Rückschritt in der Landwirtschaft

Als Folge der steigenden Getreidepreise diskutiert die EU nun, ob die geplanten Brachflächen (Stilllegung) zurückgenommen werden soll:

Dazu gibt es eine Kurzstudie von der grünennahen Heinrich-Böll-Stiftung:

Eine Stellungnahme der EU-Kommission wird für nächste Woche erwartet.

Werfen wir nun also auch unsere Umweltpläne über den Haufen, die zuvor in mühsamen Diskussionen errungen wurden? Sicherlich müssen einkommensschwache Verbraucher*innen unterstützt werden bei steigenden Preisen (zielgerichtet, nicht mit der Gießkanne). Dennoch liegt in einer nachhaltigen (ökologischen) Landwirtschaft unsere einzige Chance, so wenig fossile Treibstoffe wie möglich zu verbrauchen und möglichst naturnah zu wirtschaften bei gleichzeitig hohen Erträgen.
Brachflächen stellen hierbei einen wichtigen Baustein für den Artenschutz dar.

Sobald eine Stellungnahme der EU-Kommission vorliegt, fände ich es klasse, wenn dieses Thema in der Lage aufgegriffen würde.

Gruß,
Ralf

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Das Problem ist doch, dass mit Putins Angriffskrieg auf die Ukraine auf globaler Ebene das Angebot an Weizen in einem Ausmaß ausfallen wird, dass dies ja nicht nur Auswirkung auf die Preise in Deutschland haben wird, sondern die Versorgung weltweit gefährdet ist. Das betrifft dann vor allem die ärmeren und armen Länder.

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Wie in so vielen Sektoren könnte der Krieg Auslöser für ein Umdenken auch in der Landwirtschaft sein. Man braucht nicht Brachflächen wieder zu Intensivanbauflächen machen und auch nicht vermehrt Kunstdünger streuen (hoher Energieeinsatz, Bodenverarmung, Verunreinigung Trinkwasser und mehr); man könnte theoretisch recht schnell die Tiermast zurückfahren und das dann freiwerdende Getreide sofort für Welternährung verwenden, und schon im nächsten Jahr nicht Mais und Soja (Tiermast, intensive Milchproduktion) anbauen sondern eben Getreide und Kartoffel für Menschen. Ein Hektar Getreide kann etwa 7(!) mal mehr Menschen ernähren als die selbe Fläche über den Umweg der Tiermast mit Fleisch. Auch der Wasserverbrauch für Fleischproduktion ist mit Faktor 10 über dem Anbau von „Direktnahrung“ vom Feld.

Damit gerät auch die Behauptung der Agrarlobby ins Wanken, dass die Welternährung nur durch Kunstdünger und chemische Unkraufvernichter möglich wäre.

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Hallo rlinner,

wie könnte man denn die Tiermast schnell zurückfahren? Die Landwirte, die auf die Tiermast spezialisiert sind, haben doch immense Investitionen aufgebracht, um den Mastbetrieb aufzubauen, soll der Staat dann auch hier in die Tasche greifen, um den Landwirten den Ausfall zu bezahlen? Ich stimme dir in der Theorie vollkommen zu, sehe aber keine großen Chancen in der Umsetzung. Der Wandel in der Landwirtschaft scheint nur über einen längeren Zeitraum durch Anreize im ökologischeren Anbau und z.B. durch Steuern auf Fleisch zu funktionieren, ohne dass viele Landwirte, die teilweise sowieso schon stark zu kämpfen haben, komplett ihre Lebensgrundlagen verlieren.

Danke für eure Antworten.

Gerade heute gab es einen neuen Artikel darüber, dass die Düngerpreise (erdgasbasiert) einen Preisanstieg um das Fünffache verzeichnen:

Die ökologische Landwirtschaft MUSS gefördert werden, um auch hier die Unabhängigkeit zu erreichen. Oder sollen wir lieber à la Herrn Lindner anstatt von „ökologischer Landwirtschaft“ von „Freiheitslandwirtschaft“ reden, um die liberalen und konservativen Köpfe abzuholen?

Sämtliche Entscheidungen, die nun in Richtung angeblicher Versorgungssicherheit mit Nahrungsmitteln zulasten der ökologischen Landwirtschaft, Biodiversität o.Ä. zielen, sollten dringlichst vermieden werden.

Nicht zu vergessen, dass die Weltbevölkerung ohnehin zum Großteil von Kleinbauern und nicht von Industriebetrieben ernährt wird.

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Scheinbar gibt es jetzt sogar einen Protest gegen die EU-Vorgaben, die ab 2023 eine Flächen-Stillegung von 4 % fordern. Daran ist man aber natürlich nur gebunden, wenn man die Agrarsubventionen haben will:

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Da hast du schon Recht. Man könnte aber endlich mit dem Rückbau anfangen. Wir subventonieren die LW ja schon massiv und die wirklichen (externalisierten) Kosten der konventionellen sind extrem hoch. Aus langfristiger Betrachtung würde es sich für die Gesellschaft vermutlich lohnen, den Landwirten auf der Stelle den Verdienstausfall zu ersetzen, der durch eine sagen wir Halbierung der Bestände entstünde.

Letztendlich geht es ja darum, die vorhandene Fläche zu nutzen bzw. den Ertrag zu erhöhen.
Langfristig muss die Lösung wahrscheinlich die sein, die meine Vorredner schon angesprochen haben: Weniger Fleischproduktion. Damit wären alle Probleme gelöst und dem Klima gefällt es auch.

Um kurzfristig was zu tun, sollte aber vielleicht die Haltung der EU gegenüber der Gentechnik in der Landwirtschaft überdacht werden.
Ich kenne natürlich auch die Nachteile oder Gefahren von gentechnisch veränderten Pflanzen, aber so wie das momentan gehandhabt wird ist das inkonsequent und unlogisch (gezielte Modifizierung gilt als Gentechnik, aber zufällige Mutationen durch Strahlung nicht).
Meiner Meinung nach sollte man auf dieses wertvolle Werkzeug nicht verzichten oder kann es in Zukunft vielleicht auch gar nicht mehr.
Wer sich auf wissenschaftlicher Basis darüber informieren möchte, dem empfehle ich: Genmanipuliertes Essen: Horror oder Hoffnung? - YouTube
Denn ich habe das Gefühl, dass in der Öffentlichkeit die meisten Leute denken, Gentechnik sei was schlechtes, aber eigentlich kaum Ahnung vom Thema haben. Sonst gäb es ja auch nicht das klassische Siegel „ohne Gentechnik“.

Die Taz hat heute einen weiteren Artikel zur Thematik veröffentlicht:

Die Diskussion um die Bioethanol-Produktion für Treibstoffe finde ich spannend. Laut Artikel werden aktuell 2% der Getreideernte für die Treibstoffproduktion verwendet, die man schnell auch als Lebensmittel verkaufen könnte (ohne Umstellung von landwirtschaftlichen Betrieben).

Darüber hinaus sagt der Artikel, dass von den von der EU geforderten 4% Stilllegungsfläche bereits heute 2% stillgelegt sind (Wälder, Hecken, Tümpel, etc.).

Gegen Veränderung wird natürlich aber auch protestiert, s. Deutscher Bauernverband.

Getreide: 2,6 Kilogramm
60 % des in Deutschland genutzten Getreides wird als Tierfutter eingesetzt. Lediglich ein Fünftel dient direkt der menschlichen Ernährung.

Auch hier gibt es eine einfache dauerhafte Lösung - weniger Fleisch essen und damit auch weniger Getreide hierfür verbrauchen.

Ist aber ungefähr wie Tempolimit und autofreier Sonntag. :wink:

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Das stimmt so natürlich nicht völlig, denn auch das Tier, das ernährt wird, dient wieder der Ernährung bzw Kleidung, etc des Menschen. Leider nur in einem sehr viel schlechteren Wirkungsgrad, ganz extrem wenn man das nur auf die Nahrung reduziert.

Um es klar zu machen, diese Aussage ist trotz meiner obigen Richtigstellung dennoch wahr und wichtig.

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Nun ist es tatsächlich beschlossene Sache:

Zu diesem Zweck hat die Kommission heute folgende Maßnahmen beschlossen:

  • Ein Hilfspaket von 500 Millionen Euro, das auch die Inanspruchnahme der Krisenreserve einschließt, um die von den schwerwiegenden Folgen des Krieges in der Ukraine am stärksten betroffenen Erzeuger zu unterstützen. Auf dieser Grundlage könnten die Mitgliedstaaten Landwirtinnen und Landwirten zusätzliche finanzielle Unterstützung gewähren, um zur weltweiten Ernährungssicherheit beizutragen oder Marktstörungen aufgrund höherer Betriebsmittelkosten oder Handelsbeschränkungen abzufedern. Der Unterstützung von Landwirtinnen und Landwirten, die nachhaltige Verfahren anwenden, sollte Vorrang eingeräumt werden, wobei gleichzeitig sicherzustellen ist, dass die Maßnahmen auf die am stärksten von der Krise betroffenen Sektoren und Landwirtinnen und Landwirte ausgerichtet sind.
  • Höhere Vorschüsse für Direktzahlungen sowie flächen- und tierbezogene Maßnahmen zur Entwicklung des ländlichen Raums an Landwirtinnen und Landwirte ab dem 16. Oktober 2022.
  • Maßnahmen zur Marktstützung für den Schweinefleischsektor, der sich in einer besonders schwierigen Lage befindet.
    *** Eine außergewöhnliche und befristete Ausnahmeregelung, um die Erzeugung von Nahrungs- und Futtermittelpflanzen auf Brachflächen zuzulassen**** und gleichzeitig die Ökologisierungszahlungen für Landwirtinnen und Landwirte in vollem Umfang beizubehalten. Dies wird die Produktionskapazität der EU trotz der begrenzten Verfügbarkeit fruchtbarer Flächen erhöhen.**
  • Die besondere vorübergehende Flexibilität bei bestehenden Einfuhrvorschriften für Futtermittel wird dazu beitragen, den Druck auf den Futtermittelmarkt zu verringern.

Quellen:

Hoffen wir, dass die Maßnahmen bezüglich der Brachflächen zügig wieder zurückgenommen werden können. Wie lange diese „befristete Ausnahmeregelung“ gelten kann, wurde scheinbar nicht näher definiert.