Sexismuserfahrungen bei Coronatests

Hallo ihr,
leider habe ich letzte Woche in einem Corona-Testzentrum in Nürnberg eine sehr unschöne Erfahrung gemacht und es würde mich interessieren, ob schon mehr Leuten so etwas passiert ist. Der Arzt war ein älterer Mann, der mich - logischerweise - bat, meinem Mund aufzumachen. Als das Stäbchen dann irgendwo in meinem Rachen war sollte ich noch die Zunge rausstrecken, dann fügte er hinzu „einfach an den Freund denken, dann geht’s leichter.“ Ich war in dem Moment total baff und musste vor allem richtig, richtig husten, deswegen hab ich nichts erwidert, und dann war ich auch schon draußen. Die Sache hat mich allerdings derart gestört, dass ich zuhause gleich eine Mail an die Betreiber des Zentrums geschrieben habe. Noch am selben Vormittag kam die Antwort - mit einer aufrichtigen Entschuldigung der Betreiber. Außerdem wurde mir versichert, dass sie den Arzt dank meiner Beschreibung bereits ausfindig gemacht und zur Rede gestellt hätten und auf ihn nun disziplinarische Maßnahmen zukämen, da solch ein Verhalten nicht geduldet würde. Auch wenn er vermutlich nur einen Rüffel bekommen hat - von der schnellen und kompetenten Antwort war ich wirklich positiv überrascht. Auch wenn mancheinem (Mann, würde ich mal stark behaupten) meine Reaktion übertrieben vorkommen könnte - das ist Alltagssexismus. Wenn ein Arzt bei jeder Frau, der er in den Mund schaut solche Gedanken hat und sie auch noch ausspricht - das ist einfach widerlich. Und wenn einem als Frau sogar so ein Coronatest noch unangenehmer sein muss, als er eh schon ist, dann ist das halt auch keineswegs irgendwie witzig. Eine Freundin hat mich dann auf einen Instagram Post der Grünen Jugend Graz aufmerksam gemacht, wo es beim Testen auch zu ähnlichen und teils noch schlimmeren Vorfällen kam.
Es würde mich interessieren, ob andere auch schon solche Erfahrungen machen mussten? Und außerdem, ob jemand weiß, wo die Ärzt*innen, die in solchen Zentren arbeiten herkommen und ob es da irgendwelche Schulungen usw. gibt. Natürlich bin ich allen Leuten, die dort arbeiten, sehr dankbar, und mir ist auch bewusst, dass die vermutlich größere Probleme haben (das habe ich ihnen so auch geschrieben), aber darauf hinweisen musste ich einfach trotzdem. Auch wenn ja weiter nichts passiert ist bin ich jedenfalls froh, was getan zu haben und der Kerl sagt so etwas hoffentlich zu niemandem mehr. Bitte lasst euch sowas nicht gefallen und nehmt Leute ernst, die solche Erfahrungen machen.
Lissa

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Hallo, Lissa,
tut mir Leid, dass dir das passiert ist und danke, dass du deine Erfahrung mit uns teilst!

Auf deine Fragen kann ich leider keine Antwort geben.
Ich glaube, die Frage ließe sich von Coronatests vielleicht generell auf Sexismus in der Medizin, insbesondere bzgl. des Arzt-Patientinnen-Verhältnis, ausweiten.
Dass die Medizin, wie fast jeder Bereich der Gesellschaft, ein Sexismus-Problem hat, ist leider offensichtlich, (bezieht sich leider „nur“ auf Medizin als Arbeitsfeld: "MeToo" in der Medizin - Sexismus im Operationssaal | deutschlandfunkkultur.de), es gibt aber auch Erfahrungsberichte, in denen klar wird, dass Ärzt*innen Frauen und ihre Leiden nicht Ernst nehmen.

Ich hoffe, es ist ok, das Thema so „auszuweiten“. Ich danke dir für das Teilen deiner Erfahrung und bin sehr froh, dass deine Beschwerde erfolgreich war!

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Eigentlich sollte jeder halbwegs Zivilisierter auch ohne jede Schulung wissen, dass das, was Du da erlebt hast, ein absolutes NoGo ist!

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Hallo! Danke für deine Antwort. Ja, das Problem kann man definitiv ausweiten! Sogar noch viel weiter, wenn man sich mal anschaut, was für eine Rolle Frauen in der Medizin überhaupt spielen und wenn man sich mal damit auseinander setzt, dass häufig Nebenwirkungen von Medikamenten eher am männlichen Körper „gemessen“ werden und dass Frauen in Anatomiebüchern meistens nur dann vorkommen, wenn es um die Geschlechtsorgane geht … dann wundert es einen auch nicht besonders, dass solche Sachen leider passieren. Danke für den Link! :blush:

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Liebe Lissa,

Es tut mir wirklich sehr Leid, daß du so was erniedrigendes erleben musstest. Ich finde es sehr bewundernswert, daß du dich sofort schriftlich beschwert hast. Da geht es nicht um eine Kleinigkeit sondern um deine Würde. Außerdem so ein Vorfall erinnert einem an alles ähnliche was man schon erlebt hat und es ruiniert ein Tag deines Lebens.

Es freut mich sehr, daß du sofort eine Antwort bekommen hast die dir Recht gab und daß der Mann gewarnt wurde. Wie du auch sagtest, du hast es verhindert, daß er andere Frauen verbal belästigen kann.

Eine Psychotherapeutin, die ich sehr bewundere, Lori Gottlieb, die auch für The Atlantic schreibt, hat ein ganzes Kapitel zu diesem Thema in ihrem Buch " Maybe you should talk to someone". Da erzählt sie, wie sie mit ihren körperlichen Beschwerden dessen Grund bei den Tests nicht sofort erkennbar war, von mehreren Ärzten nicht ernst genommen wurde, die einfach dachten, daß der Grund letztendlich " Female Histeria" sein müsste.

Da ihr das Thema hier erweitert habt, mir ist auch dieses TED Talk eingefallen die mich damals sehr schockiert hat:

Ich wünsche dir alles Liebe und hoffe, daß du nie wieder so etwas erlebst.

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„Female hysteria“ - oh weh. Dass diese misogynistische „Diagnose“ noch gestellt wird hat mich gerade wirklich schockiert…

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