Das BVerfG hat damals aber auch sehr deutlich gemacht, dass es zwar verständlich ist, wenn Abgeordnete (egal welcher Partei, egal ob Regierung oder Opposition) gegen die Vertrauensfrage klagen (denn die Auflösung des Bundestages bedeutet eine Verkürzung ihres Mandates!), es aber gleichzeitig nicht wirklich prüfen kann, ob das Vertrauen in den Kanzler tatsächlich verlorengegangen ist. Bei Rot-Grün damals konnte man argumentieren, dass SPD und GRÜNE sich eigentlich weiterhin einig waren und - hätte Schröder die Bundestagswahl 2005 gewonnen, hätte er wohl wieder mit den GRÜNEN regiert, wäre das rechnerisch möglich gewesen. Daher war die Vertrauensfrage damals tatsächlich „fingiert“, weil es eigentlich keinen Bruch der Regierungskoalition gab.
Heute sieht die Lage anders aus. Durch das Austreten der FDP aus der Regierungskoalition besteht, insbesondere im Rückblick auf die letzten drei Jahre, kein ernsthafter Zweifel daran, dass die FDP tatsächlich nicht mehr mit SPD und GRÜNEN regieren will, weil man sich auf ganz grundsätzliche Fragen nicht einigen konnte und auch mittelfristig nicht einigen können wird. Insofern handelt es sich relativ klar um eine „echte“ Vertrauensfrage und nicht um eine „fingierte“, eben weil die Regierung aus SPD und GRÜNEN tatsächlich keine Mehrheit im Bundestag hat, nachdem Lindner rausgeworfen wurde und die FDP daraufhin kollektiv die Koalition verlassen hat.
Anders gesagt: Wenn das BVerfG schon 2005 die tatsächlich fingierte Vertrauensfrage akzeptiert hat, hat es 2024 nun wirklich keinen Grund, die nicht-fingierte Vertrauensfrage zu kassieren. Das wäre hochgradig inkonsequent. Daher gibt es dieses Mal keinen ernsthaften Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Vertrauensfrage.
Ich verstehe nicht, warum „ein gewisser Teil mit Ja Stimmen“ müsse. Auch SPDler und GRÜNE können jetzt mit Nein stimmen, wenn sie der Meinung sind, dass eine Rot-Grüne Minderheitsregierung, selbst wenn sie mit Unterstützung anderer Parteien zu Stande käme, nicht handlungsfähig sei. Klagen dagegen wären relativ aussichtslos.
Niemand muss bei der Vertrauensfrage mit Ja stimmen. Es liegt rein an SPD und GRÜNEN, ob sie mit Ja stimmen und hoffen, dass FDP, CDU, LINKE oder gar AfD/BSW sie unterstützen und so die Neuwahlen verzögern oder ob sie alle mit Nein stimmen (oder sich enthalten, was „diplomatischer“ ist) und damit 100% sicher stellen, dass der Bundestag aufgelöst wird. Vermutlich wird es eine Mischung aus Beidem, wie damals auch. SPD und GRÜNE wollen sich einerseits nicht die Blöße geben, dass jemand sagen kann, Scholz sei mit 100% der Stimmen abgewählt worden, werden aber andererseits nicht zulassen, dass sie zu einer „Minderheitsregierung wider Willen zu Gnaden der AfD“ werden. Und das ist ihr gutes Recht.
Ich glaube, Steinmeier ist zu sehr Realist, um das zu versuchen. Die Union ist in der bestmöglichen Ausgangsposition für die vorgezogene Neuwahl und hat wirklich so gar keinen Grund, nun die SPD zu stützen. Also Ich denke, die Erfolgswahrscheinlichkeit eines solchen Versuches wäre gleich Null gewesen und wäre möglicherweise gar als „parteipolitisch motiviert“ von Steinmeier gedeutet worden („Der will seine SPD an der Regierung halten“)