Anders mit Sicherheit, aber nicht unbedingt weniger geschlechtsspezifisch. Vor einigen Jahren hatten wir den Fall auf dem Schulhof, dass ein Mädchen einem Jungen auf den Hintern gehauen hat, er hat sich umgedreht und ihr eine ziemlich heftige Ohrfeige verpasst, worauf sie sich bei der Aufsicht beschwerte. Ich fand interessant zu beobachten, wie schräg das unter den Kolleg:innen diskutiert wurde, weil hier halt die Rollen vertauscht waren. Da stand im Mittelpunkt, dass der Junge sich unverhältnismäßig gewehrt habe. Ich kann es natürlich nicht beweisen, aber meine Vermutung ist schon, dass die Abwägung andersrum sehr anders ausgefallen wäre.
Aus Gesprächen mit unseren externen Sexualpädagogen bekomme ich auch mit, dass bei den Jungen eine krasse Spannung entsteht, weil sie von den „Traditionalisten“ mit sehr klaren Ansagen konfrontiert werden, wie „Mann“ zu sein hat, während von „Modernisten“ vor allem eine große Offenheit und die Aufforderung, sich erstmal selbst drüber klar zu werden, was man fühlt und wie man sich verhalten will, angeboten werden. Das ist in einer Schülerschaft, die fast komplett nicht in der Lage ist, sinnzusammenhängend zu lesen, wenig überraschend, dass sie nur eine Seite wirklich verstehen, während sie von dem anderen Angebot komplett überfordert sind, denke ich.
Grade beim Thema Gewalt höre ich auch immer wieder Erklärungen wie „Ich muss den schlagen, sonst respektiert der mich nicht“ oder ähnliches und ich habe bei meinen beiden Jungs in der Kita bzw. in der Schule immer mal wieder den Eindruck gehabt, dass bei Jungs eher erwartet wird, dass sie sich selbst gegen Gewalt behaupten, als dass sie sich Unterstützung bei Erwachsenen holen. Nicht im Ausmaß einer bewussten Aufforderung, aber wenn man mal beim Abholen die gleiche Erzieherin sieht, wie sie mit der Klage eines Mädchens und kurz darauf mit einer ähnlichen Klage eines Jungen umgeht, fällt mir manchmal schon ein deutlicher Unterschied auf.
Bei uns und in unserem Freundeskreis sammel ich ähnlich ambivalente Eindrücke. Grade in Krisen oder wenn der Druck hoch ist, fallen wir alle oft in die gelernten Muster, manchmal halt in etwas abgewandelter Form. Ich war beim ersten Kind so entschlossen, ganz männlich heldenhaft meine Pflichten zusätzlich zum vollen Studium zu übernehmen, dass ich irgendwann im Bus saß und mir schwindelig wurde und ich zittrige Hände hatte. Bin dann an einer Apotheke ausgestiegen und wollte, dass die mich auf Diabetes testen oder so. Die Frau, die dort arbeitete hat sich kurz erkundigt und als ich meinte, dass wir grade Eltern geworden sind, hat sie gefragt, wann ich das letzte Mal wenigstens 6 Stunden durchgeschlafen hätte und weil ich das nicht sagen konnte, hat sie gemeint, ich sollte wiederkommen, wenn ich mal richtig geschlafen hab und es nicht besser wird. Fortschritt: Manche Männer machen Carearbeit und viele ernten neben schrägen Blicken auch viel positive Rückmeldung (implizit oder explizit oft mit „für einen Mann“ verknüpft aber immerhin). Eher kein Fortschritt: Weil viele von uns nicht lernen, eigene Grenzen wahrzunehmen und zu akzeptieren und oft keine Beziehungen haben oder aufbauen, die so funktionieren, dass andere uns das spiegeln oder helfen (unter Frauen sehe ich oft, dass man sich schon bei Säuglingen gelegentlich unterstützt, Netzwerke mit anderen Müttern aufbaut etc. das schützt natürlich nicht alle, immer vor der völligen Selbstausbeutung, die ich da auch oft sehe, aber wenigstens etwas). Wenn ich sehe, dass mein Vater sich komplett erarbeiten musste, wie eine gleichberechtigte Familie funktionieren kann, hatte ich es schon sehr viel leichter, weil mir das eben ein Stück weit vorgelebt wurde und meine Söhne werden es auch wieder viel einfacher haben. Aber ich fürchte, das sind die Ausnahmen, die die Regel eher bestätigen, als in Frage stellen… Wenn ich einen der Jungs im Krankenhaus begleitet habe, war ich meistens der einzige Mann auf der entsprechenden Station. Was sich aber geändert hat: Bei unserem Älteren gab es auf der Station noch keine Sanitäranlagen für Männer, die da mit ihren Kindern übernachten, das ist mittlerweile nachgerüstet.
Kurz: Das Bild, das ich sehe, ist gemischt, das Hauptproblem für Jungen und Männer ist in meinen Augen, dass es weniger Akzeptanz und Angebote gibt, wenn sie mal (zu oft gegen die eigenen Prägungen) soweit kommen, dass sie sich eingestehen, dass sie Hilfe brauchen.