Die Frage, ob es zu viel des Guten sein könnte möchte ich, ohne das verkomplizieren zu wollen, etwas aufdröseln
- Ist es zu viel, gemessen an dem, was zum Bestreiten des Sozialstaates derzeit zur Verfügung steht?
- Ist es, wäre es zu viel, gemessen an dem, was zum Bestreiten des Sozialstaate potenziell zur Verfügung steht?
1. Wird sehr oft mit „Ja“ beantwortet, es fehlt an Mitteln, ein veritabler Teil der Steuereinnahmen wird darauf verwendet. Man kann das anhand vorliegender Zahlen nachvollziehen.
2. Wird andiskutiert und hier sehe ich nicht nur die Frage bestens platziert, sondern auch das größte Potenzial
Weil es hier um das Auskosten von Potenzialen geht, um das Einsammeln und von low hangigng Fruits, um Erweiterung der Spielräume durch erhöhte Effizienz. Und weil das alles ohne die Erhöhung irgendwelcher Abgaben möglich ist.
Inspiriert hat mich das Ermittlungsverfahren zu CUM-EX-CUM-CUM
https://www.zdf.de/dokus/systemfehler-der-cum-ex-skandal-movie-100
Die ermittelnde Staatsanwältin stellte - unter vielem anderen - fest, dass unsere Finanzbehörden darauf optimiert sind, viele kleinen Fische zu fangen und zu verwalten. Für den Umgang mit Steuerraub- und Betrug in großem Stil, sei man gar nicht gerüstet.
Es offenbarte sich, dass vergleichbares nicht nur für die Finanzbehörden gilt. Der gesamte deutsche Behördenapparat ist darauf ausgerichtet große Massen und eher kleinere Dinge zu verwalten.
Der Gesamtschaden durch alle Formen der Steuerhinterziehung im Finanzsektor (inkl. Umsatzsteuerkarussells, Schwarzarbeit etc.) wird auf 50 bis 200 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt, wovon ein signifikanter Teil auf komplexe Finanztricks wie Cum-Cum entfällt.
- Während der klassische Cum-Ex-Betrug (wie in den 2000er Jahren) heute kaum noch möglich ist, entgehen dem Staat durch Cum-Cum und abgewandelte Formen weiterhin geschätzt 1 bis 2 Milliarden Euro pro Jahr (und möglicherweise mehr, wenn man alle Finanzgestaltungen einbezieht).
- Zusätzlich verliert der Staat durch die Unfähigkeit, die gestohlenen Milliarden (30+ Mrd. €) zurückzufordern, jährlich Zinsen und Opportunitätskosten, die in die Milliarden gehen könnten, wenn das Geld für Infrastruktur oder Schuldenabbau genutzt worden wäre.
Da liegen also 50 bis 200 Mrd. Euro pro Jahr potenziell herum. Da böte sich an, die abzuschöpfen. Der Aufwand dafür, selbst in Milliardenhöhe, würde sich lohnen.
An Ideen mangelt es nicht
Zusätzlicher Gewinn durch Effizienz
- Ein realistisches, konservativ geschätztes Einsparpotenzial für den deutschen Staat liegt bei jährlich 5 bis 10 Milliarden Euro durch direkte Betrugsbekämpfung
- zusätzlich 10 bis 20 Milliarden Euro an Effizienzgewinnen durch Digitalisierung und Bürokratieabbau.
https://www.vodafone-institut.de/publikation/potentialindex-deutschland-2024/
Die Vodafone Studie ist (natürlich) nicht neutral. Die Kernzahlen und die grundsätzliche Richtung (Digitalisierung spart Zeit und Personal) sind aber nicht einfach erfunden. Sie werden durch andere unabhängige Studien (z. B. von Prognos für andere Auftraggeber, vom ifo Institut oder vom Bundesrechnungshof) gestützt, die zu ähnlichen Effizienzgewinnen kommen.
Natürlich müssen alle diese Vorschläge geprüft und bewertet werden. Dazu muss zunächst einmal Ordnung und Übersicht in unsere Verwaltung kommen.
Es zeigt aber, dass „Die wollen zu viel“ einem „Wir verschwenden zu viel“ gegenüber steht.
Vor diesem Hintergrund könnte man sich womöglich gar nicht zu viel des Guten leisten