Verständnis von Biodiversität

Liebes Lage-Team,
auch ich möchte mich zum Thema Biodiversität in der LdN 400 äußern – ein Thema, das angesichts seiner Dringlichkeit m.M.n. medial unterrepräsentiert ist. Umso mehr hab ich mich gefreut, dass ihr euch des Themas mal wieder annehmt. Aber umso strenger bin ich vielleicht auch mit meiner Kritik. Folgende drei Punkte sind mir besonders wichtig:

  1. sinkende Artenvielfalt – „who cares?“
    Ihr erklärt, dass eine große Artenvielfalt der langfristigen Funktionalität von Ökosystemen dient und zwar auch dann, wenn sich Umwelteinflüsse ändern. Wer hat also ein Interesse an funktionalen Ökosystemen? Ganz sicher – und das ist im Podcast vordergründig – haben langrüsselige Hummeln und die von ihnen bestäubten Pflanzen ein Interesse daran. Aber Hummeln und Pflanzen können in der Regel nichts daran ändern, dass die Artenvielfalt sinkt. Das kann und tut der Mensch. Deshalb lohnt es sich vor allem, den Menschen zu erklären, warum sie für ihr Überleben und Wohlbefinden auf Artenvielfalt angewiesen sind. Diese Gelegenheit habt ihr leider ausgelassen. Ich wünsche mir, dass ihr beispielsweise noch einmal über das Konzept der ÖKOSYSTEMDIENSTLEISTUNGEN sprecht, das übersichtlich und leicht verständlich zeigt, dass Biodiversität eine sehr greifbare Voraussetzung für das Wohlbefinden und den Wohlstand aller Menschen ist.

  2. Was sind die Ursachen für den Verlust von Biodiversität?
    Laut Millennium Ecosystem Assessment (2005): Ecosystems and Human Well-Being: Synthesis Report sind es der VERLUST VON LEBENSRAUM (vor allem durch Agrarwirtschaft), die AUSBEUTUNG VON ÖKOSYSTEMEN (vor allem durch Überfischung), die EINFÜHRUNG NICHT-EINHEIMISCHER ARTEN sowie ÜBERDÜNGUNG. Dafür, dass die intensive Landwirtschaft in dieser Liste gleich zwei mal vorkommt, nämlich im Zusammenhang mit Lebensraumverlust und Überdüngung, kommt sie m.M.n. in eurem Podcast zu glimpflich davon. Aber ich verstehe, dass ihr nicht jeden, auch noch so gewichtigen Punkt vertiefen könnt. Die Einführung von nicht-einheimischen Arten, wird im Podcast jedoch derart undifferenziert betrachtet, dass sie zur Falschinformation verzerrt wird. Ihr sagt etwa: es ist ein Lichtblick, dass Arten hierher kommen, sich ausbreiten und damit für Vielfalt sorgen. Sollte damit bspw. gemeint sein, dass sich Wärme und Trockenheit liebende, einheimische Arten wie Bienenfresser, Wiedehopf und Gottesanbeterin derzeit und in Zukunft wieder stärker nach Norden und damit auch in Deutschland ausbreiten, dann habt ihr Recht. Allerdings sehe ich angesichts der Tatsache, dass die Ausbreitung nicht-einheimischer Arten gerade eine der Hauptursachen für den Verlust von Biodiversität ist, eher die Gefahr, dass eure Äußerung so verstanden wird, dass Hörer*innen bspw. zu der Ansicht kommen, der nicht-einheimische und invasive Sachalin-Staudenknöterich in ihrem Garten trüge zur Artenvielfalt bei. Das Gegenteil wäre der Fall. Dieser Punkt sollte m.M.n. von euch korrigiert oder ausdifferenziert werden.

  3. die Situation ist insgesamt betrüblich
    Gute Nachrichten und Erfolgsberichte, wie die „Rettung“ der einheimischen marinen Säugetiere tragen sicherlich dazu bei, dass Menschen Interesse zeigen, optimistisch bleiben und sich vielleicht sogar für mehr Artenschutz engagieren. Ich vermute, genau das war eure Intention und das finde ich gut und wichtig. Darüber hinaus gönne ich euch auch den Biene-Maja-Witz. Allerdings muss ich mich trotzdem den Kommentator*innen anschließen, die bemängeln, dass ihr zu sehr die altbekannten Narrative von der putzigen Hummel und vom realitätsfernen Insektenenthusiasten bedient. Als verwöhnter LdN-Hörer bin ich akribische, differenzierte und kritische Besprechungen von Klimapolitik gewohnt und frage mich dann: warum nicht zum (viel dringenderen) Biodiversitätsverlust? Ich denke, dass man das Thema genau so aus der „Öko-Ecke“ herausbekommt bzw. besser noch mehr Menschen in die „Öko-Ecke“ hinein. Denn was dort besprochen wird, ist gar nicht so putzig und realitätsfern.

Hallo Ulf @vieuxrenard ,
das meiste von dem, was ihr gesagt habt, war nach meinem Kenntnisstand richtig. Ein Satz ist mir aber aufgefallen, der entweder tatsächlich falsch gemeint ist oder aber so viel Potenzial zur Fehlinterpretation bietet, dass er einer Korrektur bedarf. In meinem Beitrag in „Verständnis von Biodiversität“ erläutere ich unter 2. was ich meine. (eingefügt Mod.)

Abseits dessen hatte ich einen tollen Abend bei der Lage-Live in Leipzig, bin wahnsinnig dankbar für eure Arbeit und werde euch natürlich weiterhin zuhören!

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