Bodenbezug nicht so stehen lassen 