Ich verstehe nicht warum in fast jedem Ministerium so viel mehr Stellen benötigt werden, gleichzeitig Großprojekte viel länger dauern und unsere Prozesse in der Verwaltung im internationalen Vergleich immer schlechter funktionieren.

Wenn es um Bürokratie Abbau geht sind sich die meisten Parteien einig. Wenn er in der Praxis im Detail vollzogen werden soll will keiner mehr was davon wissen.

Unabhängig von irgendwelcher Parteipolitik. Bürokratie Abbau heißt den Staat zu verschlanken.

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Weil der Staat immer mehr Aufgaben übernimmt und diese Aufgaben immer komplexer werden. Zum Beispiel hat vor 40 Jahren kein Mensch über den Klimawandel nachgedacht oder geredet. Heute haben viele Kommunen einen Klimaschutzmanager, die Bundesregierung beschäftigt vermutlich tausende Menschen, die sich mit den unterschiedlichen Aspekten der Klimapolitik und deren Umsetzung beschäftigen.

Und im Vergleich zu früher sind viele politischen Projekte heute komplexer. Beim Thema Migration erwarten wir von der Bundesregierung nicht nur, dass sie hier ankommende Geflüchtete registriert, verteilt und deren Anträge bearbeitet (und das in seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr dargewesener Zahl), sondern auch dass innerhalb von Europa Umverteilungsprozesse stattfinden, eine europäische Grenz- und Flüchtlingspolitik geschaffen und umgesetzt wird und darüber hinaus mit allen möglichen Herkunfts- und Transitstaaten Abschiebungen und Abkommen koordiniert werden. Früher gab es ein paar Republikflüchtlinge und das war’s.

Hier ein paar Antworten: Großbauprojekte: Haben wir das Bauen verlernt? - ZDFheute

Allerdings tauchen in dieser Liste der größten Bauprojekte in Deutschland auch eine Reihe auf, die nicht arg im Verzug zu sein scheinen: Mega-Baustellen: Top 10 Großprojekte in Deutschland - PlanRadar

Für mich wäre es mal interessant eine tatsächliche Gegenüberstellung von erfolgreichen und weniger erfolgreichen Bauprojekten zu sehen und analysiert zu bekommen, warum die einen funktioniert haben und die anderen nicht. In der öffentlichen Berichterstattung werden die absoluten Vollkatastrophen (BER, Elbphillharmonie, S21) sicherlich überbewertet, aber auch da wäre ich an einer objektiven Auswertung interessiert.

Allerdings hat sich der Erfüllungsaufwand, also die jährlichen mit dem Einhalten von Gesetzen und Vorschriften für Unternehmen verbundenen Kosten, in den letzten Jahren kaum erhöht: Erfüllungsaufwand - Statistisches Bundesamt (Der Ausschlag 2021 geht auf ein Gesetz zur Reduzierung der CO2-Emission im Straßenverkehr zurück, dass Mineralölkonzerne zur Senkung der Emissionen bei Treibstoffen zwingt – aber erst ab dem Jahr 2030. Die Kosten werden aber im Jahr der Gesetzgebung, also 2021, veranschlagt).

Nicht jede Bürokratie ist schlecht oder ungewollt. Wenn das Gesundheitsamt sicherstellt, dass die Restaurants sauber sind und sich niemand eine Lebensmittelvergiftung holt, dann ist auch das „Bürokratie“. Wissen wir alle aber total zu schätzen (jedenfalls wenn man mal eine Lebensmittelvergiftung hatte). Auch das wir keinen sauren Regen mehr haben und in unseren Flüssen wieder schwimmen können ist der Bürokratie zu verdanken. Wer Bürokratieabbau fordert ist darum meiner Ansicht nach verpflichtet auch ins Detail zu gehen: welche Bürokratie genau?

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Hast du da irgendwelche Zahlen oder Statistiken wie die Aufgaben des Staates immer weiter gewachsen sind? Insbesondere in den Kernbereichen des Staates wie Bildung und Infrastruktur fände ich es interessant.
Damals gab es ja auch gigantische Herausforderungen wie die Wiedervereinigung.

Also in vielen Bereichen ist es offensichtlich:

Bildung und Betreuung:

Migration und Integration

Klimawandel

Verteidigung

  • Die Bundeswehr ist auf einmal wieder wichtig. Zwischen 1990 und 2020 hat die Bundesregierung nur noch Minimalbeträge in Verteidigung investiert, jetzt herrscht angeblich Zeitenwende.

Infrastruktur

  • Der Staat muss die Energiewende umsetzen. Das bedeutet hohe Investitionen (und viel Manpower) in den Ausbau von Netzen und Kraftwerke.
  • Die Zahl der Autobahnkilometer in Deutschland ist von 1991 knapp 11.000km auf 2022 gut 13.000km gewachsen. Und viele dieser Autobahnen dürften in den letzten 30 Jahren mehr Spuren bekommen haben. Verkehrsinfrastruktur und Fahrzeugbestand | Umweltbundesamt
  • In Deutschland gibt es 33.000 Kilometer Schiene, davon aber nur gut 20.000 Kilometer elektrifiziert. Die Bundesregierung will sowohl das Schienennetz ausbauen, als auch vollständig elektrifizieren. (s.o)

Gesundheit und Pflege

  • Allein die Zahl der Pflegebedürftigen, die zu Hause von ambulanten Pflegediensten versorgt werden, ist in den 20 Jahren bis 2021 um 141% gestiegen. Die Zahl der Angestellten bei ambulanten Pflegediensten hat sich im selben Zeitraum verdoppelt. Vermutlich weil wir sowohl alle älter (aber im Alter nicht unbedingt gesünder) werden, also auch weil immer seltener die Familienangehörigen die Pflege übernehmen (können). Hier soll’s der Staat richten, der das sowohl zum großen Teil finanzieren, als auch den institutionellen und rechtlichen Rahmen schaffen muss. Pflege: Pflegebedürftige in Deutschland - Statistisches Bundesamt

Und jetzt kommt der Kicker:

Es mag sein, dass das eine oder andere Ministerium in den letzten Jahren zusätzliche Stellen bekommen hat. Aber insgesamt ist die Zahl der Beamten, Richter und Angestellten im Öffentlichen Dienst seit 1991 von knapp 6,5 Millionen auf 5 Millionen gesunken: Beschäftigte nach Geschlecht und der Art des Dienst- oder Arbeitsvertragsverhältnisses, Stichtag 30. Juni - Statistisches Bundesamt

Wenn man sich also fragt, warum die deutsche Bürokratie nicht mehr so richtig gut funktioniert, dann liegt es vielleicht auch einfach daran, dass wir dem Staat heute erheblich mehr Aufgaben aufbürden, ihm dafür aber erheblich weniger Personal zugestehen. Vielleicht wäre es ja eine Lösung, die Beschäftigten in Bund, Ländern und Kommunen einfach deutlich aufzustocken. Aber klar: dafür müsste natürlich irgendwo das Geld herkommen …

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Danke für die Zahlen und Beispiele. Beispiele wie Migration, Energiewende und Pflege sind absolut nachvollziehbar hier haben sich die Aufwände deutlich erhöht.

Etwas weniger Nachvollziehbar ist es im Bildungsbereich, da hier die Zahl der Schulpflichtigen Kinder stetig zurück geht. Zum Vergleich im Jahr 1995 etwa 9.350.000 Schüler:innen und im Jahr 2023 etwa 8.200.000 Schüler:innen.

Auch die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst, in der Statistik die du geteilt hast liegt 2023 (5,266 Mio Menschen) nur knapp unter dem Niveau von 1995 ( 5,371 Mio. Menschen) mit deutlich weniger beschäftigten in den Jahren dazwischen. Beschäftigte nach Geschlecht und der Art des Dienst- oder Arbeitsvertragsverhältnisses, Stichtag 30. Juni - Statistisches Bundesamt

Die Zahl der Richter:innen, beispielsweise ist über die Jahre stabil geblieben und trotzdem haben wir heute an vielen Stellen eine Überlastung der Justiz. Wir sollten hier nicht versuchen mit mehr Ressourcen / Geld das Problem zuzuschütten, sondern mit Weitsicht in schlanke, digitale Prozesse investieren, Rechtsprechung wo immer möglich zu vereinfachen und neue Wege gehen (bspw. Audiomittschnitte der Verhandlung, Lage Thema).
Die einfache Forderung nach mehr Geld und mehr Personal ist mir an vielen Stellen einfach viel zu kurz gesprungen - insbesondere dann wenn man gerade nichts übrig hat.

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Es mag sein, dass die Zahl der SchülerInnen zurückgeht, aber wenn wir heute ca. 1 Mio weniger Schüler haben, aber gut 2 Mio mehr Ganztagsschüler, dann steigt der Aufwand unterm Strich trotzdem.

Gleichzeitig ist übrigens der Anteil der Schüler mit Förderbedarf gestiegen: von 6,0% im Jahr 2008 auf 7,9% im Jahr 2020. Da sind die Kinder, die Sprachförderung brauchen noch gar nicht drin, deren Zahl dürfte in Folge der hohen Migration auch enorm zugenommen haben (würde sich außerdem mit den anekdotischen Berichten aus den mir bekannten Schulen decken).

Dann sind da noch die erheblich gewachsenen Ansprüche an die pädagogischen Konzepte und die technische Ausstattung der Schulen. Das muss auch alles in irgendeiner Form finanziell, legislativ und organisatorisch durch den Staat begleitet werden. Bei uns in RLP wurde zum Beispiel vor kurzem die Grundschulordnung angepasst, um Schule mehr Flexibilität beim Thema Noten, Leistungsnachweise und Unterrichtsorganisation zu geben – Gleichzeitig gibt es aber wegen der recht großen Defizite bei den Kernkompetenzen immer mehr standardisierte Lernstandskontrollen.

Aber es gibt Probleme, die lassen sich am besten und nachhaltigsten über mehr Geld lösen. Beispiel Lehrer: Meines Wissens nach gibt es genau eine wissenschaftlich nachweisbar funktionierende Strategie, wie man dafür sorgt das Kinder mit guten Lese- und Rechenfähigkeiten aus der Grundschule rausgehen: genug gut ausgebildete Lehrer. Und wenn der Anteil der förderbedürftigen und nichtdeutschen Kinder an den Schulen zunimmt und Lehrer jetzt auch die Hausaufgaben begleiten sollen (bei den Ganztagsschulen) dann muss man eben die Zahl der Lehrer pro Kind erhöhen.

Die Corona-Maßnahmen haben deutlich gezeigt, dass vermeintlich „schlanke“ Lösungen (Fernunterricht) komplett defizitär sind. Wer gut ausgebildete Kinder haben möchte, muss bereit sein das nötige Geld für Lehrer (und Materialien, Schulgebäude, etc.) in die Hand zu nehmen. Das bringt langfristig auch finanzielle Dividenden.

Auch bei den Richtern: Wir sind heute erheblich mehr Menschen in Deutschland als nach der Wende. Mal unabhängig davon, wo die Digitalisierung an den Gerichten steht und ob das Recht an sich komplizierter geworden ist: Wie kann man denn erwarten, dass bei substantiell wachsender Bevölkerung die selbe Zahl Richter einen gleichbleibend zufriedenstellenden Job machen kann? Klar kann man da Betriebsabläufe durch Digitalisierung beschleunigen, das wäre auch dringend nötig. Aber am Ende muss eben ein Richter das Verfahren leiten, Zeugen anhören und Akten studieren. Die Anzahl der zugelassenen Rechtsanwälte hat sich seit 1991 übrigens verdreifacht.

Im Dienstleistungssektor der Privatwirtschaft hat die Produktivität je Erwerbstätigen übrigens seit 1991 abgenommen (Unternehmensdienstleistungen -25%, Finanzdienstleistung -9%, Sonstige Dienstleistungen +1%). Öffentliche Dienstleistungen sind dagegen deutlich produktiver geworden (ca. +20%).

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Ich glaube da liegt das Kaninchen im Muskatnuss.

Wir wollen wohl primär problemlose Schüler die einfach funktionieren, keine Unterstützung brauchen und eigenständig zum Abschluss kommen.
Die ganzen Schüler mit Förderbedarf und „Defiziten“ sind vielen einfach zu aufwändig und zu teuer.
Das spiegelt sich schon in unserem Schulsystem wieder. Geld für zusätzliches pädagogisches Personal möchte man da nicht ausgeben.

Schulen müssen gut organisiert sein, sollten aber nicht an wirtschaftlicher Effizienz gemessen werden. Denke ich.

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Nur eine kleine Anmerkung zu deiner Auflistung: Viele dieser Bereiche wird überwiegend von Menschen bearbeitet, die nicht in einem Ministerium arbeiten und so nicht in deren Statistik auftauchen.

In den Ministerien arbeiten meist Verwaltungsangestellte, Controller und Juristen - also das was man üblicherweise als administrativen Wasserkopf bezeichnet.

Wenn du also bspw. den Personalaufbau im Gesundheitsministerium mit der Pflege begründest, müsstest du erklären inwiefern mehr Personal im BMG tatsächlich mit mehr Pflegepersonal korreliert. Mir leuchtet das nicht ein. Denn Pflegepersonal ist zumeist in privatwirtschaftlichen Unternehmen oder gemeinnützigen Organisationen beschäftigt und verwaltet, nicht vom Ministerium.

Gleiches gilt für das BMBF, da das mit der Einstellung oder Ausbildung neuer Lehrkräfte besonders wenig zu tun hat. Denn Bildung ist Ländersache und wird vor allem dort verwaltet.

Und aus meiner Zeit bei der MPG weiß ich auch sicher, dass Mitarbeiter in bundesstaatlichen Forschungseinrichtungen definitiv auch nicht dem BMBF zugerechnet werden. Ich gehe fest davon aus, dass das beispielsweise bei den allermeisten Richtern ebenfalls so ist. Die weit überwiegende Zahl der Richter ist schließlich beim Kreis oder Bundesland angestellt.

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Ich glaube, @ped meint die

Das ist sicher richtig. Aber @ped hat mit den gewachsenen Aufgaben des Staates den Personalaufbau in den Ministerien begründet. Da hakt es bei mir aktuell etwas im Verständnis.

Wenn wir den Pflegesektor so stark ausbauen, dass knapp 150% Pflegeempfänger von 200% Pflegekräften versorgt werden, dann leuchtet es mir ehrlich gesagt total ein, dass der dazugehörige Staatsapparat – vom Gesundheitsamt bis zum Ministerium – auch wachsen muss. Hier ist zum Beispiel eine ziemlich lange Liste an Dingen, die sich laut BMG zum Jahreswechsel 2023/24 in der Pflege und im Gesundheitswesen ändern: Das ändert sich 2024 in Gesundheit und Pflege | BMG

Jede dieser Änderungen musste ja irgendwie vorbereitet und umgesetzt werden. Und darin sind Maßnahmen, die ausschließlich die (Versicherungs)Wirtschaft betreffen ja noch gar nicht enthalten.

Wenn du diese Veränderungen mal durchgehst, dann geht es da praktisch immer um eine Entlastung der Bürger und die Übernahme von Aufgaben und Leistungen durch den Staat (mal abgesehen von ein paar Digitalisierungsmaßnahmen). Also nicht um eine bloße Aktualisierung der Gesetzgebung, wie sie ja hin und wieder mal notwendig wird.

Die von mir zitierten Zahlen haben sich auf die Beschäftigten im öffentlichen Dienst bezogen, der meines Wissens Definitionsmäßig auch Beamte, Richter und Angestellte im öffentlichen Dienst in den Kommunen und Ländern umfasst. Die Soldaten habe ich jeweils rausgerechnet, weil das ja nur indirekt mit der Thematik was zu tun hat. Ob Forscher an staatlichen Forschungseinrichtungen als Angestellte im öffentlichen Dienst gerechnet werden weiß ich nicht, meine Vermutung wäre nein.

Verstehe, dann reden wir anscheinend von unterschiedlichen Dingen.

Laut Lineage der Posts (also die Abfolge der Zitationen) hatte @Felix11 Unverständnis über den Mitarbeiter-Aufbau in den Ministerien (siehe dazu Schuldenbremse - #26 von turmfalke) geäußert, nicht über die Anzahl Mitarbeiter im öffentlichen Dienst allgemein.

Lass mich hier klar sein. Ich bin sehr für den Ausbau der Mitarbeiter im öffentlichen Dienst. Mehr Mitarbeiter in den Ministerien, also einen größeren Wasserkopf, sehe ich in der Tat aber auch kritisch.

Das Irritierende an der Schuldenbremsendiskussion ist meines Erachtens zunächst, dass das Gesamttableau fehlt und in Boulevardmedien falsche Einsparpotenziale behauptet werden.

Beispielsweise wird immer wieder suggeriert, im Sozialen könnte man zig Milliarden kürzen, was aber z. T. schon wegen Bundesverfassungsgerichtsurteilen zum soziokulturellen Existenzminimum rein rechtlich gar nicht möglich wäre.

Da hege ich den Verdacht, dass C-Parteien und FDP erst einmal den Sozialstaat auf das verfassungsrechtlich gerade noch Mögliche (wenn nicht gar darüber hinaus) eindampfen wollen.

Um eine Gesamtbilanz zu erstellen, wäre eine möglichst vollständige Auflistung von notwendig fixen Kostenanteilen in den verschiedenen Bereichen eine wesentliche Grundvoraussetzung.

Dann könnte man erst einmal die unabdingbaren Muss-Kostenposten von den Kann- oder Nice-to-have-Ausgabenposten unterscheiden und Erstgenannte vom Gesamtkuchen abziehen.

Dann hätte man überhaupt erst einmal das verbleibende Budget disponibler Gelder.

Und erst dann kann man sinnvoll darüber streiten, wofür in welchen Bereichen anteilig wie viel Geld ausgegeben werden soll. Wobei langfristige Amortisierungen nicht aus dem Blick geraten sollten.

Wenn man die Bedarfe so eruiert hat, ließe sich feststellen, ob der verbleibende derzeitige Kuchen ausreicht.

Ist das nicht der Fall, kann man sich über etwaige Einsparpotenziale in bestimmten Bereichen oder auch Gegenfinanzierungsmodelle (z. B. durch Steuer- bzw. Abgabenerhöhungen) auseinandersetzen.

Erst dann ergibt die von der FDP propagierte Priorisierung Sinn.

Kommt man schließlich zum Schluss, dass Mehreinnahmekonzepte kontraproduktiv sind, aber die notwendigen Bedarfe dennoch deutlich oberhalb der für notwendig befundenen Bedarfe liegen (z. B. wurden Infrastrukturausgaben über Jahrzehnte vernachlässigt, was auch längst in Studien/Berechnungen mit mehreren Hundert Milliarden Euro beziffert wurde), dann ergäbe sich daraus die logische Notwendigkeit einer Reform der Schuldenbremse.

Mein Vorschlag wäre daher eine Kommission unter Beteiligung von Fachleuten und Bund, Ländern und Kommunen zu installieren, die erst einmal die nötigen Vorarbeiten übernimmt.

Meiner Einschätzung nach würde diese zum Ergebnis kommen, dass - Steuer- bzw. Abgabenerhöhungen hin oder her - die notwendig anzustrebenden Zukunfts- und Erhaltsinvestitionen nicht ohne eine Reform der Schuldenbremse leistbar wären.

Eine Beobachtung zum Schluss:

Die „Fiskalfalken“ nennen auffällig oft absolute Zahlen, um Ausgabenposten zu beziffern. Das ist populistisch, denn die Finanzierungsbedarfe ändern sich allein schon durch die jährlichen Preissteigerungen. Jede Ausgabe muss daher am BIP gemessen werden.

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Gibt es daran ernsthaften Zweifel?

Hast du den Rest meines Beitrags gelesen? Wenn die Bundesregierung mehr Aufgaben übernimmt und mehr Gesetzte ausarbeiten und umsetzen muss, dann liegt doch nahe, dass es dafür auch irgendwo mehr Personal in den Ministerien braucht. Wenn Siemens eine neue Unternehmenssparte gründet wird dafür doch auch ein neuer Vice-President of Whatever eingestellt.

Ich hätte da gerne mal eine Quelle zum Beleg der Behauptung, dass Mitarbeiter in den Ministerien grundsätzlich ein „Wasserkopf“ sind. Ich finde da in meiner bisherigen Recherche keine Belege für, ausser die Behauptungen der jeweiligen Opposition (schön sind vor allem die Zitate der FDP aus den Jahren vor 2021 zu lesen).

Also: gibt es irgendwo eine Studie zur Produktivität oder Effektivität der Mitarbeiter auf Ministerialebene? Oder irgendeine Form von Statistik, die darüber Auskunft gibt?

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Mit Ministerien habe ich ehrlicherweise wenig Erfahrung, dafür aber mit anderen öffentlichen Einrichtungen. Dort war das Problem selten die absolute Anzahl Mitarbeiter.
Diejenigen die da waren, waren nicht qualifiziert, nicht schnell genug, zu sehr eingespannt etc.
Es gab einige sehr motivierte MAs die etwas bewegen wollten, aber von einer trägen, bürokratischen Organisation gebremst wurden auch Digitalisierung war kaum gegeben - stattdessen viele hierarchische Prozesse die an Einzelpersonen scheitern.
Der Mangel an qualifiziertem Personal kam häufig daher, dass wenig bezahlt wird und vor allem daran, dass es diverse nicht leistungsfähige oder leistungswillige Personen in der Organisation gab. Personen deren Jobs nicht mehr existieren aber eine Qualifizierung nicht erfolgreich war, Leute auf die Rente warten, Leute sie meist krank sind etc.

Es führt nicht daran vorbei Prozesse zu verschlanken, mehr externe Dienstleister hinzuzuziehen und auch zu schauen ob jede Person so sehr geeignet ist für den Job. Und dann mögen weitere Einstellungen bestimmt auch hilfreich sein.

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Es mag Bauchempirie sein, aber diesen Eindruck habe ich im Arbeitsleben doch zur Genüge gewonnen. Je größer eine zentral geleitete Organisation wird, vor allem bei relativ schwacher Führung, umso ineffizienter werden deren administrative Prozesse (ich habe bisher Unternehmen mit 10, 200, 14.000 und 20.000 Mitarbeitern erlebt)

Denn es werden immer mehr Abstimmungen benötigt, jeder will gehört werden und keiner soll übergangen werden, wodurch effiziente Lösungen massiv behindert werden.

Darum würde ein Unternehmen im Allgemeinen auch nicht unbegrenzt in andere Geschäftsfelder expandieren und neue Aufgaben akquirieren. Und ein guter Staat sollte sich auch nicht immer mehr Aufgaben an Land ziehen, sondern nur die, in denen er benötigt wird und andere wieder freigeben.

Auf Ministeriumsebene könnte man beispielsweise dafür sorgen Gesetze nicht immer dadurch komplizierter zu machen Sonderlocken anzubauen, sondern zu kompliziert gewachsene Lösungen gegen neue, pragmatische Regeln zu ersetzen. Dann brauche ich auch nicht mehr tausende Juristen.

Oder am Beispiel Kindergrundsicherung: da sollen 5000 Stellen neu geschaffen werden, aber eine Reduktion bei Minister Heil, der die Beratungen im Umfeld des Bürgergelds nicht mehr durchführen muss und dadurch entlastet wird, ist nicht geplant. Da werden Kapazitäten einfach sinnfrei geschaffen oder beibehalten.

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Das kannst du knicken, denn der Deutsche an sich will immer wissen, wo denn nun die äußerste Grenze ist, damit er sich knapp an dieser bewegen kann. Und darum wird jedes Gesetz soweit ausgetestet, bis das Bundesverfassungsgericht auch den letzten Einzelfall ausverhandelt hat.

Abe ist das nicht das Grundproblem? Dass der Staat nicht immer mehr Aufgaben „an Land zieht“, sondern dass die Realität unser modernen Gesellschaft immer mehr Aufgaben produziert, die der Staat übernehmen muss? Und das dadurch nicht automatisch alte Aufgaben verschwinden?

Nur mal so als Beispiel: Die Kirchen haben lange Zeit einen nicht unerheblichen Teil der als notwendig empfundenen Daseinsfürsorge finanziert und organisiert. Das war immer schon problematisch, wird aber gänzlich impraktikabel wenn die große Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr Mitglied dieser Kirchen ist.

Gleichzeitig steigt der Anspruch an die Daseinsfürsorge (jetzt z.B. auch Ganztags-Kinderbetreuung), also springt der Staat ein.

Auch das passiert doch regelmäßig. Jedenfalls würde ich so den Umstand interpretieren, dass trotz vieler neuer Gesetze die Bürokratiebelastung eben nicht großartig wächst. Aber genau dafür braucht es doch auch Personal in den Ministerien.

Ich habe das Gefühl, dass nicht so sehr eine Verkleinerung der Ministerien das Ziel sein sollte, sondern die Entwicklung neuer, für die zunehmende Größe und Komplexität dieser Organisationen geeigneten Organisations- und Führungsformen.

Das scheint ein Kernproblem zu sein in öffentlichen Verwaltungen und vergleichbaren Einrichtungen, wie im sozialen Bereich.

Wir haben oft die Babyboomer-Generation in Führungspositionen, die in „sicheren und stabilen“ Zeiten aufgewachsen sind.
Da galt das Prinzip „wird schon alles gut gehen“, und irgendwo liegt noch Geld rum.

Die notwendigen Veränderungen wollen Menschen, die noch eine Handvoll Jahre bis zur Rente/Pension haben, nicht mehr angehen, sich den Stress nicht mehr antun.

Was auch dazu führt das Ausgaben nicht hinterfragt werden, sondern eher im Zuge eines gewissen Aktionismus ausgegeben werden. Oft aber ohne konkretes Ziel.

Im direkten Bereich stelle ich oft fest, das ab einer gewissen Führungsebene in einer Art Meta-Ebene oder Paralleluniversum agiert wird. Reale Probleme versucht man mit alten Standardlösungen zu begegnen bzw. Unter der Decke zu halten.

Aber rein persönliche Erfahrungen aus dem Bereich Institutionen und öffentliche Einrichtungen

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