Ich kann gar nicht auf alles eingehen, will nur ein paar Punkte heraus-/klarstellen. @WilliWuff hätte seinen Standpunkt auch selbst deutlich machen können, dann müssten wir nicht „vermuten“, was er meinen könnte.
Da du ja selbst hier immer so viel Wert legst auf präzise Argumentationen, gezielte Differenzierungen, wissenschaftliche Evidenz, neue Studien und den allerneusten Forschungsstand etc. legst, erwarte ich dann aber auch, dass du mich sauber zitierst: Es ist nicht mein Argument, sondern das von Wolfram Henn. Ich habe geschrieben: „Da hat er einen Punkt.“ Das ist kein Ausdruck absoluter und uneingeschränkter Zustimmung. Ich verlinke auch das entsprechende Interview, dann können sich alle selbst ein Bild machen (es ging in dem entsprechenden Punkt übrigens um den Wegfall kostenloser Tests, nicht direkt, aber indirekt, um die Impfung).
Zu Punkt 1, Impflicht: Eine (allgemeine) Impflicht finde ich ebenfalls schwierig und lehne sie ab. Das Impfen ist eine persönliche Entscheidung – was aber nicht heißt, dass man nicht mit den entsprechenden Konsequenzen umgehen muss. Ich verstehe auch nicht, warum die Politik das ohne Not so oft betont hat (und Helge Braun und andere neuerdings ins Testballon-Geschäft eingestiegen sind), dass es das nicht geben wird. Als Politiker, zumal in einer Krise, sollte man nie etwas ausschließen, das ist einfach nicht möglich und in gewisser Weise unehrlich. Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, dass es kommen wird.
Zu Punkt 2, Aiwanger: Auch hier bist du leider sehr selektiv unterwegs, was du ja sonst auch nicht bist (s. o.), schade. Das Interview dauert 17 Minuten und da ich davon ausgehe, dass wir das gleiche Interview gehört haben, können wir beide hoffentlich zu der Übereinkunft kommen, dass er mehr gesagt hat als: „Ich möchte mich nicht impfen lassen!“ – was in Ordnung und völlig ok wäre, würde er nicht bspw. über „massive Impfnebenwirkungen“, bei denen ihm die Spucke wegbleibe (ohne auszuführen, was er eigentlich meint), schwadronieren. Eine gefährliche Mischung aus Desinformation und Unwissen war das. Die Reaktionen waren daher entsprechend und auch angemessen.
Sich dazu, seiner persönlichen Entscheidung, nicht öffentlich zu äußern war nicht seine Idee? Seriously? Wieso hat er dann dieses Interview gegeben? Er wusste genau, wie es ankommen und in welchen Kreisen es jubelnd aufgenommen wird. Er hätte auch sagen können: „Darüber will ich nicht sprechen“, das wäre ok gewesen. Hat er aber nicht. Seine Begründungen, Annahmen, was auch immer sind fachlich nicht haltbar. Was er daraus macht, ist seine Entscheidung. Aber er streut, gezielt oder nicht, Falschinformationen und verunsichert viele Leute nur noch mehr. Umso mehr erfreut hat es mich, dass am Tag darauf mit Carsten Watzl ein Wissenschaftler im DLF zu Wort kam, der die Aussagen kritisch eingeordnet hat. Chrupalla hat im ARD-Sommerinterview da cleverer agiert, deswegen kann ich bei Aiwanger schon etwas wie eine Agenda erkennen.
Am unterhaltsamsten fand ich übrigens die Stelle als er sagte, dass er als Diplom-Agraringenieur (FH) „Naturwissenschaftler“ sei… Na ja.
Ich persönlich würde Aiwanger auch nie „Querdenker-Rhetorik“ unterstellen (das war nicht auf mich bezogen, weiß ich, ich will nur meinen Standpunkt deutlich machen), das führt zu vergifteten Diskursen, ist viel zu pauschal und diese Schubladen bringen auch nicht weiter und sind einer guten sowie sachlichen Diskussion nicht zuträglich. Natürlich sind Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, nicht automatisch Querdenker. Ich habe erlebt, was bei PEGIDA passiert ist, als man Menschen einfach als „Nazis“ tituliert hat, ohne sich mit diesen Menschen zu beschäftigen, geschweige denn zu unterhalten. Mal abgesehen davon, dass es eine unzulässige Verharmlosung ist.
Ich verstehe irgendwie gar nicht, warum und wie du die Kategorien ‚illegitim‘ und ‚illegal‘ hier (und weiter unten) einführst und begründest; das war nie Thema und hat niemand behauptet. Erscheint mir sehr, sehr weit hergeholt. Dann nenne ich etwaige Positionen eben nicht mehr ‚unvernünftig‘, sondern einfach ‚dumm‘ und ‚gefährlich‘ – ist das dann besser als ‚unvernünftig‘?
Im Übrigen finde ich deinen Grippe-Vergleich nicht tragbar. Natürlich kann man den Vergleich machen, aber ich finde ihn sehr unpassend. Grundsätzliches zum Thema, was man wie vergleichen und/oder gleichsetzen kann, darf und sollte, erspare ich mir.
Grundsätzlich erkenne ich dein Argument, dass wir als Gesellschaft auch anderes schädliches, unvernünftiges Verhalten akzeptieren und wenig/nichts unternehmen, an. Allerdings versucht der Staat riskantes und unvernünftiges Verhalten auch zu unterbinden – oder jedenfalls unattraktiver zu machen – was genau auf deine Beispiele abzielt: Tabaksteuer, Alkoholsteuer (die wurde und wird übrigens auch mit deinen genannten Argumenten gerechtfertigt) and so on. Wir könnten jetzt grundsätzlich über Sinn und Unsinn des ‚Libertären Paternalismus‘ diskutieren, mache und will ich aber nicht. Es ist halt, wie so oft, eine Abwägung zwischen individuellen Freiheits- und Persönlichkeitsrechten, allgemeiner Handlungsfreiheit und den Rechten anderer bzw. der Gesellschaft.
Zuletzt empfehle ich zwecks Corona/Delta mal einen Blick in die USA. Ich bin mir sicher, dass wir in den nächsten Wochen und Monaten ähnliche Diskussionen haben werden, eigentlich alles wie letztes Jahr auch schon.
Im Weiteren werde ich mich auf das Lesen beschränken und nicht mehr kommentieren, denke/hoffe ich.