Steuererleichterung beim Sprit nicht nur klimafeindlich?

Selbstverständlich muss man bedauern, dass die geplante Senkung der Mineralölsteuer auf Diesel- und Benzin-Kraftstoffe alles andere als förderlich für die Klimawende ist. Es gilt aber, zwei andere Aspekte dabei nicht außer acht zu lassen.

Sehr viele Unternehmen, und vor allem die Lebensmittelproduzenten und Einzelhändler, haben in den vergangenen 3 Monaten ihre Preise kräftig angehoben. Ausnahmslos wurde dies mit gestiegenen Energiekosten begründet. Und wie immer in solchen Fällen, fiel der Aufschlag weit größer aus, als es durch die gestiegenen Energiekosten gerechtfertigt gewesen wäre. Man fühlt sich fatal an die berühmten Mehlpreise erinnert, welche die Bäcker für Ihre alljährlichen Steigerungen der Brotpreise als Begründung anführen.
Die große und wohl mit nein zu beantwortende Frage lautet aber, werden diese „Trittbrettfahrer“ ihre Preise wieder senken?
Wir wir ja vor kurzem hier bei LDN lernten, treffen diese Erhöhungen besonders die unteren Lohn- und Einkommensgruppen. Jene Einkommensgruppen, die kein Vermögen aufbauen können, da sie ihre Bezüge vollständig konsumieren müssen.

Was ich aber noch grotesker finde, ist der ganze Vorgang an sich.
Da erhöhen die Mineralölkonzerne überall in Europa drastisch die Preise und wie es äußerst wahrscheinlich ist, nicht aufgrund von verändertem Angebot und Nachfrage, sondern, wie sie es schon seit Jahrzehnten tun, durch Absprachen (älter, neuer).
Sieht man von Polen und Buldgarien ab, liefert Russland seit Kriegsbeginn ungebrochen die vereinbarten Gas- und Ölmengen. Von einer Verknappung kann also höchstens psychologisch die Rede sein.
Und jetzt wird dieses verzerrte Marktgeschehen noch weiter verzerrt, indem der Staat die willkürlichen und ausbeuterischen Auswüchse durch Steuergelder dämpft?!
Die Preise von Diesel und Benzin fallen in Europa nicht vom Himmel. Ganz Europa leidet aber unter selbigen und gibt sich ohnmächtig diese Abhängigkeit von den preistreibenden Konzernen zu brechen. Ob das Argument internationaler Marktabhängigkeit – hier müsste es genauer außereuropäische Abhängigkeit heißen – noch Gewicht hat, wird wohl nirgends geprüft. Die Preise fallen ja anscheinend vom Himmel.
Mit „sozialer Marktwirtschaft“ hat das alles nichts zu tun. Erkennt man denn nicht, dass die Abhängigkeit von den Energiekonzernen mindestens genauso negativ ist, wie die von Russland? Naja, wenigstens erschießen die keinen…

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Es haben nicht nur europäische Mineralölkonzerne die Preise erhöht, sondern weltweit.
Das ganze ist eine Reaktion auf ein verknapptes Weltangebot von Öl - was den Welt-Ölpreis steigen lässt.
Zudem steigt der Preis nicht direkt in Folge von Angebot und Nachfrage, sondern die Nachfrage steigt aufgrund von Marktpanik an. Der Markt vermutet eine (potenzielle) Reduktion des Angebots in der Zukunft und kauft lieber heute als morgen - verschiebt also die Nachfrage von Morgen auf heute und konkurriert mit der Nachfrage von heute. Also steigt der Preis.
Dass das Angebot nicht wirklich gesunken ist, ist für den Preis irrelevant.
Es heisst nur, dass die Nachfrage in Zukunft geringer ist, da die Einkäufer für morgen schon heute (zu teuren Preisen) gekauft haben. Also fällt morgen der Preis, da es weniger Nachfrage bei gleichem Angebot gibt.
Und: Solange quasi jeder Mensch Kontrakte für Öl kaufen kann sehe ich kein Problem mit der Marktwirtschaft. Probier es doch selbst und kauf dir einen Kontrakt zu 1000 Barrel Öl auf dem Weltmarkt - das geht auch ohne Mineralölkonzern. Die meisten Menschen wollen aber keine 1000 Barrel Öl (unraffiniert) und sind entsprechend mit dem Service, den Mineralölkonzerne bieten, ganz zufrieden. Wenn du allerdings eine Möglichkeit siehst einen Mineralölkonzern aufzubauen, der weniger Marge benötigt, steht dir die Welt offen, gute Bonität vorausgesetzt.

Deine Ausführung ist soweit logisch und für mich nachvollziehbar, allerdings halte ich sie nur in einem Nachfrager-Markt für anwendbar.

Meiner Meinung nach ist das Delta Preissteigerungen > Energiepreissteigerungen darauf zurückzuführen, dass die Unternehmen in einem Angebotsmarkt (für den ich die Konsumprodukte des täglichen Lebens halte) davon ausgehen, dass die Konsumenten die (stärker als nötigen) Preissteigerung mittragen werden.

Deshalb und wegen des Gewöhnungseffekts glaube ich auch nicht, dass die Preise - jedenfalls im Endverbraucherumfeld - irgendwann auch wieder sinken werken. Wann kam das jemals schonmal vor?

Danke lib für Deine Erleuterungen. Ich denke aber, die Preise für Sprit (Produkt aus Öl) in Europa werden in Europa gemacht und hängen keinesfalls proportional vom Welt-Ölpreis ab. Dazu ein paar Zahlen:
China (Quelle)
7. Feb. € 1,16
16. Mai € 1,32 (+ 13,8%)
USA (Quelle siehe China)
7. Feb € 0,96
16. Mai € 1,19 (+ 24%)
Deutschland (Quelle)
7. Feb € 1,72
16. Mai € 2,06 (+ 19,8%)
Preisniveau und Steigerung sind sehr unterschiedlich.

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Klar, bei Dingen des täglichen Bedarfs haben die Konsumenten keine Chance die Preissteigerungen nicht mitzugehen.
Auf der anderen Seite haben die Dinge des täglichen Bedarfs extrem geringe Margen. Unternehmen wie Target oder Walmart sind in der letzten Woche für ihre Zahlen abgestraft worden: Die Kunden kaufen nur noch Dinge mit geringen Margen wie Nahrungsmittel und können sich Güter mit höherer Marge aus dem selben Laden nicht mehr leisten.
Auf Deutschland übertragen würde es mich nicht wundern wenn der Preis im Aldi für Milch steigt aber für die ebenfalls dort angebotenen „nice-to-haves“ wie Küchenradios und Co sinkt.

Das Problem ist: Die Unternehmen überleben nicht aufgrund ihrer Dinge mit geringer Marge. Anfang der 00er Jahre hatte Aldi sogar einmal versucht Zucker unter dem Einkaufspreis zu verkaufen um Kunden in die Märkte zu locken - was vom Kartellamt verboten wurde.

Dass die Konsumenten aktuell schon die vollen Preissteigerungen abbekommen ist zudem ein Mythos. Die Erzeugerpreise steigen viel stärker als die Konsumentenpreise. Diese Steigerungen müssen - sofern das Delta die Marge übersteigt - irgendwann an die Konsumenten weitergegeben werden.
Keine Marke hat eine Marge von über 26% (und das ist die aktuelle Differenz zwischen Produzenten- und Konsumentenpreissteigerungen) - selbst Mercedes hat gerade mal 14%.

Erzeugerpreise April 2022: +33,5 % gegenüber April 2021

Verbraucherpreise im April 2022 bei +7,4 %

Sprich: Die Inflation ist erst zu einem sehr kleinen Teil an die Konsumenten weitergegeben. Das erzeugende oder weiterverkaufende Gewerbe wird aber gezwungen sein die Preissteigerungen weiterzugeben, da ihre Marge gar nicht groß genug ist die Mehrkosten zu tragen.
Abgesehen davon muss ein Teil der Marge verteidigt werden, da aus den Gewinnen Forschung und Entwicklung finanziert wird sowie die zugrundeliegenden Marktkapitalisierungen als Collateral für Kredite herangezogen werden.

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Das mag so sein oder auch nicht, du gehst aber, wie so oft, am Hauptpunkt des Postes vorbei.
Die hohen Preise nun mit Spritsubventionen zu fördern ist das dämlichste, was der Staat wirtschaftlich tun kann. Politisch ist es vielleicht geschickt, genaueres wird die FDP wohl in den nächsten Wahlen herausfinden.

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Kann mir jemand erklären wie man durch Senkung einer indirekten Steuer, die Bürger entlasten will?

Ich wollte nur darstellen dass die Parteizugehörigkeit keinerlei Einfluss hat.
Tankstellenpreise und Zustimmung zur Regierung haben eine so hohe Korrelation dass die Koalition aus Grüne, SPD und FDP vermutlich diese Aktion als Hail Mary versucht haben. Dass der Teil der FDP-Wähler, die lieber weniger Staat als mehr Umverteilung haben wollen, eine solche Aktion nicht goutieren ist doch wohl klar.

Die Unterschiede zwischen 13% und 24% sind keine signifikanten Abweichungen und sind auch durch unterschiedliche Währungskursentwicklungen zu erklären. Das ist ein super enger Korridor.

Eine Langzeitbetrachtung von 2001-2021 zeigt, dass alle Staaten außerhalb der Ölfördernden Nationen (also Ex Opec) alle Spritpreise im Bereich von 1,15-2,2$/Gallone gestiegen sind. Das ist doch ein Beweis für einen funktionierenden Weltmarkt.

Die Realität sieht aber auch so aus:

Zitat:

Obwohl kaum ein Unternehmen mehr im Westen Russlands Öl kaufen will, sind die russischen Ölexporte im vergangenen Monat [April] gestiegen.

Russlands Ölprodukte werden auf dem Meer über Pumpschiffe mit anderen Ölprodukten vermischt, um die Herkunft zu verschleiern.

Wohl eher drauf angewiesen. Und das die Mineralölkonzerne den Benzinpreis, zumindest am Anfang der Krise überproportional zum Rohölpreis stiegen ließen, das hatten wir hier ja schon.

Nach den letzten LT-Wahlen habe ich leise Hoffnungen auf die nächste Runde FDP in der APO. :slight_smile:

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Ich hoffe ich bin an dieser Stelle richtig.
Die in der Folge 290 etwa 32te Minute genannte Argumentationskette:
„…von Tankrabatten profitieren typischerweise die die viel fahren, das sind
die die viele Autos haben, also mehrere Autos haben und das sind
typischerweise die Besserverdienenden…“
finde ich nicht schlüssig.
Von „viel fahren“ auf „viele Autos“ zu schließen ist für mich nicht nachvollziehbar.
Ich sehe eher mehr Geringverdiener die notwendiger weise mit dem Auto zur Arbeit fahren müssen, wie Krankenschwester oder Lagerarbeiter, die sich das Auto gerade noch leisten können. Die von „außerhalb“ in die Städte fahren, weil die Wohnung oder das Haus bezahlbar bleiben muss.
Also : Ja, Vielfahrer profitieren von Tankrabatten, aber wie sich die Vielfahrer über die Bevölkerung verteilen, möchte ich dann doch lieber aus einer Statistik oder Erhebung erfahren, als aus solch einer seltsamen Argumentationskette.

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Das untergräbt nun endgültig die Hoffnung, dass im Falle eines Ölembargos weniger russisches Öl nach Europa kommt. Selbiges wurde zu Anfang der Sanktionen auch kurz probiert als die Metallbörse Londons keine Goldbarren aus russischer Herkunft annehmen wollte - bis sie gemerkt haben dass Gold Gold ist und keine Herkunft messbar.

Doch die Herkunft ist nachweisbar, bei Öl sogar noch weit besser. Aber das ist natürlich vergleichsweise aufwendig.

Aber ja, es war absehbar, dass solche Boykotts unterlaufen werden. Die Frage ist nur wie repräsentativ das für das Problem ist. Denn die gesamte Produktion, die sonst über Pipelines läuft, kann ich nicht mal so eben per Schiff bewegen.

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An Feingold 99,9+ % Goldanteil sowie normalem für Zentralbanken oder die Metallbörsen verwendetem 99,5+ prozentigem Gold ist so wenig Fremdmaterial, dass keine Messmethode verlässliche Ergebnisse bringt.
Die Aussage „Geld stinkt nicht“ kommt aus der Zeit eines reinen und ohne Fremdmaterial hergestellten Münzgeld aus nahezu 100prozentigem Metall wie Gold oder Silber. Man könnte auch sagen „Gold stinkt nicht“.

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Die Aussage „Geld stinkt nicht“ kommt aus der Zeit eines reinen und ohne Fremdmaterial hergestellten Münzgeld aus nahezu 100prozentigem Metall wie Gold oder Silber. Man könnte auch sagen „Gold stinkt nicht“.

„Geld stinkt nicht“ ist antik „Penuncia non olet“ - sagte Kaiser Vespasian als er eine Steuer für öffentliche Toiletten erhoben hat…

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…Sein Sohn kritisierte ihn dafür. Vespasian hielt ihm das Geld unter die Nase und fragte, ob es stinke – damit wollte er sagen: es ist egal, wo das Geld herkommt.

Wenn das Geld damals aus einem anderen Material bestanden hätte (z.B. aus Baumwolle-Papier) hätte Vespasians Sohn sehr wohl aufgrund der Fremdanhaftungen erriechen können, wo das Geld herkam.

Oh tatsächlich? Ich bin davon ausgangen, dass die Restspuren ausreichen. Entschuldigung.

Beim Öl bin ich mir aber sicher, dass die Herkunft technisch nachweisbar ist.

Es ist eine Methode, auf die Archäologen gerne zurückgreifen, da die Herstellungsprozesse vergangener Jahrtausende noch nicht so hochreine Materialien hervorbrachten wie es heute möglich ist. Aber selbst da sind die Untersuchungsergebnisse oft uneindeutig und wenig aussagekräftig - weil z.B. Erze aus verschiedenen Quellen miteinander vermischt und/oder Altmetalle wiederverwendet wurden.

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Als ich noch in der chemischen Forschung war nutzen wir Methoden, die so genau waren, dass man einen Tropfen Blut in einem Schwimmbad mit einer 50m Bahn nachweisen kann. Oder eben in der QS um sicherzustellen, dass das richtige Erdgas verwendet wird, da unbekannte regionale Abweichungen zu schweren Problemen in der Produktion führen können.

Daher ging ich davon aus, dass das bei Gold prinzipiell auch möglich sein sollte. War ich wohl zu vorschnell.

Danke für die Korrektur und Berichtigung!