Umgang von Tageszeitungen mit der AfD und der negativen Leserreaktion

Badische Zeitung - AfD-Wahlwerbung. Die kostenlose Sonntagszeitung Der Sonntag hat eine Beilage der AfD enthalten. Diese Beilage war mutmaßlich erst auf einer der hinteren Seiten als Beilage der AfD gekennzeichnet.
Dieses Thema hat im Großraum Freiburg / Breisgau einiges an Staub aufgewirbelt und zeigt das Dilemma im Umgang mit der AfD als demokratisch-gewählte Partei. Die Zeitung möchte vielfältige (auch unbequeme, ggf. fragwürdige Meinungen abbilden), aber die vorwiegend mitte-links Leserschaft geht auf die Barrikaden und droht mit Storno der Abonnements.

https://www.badische-zeitung.de/in-eigener-sache-die-abwaegung-war-im-ergebnis-falsch--198698355.html
https://www.badische-zeitung.de/in-eigener-sache-bz-spendet-erloes-der-afd-beilage-an-verein-und-aktion-weihnachtswunsch--198831310.html

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Das Problem dabei ist, dass die AfD sich teils ganz offen gegen die Rechtsstaatlichkeit stellt und den demokratischen Diskurs zu antidemokratischen Handlungsweisen drängt. Dass man alle demokratischen Parteien gleich behandelt ist halt eben genau so eine Sache, weil man dann ja für die Verschiebung mitverantwortlich ist.

Ohne, dass ich Ihnen zu nahe treten möchte, Peter, so lese ich zwischen den Zeilen mit den Formulierungen von Ihnen „demokratisch gewählte Partei“ und „die Mitte-Links Leserschaft geht auf die Barrikaden“ genau eine solche Verschiebung. Stehen Sie auf der Seite der AfD als demokratisch-gewählte Partei? Stehen Sie auf derjenigen der mitte-links Leserschaft, die sich keine rechtsoffenen bis rechtsradikalen Werbeinhalte in ihrer Sonntagszeitung wünscht?

Tragen Sie zur Verschiebung des Diskurses bei, indem die Leserschaft als mitte-links bezeichnet wird? Indem die AfD als demokratisch-gewählt bezeichnet wird, statt als mindestens rechts? Trotz des Hinweises auf eine rassistische Propaganda-Beilage im Artikel, den Sie selbst verlinkt haben?

Habe ich Sie missverstanden oder was ist der Vorschlag, über den Sie sprechen möchten?

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Die Formulierung „demokratisch gewählte Partei“ stammt direkt aus einem der Links, diese Formulierung wurde in der Antwort der Zeitung aufgrund der Leserreaktionen gewählt.
Die Einordnung der Freiburger Einwohnerschaft als im Durchschnitt mitte-links was die Parteienpräferenz angeht stammt aus meiner eigenen Erfahrung (12 Jahre) als Einwohner (Studienzeit und danach).

Ich selber bin übrigens Grünen-Wähler. Auch wenn mir viele der Ansichten der AfD sehr stark missfallen, wurde diese Partei von ausreichend vielen Mitmenschen in BaWü und Deutschland in die diversen Landtage und den Bundestag gewählt. Und an der Stelle ist es absolut egal, was ich von diesem Zustand halte. Über die Inhalte kann ich anderer Meinung sein, darf diese auch ablehnen, muss es aber gleichzeitig akzeptieren, dass andere Menschen mir unsinnig-erscheinende andere Meinung haben und diese frei äußern können. Zumindest bis zur nächsten Wahl ist diese Partei im Parlament vertreten und das muss ich aushalten können.

Mir ist die Verschiebung des Sagbaren durch die AfD durchaus bewusst, über die (anti)demokratische Haltung lässt sich ebenfalls vortrefflich diskutieren.
Für mich ist die Diskussion über das richtige Wording an dieser Stelle kontraproduktiv. MMn ist das sogar ein großes Übel, weil es Leute wie mich die nur 90% statt der erwarteten 100% gegen die AfD sind schon direkt zu einem Sympathisanten der AfD verklärt werden.

Aber es geht mir um etwas ganz anderes.

In diesem konkreten Fall hat die BZ (nach bestem Wissen und Gewissen) einen Werbeflyer der AfD in die Zeitung gelegt. Diese Zeitung ist kostenlos und muss sich irgendwie finanzieren. In Freiburg und Umland sind die AfD-Positionen (gelinde gesagt) unbeliebt!
Weswegen viele der Leser mit Kündigung der Abos gedroht haben.

Ich möchte deshalb gern darüber sprechen:

  • Soll eine Zeitung alle Parteien gleich behandeln?
  • Muss eine Zeitung sogar alle Parteien gleich behandeln? Wobei es egal ist, was die Redakteure, Verleger etc. von den Ansichten halten.
  • Darf sich eine Zeitung die Inhalte durch den Mob (absichtlich provokant formuliert) vorschreiben lassen?

Meiner Ansicht nach muss eine Zeitung alle Parteien gleich behandeln, weil wir sonst sehr schnell in eine Zensur abgleiten. Und die AfD kann sehr schnell wieder in das übliche Opferschema flüchtet.
Ebenfalls muss die Zeitung irgendwie Geld verdienen, woher sollen die Mitarbeiter sonst ihre Kühlschränke füllen. Sonst haben wir nur noch populistischen Online-Yournalismus in Manier von Telegram-Kanälen und Youtube-Videos.
Meiner Ansicht nach darf es nicht die Erwartungshaltung geben nur noch gewünschte und genehme Inhalte und Werbeerlöse anzunehmen. Die Zensur führt doch gerade dazu, dass sich die Gräben in der Gesellschaft immer weiter auftun, jeder flieht nur noch in seine Filterblase.

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Jain, denn der Vorwurf das alle Parteien gleich sind - der gerne von der AfD kommt - ist gelinde gesagt Unsinn. Bei offensichtlich undemokratischen Parteien, das sind rechtsextreme Parteien, aber auch Parteien die Rechtsextreme in ihren Reihen dulden kann von keinem Demokraten verlangt werden deren verfassungswidrigen und verfassungsuntergrabenen Inhalte zu verteilen.

Die Berichterstattung der Presse ist frei, ebenso die Auswahl der Anzeigekunden. Aber diese Freiheit wird gerne missverstanden als Möglichkeit alles zu machen, ohne auch scharfe Kritik erdulden zu müssen. Die Prinzipien der Berichterstattung (wahrheitsgemäß und faktenbasiert etc.) gelten für alle Parteien, aber da werden dann nicht alle Parteien gleich bewertet werden.

Im Kern geht es bei der Kritik der Rechten an Medien, nicht darum eine freie Presse zu etablieren, sondern ihre substanzlosen, mit dem Grundgesetz unvereinbaren Thesen zu verbreiten. Zu der Diskursverschiebung nach Rechts ist es notwendig vormals als abwegig betrachtete Narrative in den Diskursraum der überregionalen Tageszeitungen zu setzen. In dem man eine Partei wie die AfD in den von (bürgerlich-konservativen) Diskursraum platziert, verharmlost man sie.


xkcd: Free Speech / Creative Commons Attribution-NonCommercial 2.5 License.

Wenn eine Zeitung nicht für den Leser schreibt, schreibt sie wohl bereits für den Anzeigekunden?

Hier wieder schön die Narrative der Rechten - es gäbe ein „Mob“, der etwas „vorschreibt“ (was die „schweigende Masse“ nicht will). Reale Situation - Zeitung bekommt Leserfeedback und entscheidet selber was sie aus dem Feedback macht. Selbst wenn es jetzt mal provokant formuliert war, sowas kann man entsprechend niveauloser mit wüsten Beschimpfungen auch in rechtsextremen Chat-Gruppen lesen.

Ich glaube auch nicht das man sich einen Gefallen tut wenn wenn solchen substanzlosen rechten Frames nachgibt. Die AfD wird nicht verschwinden wenn sie kritiklos - und darum gehts hier - ihre Propaganda verbreiten darf. Eine Zeitung, die das machen will darf das. Solche Zeitungen gibt es, man findet sie auch in fast jedem Kiosk (weil diese durch Großhändler bestückt werden). Man kann sich dann aber auch als Zeitung fragen, ob sie sich noch im demokratischen Spektrum - das immerhin von sehr konservativ (CSU) bis links (Linke) reicht - wiederfindet.

Ich finde abseits dessen hat Parteienwerbung in einem Medien das „frei“ berichten will nichts zu suchen.

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Nö.

Nein. Öffentlich-rechtliche Medien müssen im Prinzip alle Parteien gleich behandeln, weil sie durch allgemein verpflichtende Gebühren finanziert werden. Im Falle der AfD wird das aber dadurch relativiert, dass öffentlich-rechtliche Medien ebenfalls verpflichtet sind, für die freiheitlich-demokratische Grundordnung einzutreten.

Private Rundfunk- und Fernsehsender müssen meines Wissens unter gewissen Umständen auch alle Parteien gleich behandeln. Das wird dadurch begründet, dass die Zahl der verfügbaren Frequenzen begrenzt ist, und daher nicht jeder jederzeit neue Sender gründen kann, wenn die alten ihm nicht passen.

Auf Zeitungen und Internetmedien trifft das offensichtlich nicht zu. Man stelle sich auch mal den Aufschrei in konservativen Leitmedien vor, („Staatssozialismus! Linksgrüne Meinungsdiktatur!“) würde z.B. die Linke versuchen die Welt oder FAZ zu zwingen, ihren Blättern eine Zeitschrift beizulegen, in der über Vermieter, Unternehmer, Aktienbesitzer und andere Mtiglieder ihrer Kernleserschaft abfällig geschrieben wird (und die „mutmaßlich erst auf einer der hinteren Seiten als Beilage der Linken gekennzeichnet“ wäre).

Ich sag’s mal so: Der Markt regelt das.^^

Niemand ist gezwungen eine Tageszeitung zu abonnieren, deren Hauspolitik einem nicht gefällt. Und wenn die Herausgeber der Zeitung schon keine eigene Haltung haben, die ihnen die Zusammenarbeit mit faschistischen Parteien verbietet, dann müssen sie halt betriebswirtschaftlich abwägen, wieviele verlorene Abos es ihnen wert ist, einmal alle paar Jahre im Wahlkampf ein bisschen Anzeigenkohle herein zu bekommen.

Du möchtest dich bitte genauer informieren, was Zensur ist (und was nicht). Abgesehen davon opfert die Afd immer rum, egal was passiert. Das ist eine Strategie um das zu bekommen, was man will. So wie kleine Kinder anfangen zu schreien, wenn sie keine Süßigkeiten bekommen, weil sie irgendwann mal gelernt haben, dass Mama dann schnell genervt ist und dann einlenkt.

Das sagen sie alle.

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Ich bin hier auch auch klar auf @PeterJ Seite.
Ich wünsche mir etwas mehr Vertrauen auf die Resilienz der Leser. Die werden selbst entscheiden, ob sie die AFD Inhalte überzeugend finden.
Dabei stellt die AFD in meinem Augen keine große Gefahr dar, solange man ihr so vorsichtig begegnet.
Dass eine Partei mit CDU Positionen aus den 80igern heute noch von 10% der Menschen Gewählt wird, ist Zeichen für Fortschritt und nicht für Rückschritt. Man wird immer für einen Teil der Bevölkerung zu weltoffen und rechtsstaatlich sein.

Handelt es sich bei Ihrer Antwort zum Medienrecht um nachgeprüfte Inhalte oder ihre persönlichen Vermutungen? Ein Link wäre hilfreich, da Sie doch einige Dinge zusammen legen.

Zur Aussage „Der Markt regelt das“ erhalten Sie vollste Zustimmung. Trotzdem hadere ich auch hier mit Ihrer (recht pauschalen) Aussage „Wenn der Herausgeber der Zeitung keine Haltung hat“.
Ohne Anzeigen kommt kein Geld rein, ohne Geld wird die Zeitung eingestellt. Ist ganz simpel!
Deswegen glaube ich, ist es den Zeitungsherausgebern mehr oder weniger egal woher das Geld kommt, hauptsache der Kühlschrank ist gefüllt und die Miete bezahlt.

Zur Haltung: Für mich ist es ebenso Haltung, wenn eine Zeitungsredaktion bewusst entscheidet diese Werbung anzunehmen und beizulegen. Und sich eben nicht von einer kleinen aber lauten Masse vorschreiben lässt was veröffentlicht werden darf und was nicht.

Zum Zensur-Begriff: Sagen Sie doch einmal was Sie unter Zensur verstehen? Wo fängt das für Sie an?
Für mich fängt Zensur bereits mit diesen kleinen, subtilen Aktionen an.
Klar ist das Kündigen von Abos ganz weit von einer Vorgabe durch politische Parteien, das Schließen von Redaktionen, die Überwachung und Inhaftierung von Journalisten ganz weit entfert.
Dennoch bleibe ich dabei! Für mich ist es bereits eine Form von Zensur, wenn eine laute Masse an Lesern über die Inhalte einer Zeitung bestimmen möchte.

Alle Feinde der Demokratie, alle Querulanten, Querdenker und Unzufriedenen wandern einfach zu anderen Medien und Formaten ab. Twitter, Parler, Telegram und wie sie alle heißen mögen.
Dann entsteht eine von der Öffentlichkeit uneinsehbare Informationsblase und die Radikalisierung geht weiter.
Unter dieser Abwägung ist es mir lieber mir den Quark öffentlich anzuhören und zumindest sichtbar vor mir zu haben.

Ich stimme dir zu, aber ist nicht jedes Interview eines Politikers ein Stück „Parteiwerbung“?

NEIN, denn Zensur findet von OBEN nach unten statt. So eine „Graswurzelbewegung“ hat nicht die MACHT Zensur auszuüben. Manche Leute versuchen ein eigentlich lieb gewordenes Medium erst durch lautstarken Protest umzustimmen bevor sie die Reißleine ziehen und es der „Macht des Marktes“ ausliefern.
Das Thema finde ich wichtig, aber deine Begründungen scheinen mir vorgeschoben. Mich erinnert das an einen Wolf im Schafspelz denn sonst würdest du den Begriff Zensur nicht so verunstalten, verbiegen und umdeuten. Solche Vorgehensweisen kenne ich schon aus anderen Foren.

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Es ist keine Werbung im eigentlichen Sinne. Und es liegt ja an der Zeitung, wie sie in der eigentlichen Berichterstattung mit Partei-Eigenlob umgehen will.

DieSendung Kontraste von gestern hat ein neues beängstigendes Themenfeld aufgezeigt.

https://www.rbb-online.de/kontraste/archiv/kontraste-vom-14-01-2021/wie-die-afd-trumps-maerchen-ins-deutsche-uebersetzt.html

Ich bin der Meinung, dass Medien nicht verpflichtet werden sollten, Verlautbarungen einer bestimmten Partei, die nicht verboten ist, nicht zu veröffentlichen. Eine andere Frage ist, ob ein Verleger morgens noch in den Spiegel gucken kann. Und selbstverständlich darf jeder Leser bestimmte Medien meiden, wenn ihnen der Inhalt dauerhaft gegen den Strich gehen (wie ich z.B. die Welt oder NZZ, die ich (viel) früher gern mal gelesen hatte, um meine Blase herauszufordern).

Man sollte m.E. mehr auf den Inhalt abstellen statt auf den Autor (Quelle, ViSdP, …).

Das ist im Grunde eine ganz ähnliche Diskussion wie die, ob private Unternehmen, die soziale Medien betreiben,

  1. die Pflicht haben sollten, bestimmte Inhalte, die „die Gesellschaft“ als schädlich betrachtet (s.u.), nicht zu veröffentlichen
  2. das Recht haben sollten, bestimmte Inhalte, die die Verantwortlichen in dem Unternehmen als unerwünscht betrachtet, nicht zu veröffentlichen

Vor allem 2. ist keine Zensur (auch wenn sie nach meinem Verständnis als #CancelCulture verstanden wird). Wenn aber ein Medium eine derartige Reichweite hat, wie Facebook, Twitter & Co. oder auch die BILD, dann kann das sehr problematisch werden (wie vielfach in der LdN diskutiert). Im Fall eines regionalen Anzeigenblättchens ist das sicherlich anders zu bewerten.

  1. wäre m.E. schon eine Form von Zensur. Trotzdem müssen wir darüber nachdenken, wie eine Gesellschaft sich davor schützen kann, dass (a) Lügen (siehe die aktuelle Kampagne der AfD, ich glaube in Thüringen, gegen Briefwahl - 100% von Trump kopiert!) oder (2) Hass eine weite Verbreitung finden und das Fundament unserer Demokratie erodieren. Bislang scheitert das m.W. daran, dass es keine objektivierbaren Abgrenzungen von Lüge oder Hass gibt.

In diesen Zusammenhang verweise ich auch noch auf die Diskussion, was eigentlich eine ausgewogene Berichterstattung wirklich ist. Hier gibt es inzwischen einen Bewusstseinswandel, aber die Ausgewogenheit wird v.a. bei den ÖR immer noch falsch verstanden, weshalb immer noch viel zu viel völlig abseitige „Meinungen“ zu Wort kommen, denen eigentlich aufgrund völlig falscher Faktenlage wenigstens klar und deutlich widersprochen gehört (was aber einen faktenfesten und durchsetzungsfähigen Moderator voraussetzt).

Dieser Aspekt macht ein sehr gutes 4 1/2 minütiges Video von John Oliver sehr deutlich:

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