Da ich den folgenden Beitrag dem Team der Lage per Mail geschickt habe, man mich aber automatisiert bat, das auch hier als Beitrag zu einer lebhaft diskutierenden Gemeinschaft beizutragen, mache ich das mal:
Liebes Lage der Nation Team,
ich höre Euch wirklich sehr gerne und Eure umfassenden Analyse bereichern meinen Blickwinkel auf Welt&Politik immer ungemein, aber ich musste Eure aktuelle Folge gerade abbrechen.
Ich finde das, was der russische Regierungsapparat gerade macht, nicht minder verwerflich wie Ihr das findet, aber diese Rhetorik Eurerseits, die Ihr für Eure Kritik bemüht, ist zum fürchten.
Als würden nicht am Ende von solchen Konflikten immer geopolitische und ökonomische Faktoren maßgeblich sein. Dieses psychologisieren einer Person, welche ein Großreich herstellen will, läßt alle diese Überlegungen völlig außer acht oder läßt zumindest die Perspektive vermissen, dass Putin auch nur ein williges Rädchen von eben diesen Interessen ist. Ein wirksames und maßgebliches, mag sein, aber doch nicht die ganze Maschine. So was bietet, genau wie die Bildzeitung, die einfachste der Antworten. Es gibt den starken Mann, der das alles steuert. Die Verschwörungstheorien um uns herum sind voll von wenigen Einzelpersonen, welche die Geschicke der Welt bestimmen und diese haben immer eine Leerstelle in der Analyse von Kapitalismus und Macht.
Auch die Kriegsrhetorik, dass man den Frieden am besten schützt, in dem man sich dafür „rüstet“, ist in all eurer berechtigten Kritik an den aktuellen Angriffen nicht mehr als „wir brauchen mehr Waffen und Soldaten“. Ich meine auch den Ruf nach mehr Investitionen in Sicherheit gehört zu haben?! Natürlich muss da jetzt Verteidigung in dieses Dilemma rein, aber das ist so ein bisschen wie mit den Überwachungsgesetzen und dem ganzen Internetzensurk-Kram. Hat da der berechtigte Ruf zum Kampf gegen z.B. Kinderpornografie schon mal dazu geführt, dass es durch Zensur weniger Kinderpornografie gibt? Nein. Am Ende gibt es nur weniger Grundrechte für alle. Und so ist es auch mit dem Ruf nach Aufrüstung und mehr Investitionen in Sicherheit.
Und sorry to say, aber Euren „Sender Gleiwitz Vergleich“ hättet Ihr Euch einfach sparen und etwas anderes nehmen können. Ja, der mag vielleicht sogar als „false flag“ vergleichbar sein, aber aus der von Euch so wunderbar herbei genommen historischen Perspektive, nimmt man eben nicht das Beispiel, bei dem man das Bild „Ist ja wie damals bei Hitler“ bemüht. Und da hilft es auch nicht, wenn man hinterher schiebt, dass man das ja eigentlich nicht bemühen will, wenn man das vorher schon getan hat. Ist wie „Jetzt denken mal alle nicht an einen rosa Elefanten“. Ihr habt ja spontan auch andere Beispiele gefunden, wie z.B. die US Invasion im Irak und die vorgeschobenen Gründe dafür.
Und dann schiebt Ihr auch noch die eindeutig nazistische Blut&Boden Logik unter die aktuellen Ereignisse und macht sie zur Handlungsmaxime auf russischer Seite. Es erinnert mich etwas an die Argumentation, dass ja die Juden nichts aus den Ihnen zugestoßenen Leid gelernt haben, so wie sie jetzt die Palästinenser behandeln. Wie diese Argumentation weitergeht, lasse ich jetzt als Leerstelle einfach mal aus.
Diese Singularität, welche von deutschem Boden ausgegangen ist, eignet sich aus meiner Sicht wirklich wenig als Vergleichsmaterial dafür, die verwerflichen Handlungen zu kritisieren, welche gerade durch die Verantwortlichen auf russischer Seite verübt werden. Als deutschsprachiger Podcast hätte man da wirklich sensibler und geschichtsbewußter sein sollen.
Wenn ich bedenke mit welchem Scharfsinn und Suche nach Perspektive-Vielfalt Ihr euch sonst den Themen nähert, ist es erschreckend, mit wie viel Schaum vorm Mund ihr gerade so losgelegt habt.
Ich bin auch in Gedanken gerade bei den Leuten in der Ukraine. Und wie gesagt, das was da passiert ist verwerflich. Aber man sollte wirklich in der Analyse gewisse humanistische und moralische Standards für sich selbst nicht verlieren, selbst wenn die Gegenseite sie vermissen läßt. But just my 2 cents…
Danke, falls Ihr Euch die Zeit genommen habt, dass bis zu Ende zu lesen.