Rassismus gegenüber Flüchtenden

In Folge 281 habt ihr zu Beginn die Information aufgegriffen, dass es immer wieder zu Diskriminierung von als BIPoC gelesenen Flüchtenden, vor allem an der Grenze von Polen kam.
Mich hat der beiläufige Kommentar von Ulf, dass da „der Eindruck nicht völlig fern liegt, dass da auch rassistische Motive eine Rolle spielen“ äußerst irritiert.
Wozu diese vorsichtige Relativierung? Seit George Floyd sollte man doch meinen, dass sich die weiße Mehrheitsgesellschaft, meint sie es ernst mit Anti-Rassismus, intensiv und aktiv mit white surpremacy, Privilegien und dem kolonialen Erbe auseinandersetzt.
Ich finde es wirklich problematisch, wenn Handlungen und Strukturen, die eindeutig in Rassismus wurzeln, nicht als solche benannt werden.
Einen gravierenderen Aspekt auf politischer Ebene deckt Mohamed Amjahid auf: die EU-Richtlinie 2001/55/EG: „Bei Aktivierung sorgt die Richtlinie dafür, dass Schutzsuchende aus einem bestimmten Land unkompliziert Aufenthaltstitel, Arbeitserlaubnisse und soziale Absicherung erhalten, sich ihren Aufenthaltsort in der EU auswählen und somit das Dublin-Verfahren umgehen können. Die EU hat 2001/55/EG wenige Tage nach dem Angriff auf die Ukraine aktiviert: Ukrainische Staatsbürgerinnen können so ohne Bürokratie in die EU einreisen, bleiben, arbeiten, ihre Kinder in die Schule schicken. […] 2015 dagegen blieb Richtlinie 2001/55/EG nicht nur in Brüsseler Schubladen liegen, die Entscheidungsträgerinnen in der EU und die Regierungschefs der Mitgliedsländer haben der Bevölkerung aktiv verschwiegen, dass es diese juristisch präzis vorbereitete Option überhaupt gibt.“ (https://twitter.com/mamjahid/status/1502681528643440641)

Es ist keine Neuigkeit, wie ungleich flüchtende Menschen durch die EU, durch Deutschland, ja auch durch jeden einzelnen behandelt werden, die jetzt ohne zu zögern ukrainische Geflüchtete in ihre Wohnungen aufnehmen, nicht im Traum jedoch daran gedacht hätten, dasselbe für flüchtende Menschen aus Syrien zu tun. Solidarität prinzipiell ist immer gut und soll nicht gegeneinander ausgespielt werden. Es ist aber umso wichtiger, sich der internalisierten Rassismen gewahr zu werden und sich ehrlich zu hinterfragen, ob man nicht dieselben krassen Vorurteile von „zivilisiert“ vs. „unzivilisiert“ / „weiß“ = „wie wir“ vs. „fremd“ und „anders“ auf die Menschen in Not anwendet.
Es geht mir hier nicht vordergründig um die individuelle Ebene, aber das kann halt jede
r einzelne*r von uns schnell mal bei sich selbst hinterfragen.
Des Weiteren muss man nur einmal die „westliche“ Berichterstattung über den Krieg scannen, um den krassesten Rassismus unverhohlen zu hören: Fassunsglosigkeit darüber, dass in „Europe“, „a civilised country“ und „not a third-world developing country“ Krieg und Flucht aussbrechen; dass „middle-class people“ „looking like you and me“ nun auf Hilfe und Obdach angewiesen sind (Charlie D`Agata auf CBS). (Trevor Noah fasst diese Berichterstattung aus dem amerikanischen Raum treffend und sarkastisch ab Min. 10 zusammen : Russia Punished & Media Shocked by Invasion in “Relatively Civilized” Ukraine | The Daily Show - YouTube)
Weitere Artikel, die Rassismus in diesem Kontext klar benennen hier:
Westeuropa und seine Grenzen: Ein widersprüchliches Selbstbild - taz.de
Von Kriegsopfern erster und zweiter Klasse - Übermedien
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Muss man mehr sagen, um klar und eindeutig konstatieren zu können, dass diese Strukturen, die konkretes Verhalten von Polizei, Grenzschutz, Politik, Verwaltung und Zivilbevölkerung gegenüber Geflüchteten steuern, rassistisch motiviert sind?
Es ist für Europa so lange schon überfällig, diese internalisierten Rassismen auf breiter Ebene anzugehen und ein Podcast eures Formats und mit eurem Problembewusstsein und eurer Differenziertheit (die ich absolut schätze) sollte diesem Anspruch genügen.

Liebsten Dank <3

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Es ist eben nicht nur Rassismus der Grund, sondern auch unterschiedliche VISA-Regeln etc.
Weiß nicht mehr wer das war, aber in der Generaldebatte gestern hat sich auch jemand beschwert, dass jetzt Ukrainer einreisen ohne korrekt erfasst zu werden und wir letztendlich gar keinen Überblick mehr haben wer überhaupt hier ist. Unbürokratische Hilfe hat natürlich auch Schattenseiten.

Die These, dass Rassismus die (Haupt)ursache für die unterschiedliche Behandlung der ukrainischen Geflüchteten im Vergleich zu Syrern, Afghanen oder Menschen aus afrikanischen Ländern wäre, wurde bereits in anderen Threads diskutiert. Ohne das dort gesagte zu wiederholen, möchte ich begründen, warum ich das (nach wie vor) nicht für richtig halte.

In den Jahren 2015/16 sind über eine Million Menschen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan nach Deutschland gekommen. Ich kann mich besonders im Sommer und Herbst 2015 an eine Welle der Hilfsbereitschaft und des großen Engagement von Privatpersonen, aber auch insbesondere von kommunalen Mitarbeitern erinnern. Geflohene Menschen, insbesondere aus den Bürgerkriegsländern Syrien und Irak wurden als Flüchtlinge anerkannt, mit mehrjährigen Aufenthaltstiteln ausgestattet, haben Zugang zu Integrationsangeboten und Sozialleistungen bekommen.
Dass diesen Menschen, abgesehen von Handlungen Einzelner, mit Rassismus begegnet wurde, kann ich nicht erkennen.

Dass die EU im Falle der Ukrainer anders handelt als 2015, hat für mich auch weniger mit Rassismus, als vielmehr mit anderen Gründen wie der richtigerweise erforderlichen politischen Geschlossenheit der EU zu tun. Ein weiterer Grund ist für mich aber auch die unterschiedliche Ausgangsituation der Geflüchteten: gerade fliehen Menschen aus der Ukraine aus bombardierten Städten und vor russischen Panzern.
2015/16 hatten viele der nach Europa gekommenen Syrer und Afghanen zuvor in anderen Ländern wie dem Libanon, der Türkei oder dem Iran gelebt, zwar im Regelfall in prekären Verhältnissen, aber eben nicht im Krieg.
Für die meisten EU-Staaten waren diese Menschen keine Schutzsuchenden (mehr).

Das wäre z.B. auch im Hinblick auf den Impfstatus nicht ganz unwichtig …