Einen erheblichen. Musk ist derjenige, der für den Eindruck, Tesla sei in Sachen autonomem Fahren allen anderen X Jahre voraus, zentral verantwortlich ist. Er trötet bei jeder Gelegenheit in eben diese Tröte. Die nackte Realität gibt dieses Bild nämlich bei Weitem nicht her - siehe Mercedes, siehe Waymo.
Du siehst also offenbar die Person Musk kritisch - was lobenswert ist - gehst ihm aber was seine Tesla-Prophezeiungen zum autonomen Fahren angeht weiterhin auf den Leim. Das ist schon irgendwie ein Widerspruch.
Ich glaube, du liegst einem populären Irrtum auf, wie selbstfahrende Autos funktionieren. Das ist mitnichten so, dass da einfach nur ein KI-System wie eine Blackbox in ein Auto gebaut wird, und dem bringt man dann durch unendlich viel Training bei, wie man Auto fährt - und mit jedem Kilometer mehr Trainingsdaten wird das unaufhaltsam besser. Dieser Ansatz hat sich schon vor langer Zeit als wenig erfolgreich erwiesen.
Stattdessen sind heutige Systeme in mehrere Untersysteme geteilt, und nur manche davon benutzen KI - in allererster Linie die Klassifikationssysteme, die in Bildern (oder genereller: in allen Sensordaten) bekannte Muster erkennen und in einer zeitlichen Sequenz von Daten kontinuierlich tracken sollen. Wenn es aber darum geht, aus den erkannten Dingen konkrete Strategien fürs Fahren und infolgedessen Steuerbefehle für die Aktoren zu machen, spielt KI wenn überhaupt höchstens noch eine Nebenrolle. Dieser Teil wird beherrscht von ziemlich klassischen, regelbasierten Systemen, die Softwareentwickler niederschreiben, in Simulationen validieren, debuggen, … eben relativ klassische Softwareentwicklung.
Und da ist jetzt die Crux: deine Idee, es gäbe exponentielle Verbesserung, trifft auf diese Art Arbeit nicht zu - das Gegenteil ist der Fall! Mit Anwachsen der Größe von solchen Systemen wächst die Komplexität exponentiell an, und die Entwicklungsgeschwindigkeit sinkt umgekehrt dazu exponentiell. Wir Softwareentwickler haben uns über die Jahre natürlich immer neue Tools geschaffen, um diese Entwicklung zu verlangsamen und immer größere Systeme beherrschbar zu machen, aber zu einem guten Teil geschieht das auch nur dadurch, dass man es ermöglicht hat, mit immer mehr Personen gleichzeitig an einem großen System zu arbeiten. Das Grundproblem, dass es eine Art gläserne Decke gibt in der Komplexität der von Menschen wartbaren Systeme, ist damit nicht ausgehebelt - die Decke wird nur langsam nach oben geschoben, unter immer größerem finanziellen und personellem Aufwand. Und diese Entwicklung beschleunigt sich nicht - sie verlangsamt sich. Uns gehen nämlich die Menschen aus, die man auf das Problem werfen kann.
KI ist eine Art Cheat um dieses Problem herum - „tu etwas komplexes für mich, von dem ich nicht weiß, wie ich es programmieren könnte, und ich will es auch gar nicht wissen“. Leider geht dieser Cheat mit diversen unerwünschten anderen Problemen einher, unter anderem dem Problem, dass „ich will es auch gar nicht wissen“ bedeutet, dass ich im Fall von Fehlern halt auch nicht weiß, warum sie passieren, und sie auszumerzen oft mehr mit Glück als mit Nachvollziehbarkeit zu tun hat. Und wo Glück ist, ist auch Pech nicht weit, und der Fix für ein Problem produziert vielleicht drei neue. Alles Dinge, die man bei der konkreten Umsetzung einer Steuerung eines Autos ganz und gar nicht brauchen kann - was einer der wichtigsten Gründe ist, warum der naive Ansatz, einfach eine KI auf das Gesamtproblem zu werfen, schon lange gescheitert ist. Und warum die Annahme, autonome Autos würden „von selbst“ mit jedem Kilometer besser, halt nicht stimmt. Jede Verbesserung muss hart durch menschliche Engineering-Arbeit erkämpft werden, und Menschen ersticken dabei irgendwann in exponentiell zunehmender Komplexität.
Aber wir schweifen ab…
Das könnte sogar zutreffen. Wobei du da auch unzulässig vereinfachst. Es ist ja nicht so, dass a) die Produktion der Autos CO2-neutral wäre. Und b) der Strom vollkommen CO2-neutral produziert werden könnte. Selbst Windstrom braucht Windräder, deren Aufbau wird noch sehr lange Zeit CO2 erzeugen. Und Strom, der im Straßenverkehr verbraucht wird, fehlt halt anderswo, wo er auch dringend benötigt wird, um Prozesse zu dekarbonisieren - sprich wo diese Entwicklung länger dauert, wenn der Strom sinnlos für Raserei im Straßenverkehr verballert wird.
Denn eine kritische Sache steigt auch exponentiell: der Windwiderstand und die zu seiner Überwindung nötige Energie. Und zwar mit steigender Geschwindigkeit.