Der zentrale Unterschied ist, dass Mord sich immer gegen die Interessen des Ermordeten richtet. Abgrenzen davon kann man die Diskussion über Sterbehilfe (also „Tötung“ statt „Mord“), da wird das ganze auch wieder sehr viel differenzierter.
Auch wenn ich davon ausgehe, dass der absolute Großteil der Prostituierten der Prostitution eher aus
a) direkten Zwang (Menschenhandel, Zwangsprostitution)
b) indirekten Zwang (Mangel an Alternativen, Mangel an Ausbildung usw.)
der Prostitution nachgeht, muss ich akzeptieren, dass es Fälle gibt, in denen Prostituierte nachvollziehbar und glaubhaft argumentieren, dass sie diesen Job tatsächlich machen, weil es für sie ein einfacher, gut bezahlter Job ist. Das betrifft natürlich vor allem die „Edelprostitution“ und weniger die „Straßenprostitution“. In diesen Fällen fällt es mir als sehr gesellschaftsliberal eingestellten Menschen schwierig, ein allgemeines Verbot auszusprechen. Wir können uns denke ich darauf einigen, dass wir eine Welt wollen, in der es jedem Verboten ist, zu morden. Aber können wir uns darauf einigen, dass wir in einer Welt leben wollen, in der es Menschen verboten ist, Geschlechtsverkehr für Geld anzubieten, selbst wenn beide Beteiligten an diesem Geschäft es wirklich wollen?
Die nächste Frage wäre dann: Wo ziehen wir die Grenze der Prostitution? Muss der Freier immer eine Kamera mitlaufen lassen, damit er das als legale Porno-Produktion verkaufen kann - oder wollen wir Pornographie gleich mit verbieten, weil hier ja auch Menschen für Geschlechtsverkehr bezahlt werden?
Dazu kommt, dass ich tatsächlich auch ein Problem mit der Sonderstellung habe, die wir der Sexualität teilweise zubilligen. Das ist für mich oft zu religiös-moralisch gedacht. Wenn ein Mensch eine lockere Sexualmoral hat und es für eine gute Idee hält, damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, sehe ich absolut keinen Grund, ihm das zu verbieten. Wichtiger ist mir aber eben, weil ich anerkenne, dass Sexualität diese Sonderrolle für viele Menschen hat, dass wir wirklich alles gesellschaftlich mögliche tun, um dafür zu sorgen, dass niemand in diesem Bereich arbeiten muss, der es nicht wirklich will. Und das schaffen wir meines Erachtens tatsächlich am besten, indem wir Prostitution stärker normalisieren und der gesellschaftlichen Kontrolle unterwerfen, statt sie zu tabuisieren und in die Kriminalität zu treiben, wo es logischerweise keinerlei Kontrolle geben kann.
Gerade weil in der Prostitution und der Porno-Industrie so viele Menschen mit Missbrauchserfahrungen arbeiten ist es daher meines Erachtens extrem wichtig, hier noch viel, viel mehr Sozialarbeit zu betreiben und auf diesem Weg sicher zu stellen, dass jeder, der in diesem Bereich arbeitet, stets weiß, dass er diesen Bereich verlassen kann, wann immer er ist will. Und das können wir nicht, wenn wir Prostitution kriminalisieren, weil die Zugänge für Sozialarbeiter und das Vertrauen in (i.d.R. staatlich finanzierte) Sozialarbeit dann einfach nicht mehr gegeben sind.