Präsenzprüfungen an Hochschulen

Bezüglich der Coronalage möchte ich mich an euch wegen unserer Situation als Studenten wenden. Vielleicht könntet ihr das in die Diskussion im Podcast aufnehmen. Während der Lockdown nun verlängert wird und Schulen geschlossen bleiben beginnt bei uns ab kommender Woche die Prüfungsphase. Am Freitag haben wir die Information unserer Hochschule bekommen, dass diese trotz der angespannten Lage in Präsenz stattfinden wird. Dies ist kein Einzelfall, auch an den meisten anderen Hochschulen werden in den kommenden Wochen die Prüfungen in Präsenz stattfinden!

Bei der aktuellen Infektionslage kommen mir Zweifel auf, ob eine Prüfung bereits ab 15. Januar in Präsenz stattfinden kann bzw. sinnvoll wäre. Schon seit längerem ist der Inzidenzwert bei uns in Nürnberg über 200, die Krankenhäuser quellen über. Erst letzte kam dazu folgender Bericht:

Seit Oktober findet die Hochschullehre komplett online statt. Viele der Studenten halten sich nun auch überwiegend zu Hause und nicht in Ihren WGs oder Wohnheimen auf. Durch die geplanten Präsenzprüfungen sollen nun tausende Studierende in Coronahotspots zurückkehren. Sie müssen zurück in Ihre WGs oder Wohnheime. In den WGs und Wohnheimen werden Aufenthaltsräume, aber vor allem auch die Küchen und Bäder zusammen genutzt. Die Kontakte steigen somit gezwungenermaßen an. Auch bei der Durchführung der Prüfungen kommt es zu Kontakten. Derzeit müssten wohl alle Studierenden eines Prüfungsraums in Quarantäne, falls bei einem Prüfling im Nachgang eine Infektion festgestellt wird. Die Prüfungsphase wäre somit gelaufen. Diese Folge rückt aber in den Hintergrund gegenüber der Tatsache, dass durch die steigenden Kontakte der Studierenden wohl sicher auch neue Infektionen entstehen würden. Infektionen die gerade zu viel sind. Infektionen die im schlimmsten Fall zum Tod weiterer Menschen führen.

Von Seiten der Hochschule werden die Professoren darum gebeten digitale Prüfungen zu entwickeln. Da diese aber bereits im Dezember die Chance dazu hatten und diese überwiegend nicht wahrgenommen haben, wird es dazu jetzt wohl auch nicht mehr kommen. Vor allem auch deshalb, weil uns Studierenden die Umstellung auf eine digitale Prüfung mindestens 3 Wochen vor der Prüfung mitgeteilt werden muss - bis zu diesem Zeitpunkt habe ich voraussichtlich bereits 6 meiner 7 Prüfungen in Präsenz hinter mich gebracht.

Mir stellt sich schon länger die Frage warum die Regierung nicht auch hier reagiert. Einige Hochschulen verschieben bereits freiwillig Ihre Prüfungsphasen nach hinten, die anderen Hochschulen behalten die Prüfungsphasen einfach wie geplant bei. Bei uns wird darauf verwiesen, dass die Prüfungen in Präsenz laut den Verordnungen ja nicht verboten seien („Nach § 17 der derzeit geltenden Elften Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung ist die Durchführung von Präsenzprüfungen unter Einhaltung strenger Hygieneregeln möglich.“). Für mich stellt das ein enormes Risiko dar. Sowohl die direkten als auch die indirekten Kontakte in Verbindung mit den Präsenzprüfungen tragen bestimmt nicht zur Verbesserung der aktuellen Lage bei. Die Hochschule kann zwar das Risiko einer Ansteckung während der Prüfung durch das Tragen von Masken einschränken, das wahre Problem liegt aber außerhalb der Hochschule bei den Ansteckungen in den Wohnheimen und WGs.

7 Like

Danke für deinen Bericht. Ich finde du hast damit total Recht:

Für mich sind Hochschulen oder Universitäten aber nicht nur abstrakte Gebilde oder Unternehmen. An den Lehrstühlen, Instituten, Fachbereichen etc. arbeiten Menschen wie du und ich. Ich finde, diese Mitarbeiter sollten sich auch mehr dafür einsetzten, dass moderne Formate und Prozesse eingeführt werden.

Jeder Lehrstuhl hat gewisse Freiheiten, was die Prüfungsleistung betrifft. Selbstverständlich gibt es Regelungen in den Modulhandbüchern etc. (die teilweise schon viele Jahre so Bestand haben und nicht kontinuierlich weiterentwickelt werden) aber im Rahmen von Corona sollte dringend an neuen Prüfungsformaten gearbeitet werden. Aber es betrifft nicht nur die Prüfungen an sich, sondern auch die Lehrveranstaltung an sich und alle dahinter liegenden Prozesse und Abläufe und den Ansatz der Didaktik. Hier reicht es aber nicht nur auf Druck von der Bundes- oder Landesregierung zu warten. Auch ein Bottom-Up Ansatz, also ein Wunsch der Veränderung durch die Uni-Mitarbeiter selbst, sollten wir nicht vergessen.

In einigen Bereichen haben es die Mitarbeiter selbst in der Hand, wie sie sich organisieren und strukturieren. Ich arbeite Teilzeit an einem Lehrstuhl und wir haben erst heute diskutiert, wie wir die wichtigen Unterschriften unter die Prüfungsbeurteilungen bekommen. Leider bekam ich mit meiner Idee der digitalen Signierung der Beurteilungen nur ein Lächeln von den Kollegen. In einigen Unternehmen ist sowas schon umgesetzt und an der Uni erntet man damit nur ein Lächeln, schade. (Btw. wir fragen nun beim Prüfungsamt, ob wir die Unterschriften auch einfach einscannen können)

Wir sollten nicht nur darauf hoffen, dass die Uni-Präsidenten oder die Regierung Veränderungen vorantreiben, sondern jeder selbst sollte sich an die eigene Nasen fassen und Fortschritt und Digitalisierung über die reine Zoom-Konferenz hinaus nutzen.

Unsere Hochschule hat für Dozenten und Professoren sogar bereits eine Handreichung verfasst, die eine Vielzahl von digitalen Prüfungsformaten detailliert beschreibt. Schon seit dem Sommersemester 2020 hat die Hochschule eine eigene Moodle-Plattform für digitale Prüfungen und zusätzliche Serverkapazitäten aufgebaut. Eine Umstellung der Prüfungsformen ist daher möglich und auch durch die Hochschulleitung dringend empfohlen - leider wird dieses Angebot bisher aber nicht wahrgenommen. Professoren fürchten um die Freigabe Ihrer Prüfungsfragen und vermehrten Unterschleif. Diese Sorgen kann ich durchaus verstehen. Digitale Prüfungen wären für mich auch eine Herausforderung. Grundsätzlich wären mir deshalb die routinemäßige Prüfung in Präsenz wie gewohnt auch lieber. Bei der aktuellen Situation stellen diese jedoch eine Gefahr für alle dar, die vermeidbar wäre.

Die Lehrveranstaltungen waren in meinen Modulen nun überwiegend digital verfügbar. Aus meiner Sicht hat sich die digitale Lehre seit Corona schon deutlich verbessert. Die Dozenten geben sich nun große Mühe die Inhalte digital aufzuarbeiten. Viele Professoren bieten Ihre Vorlesungen nun auch digital an - für mich eine super Sache, da man verpasste Vorlesungen einfach nachholen kann. Für Studierende mit Nebenjobs macht das die Vereinbarkeit von Studium und Nebenbeschäftigungen deutlich einfacher. Außerdem können schwierige Inhalte wiederholt werden. Und vor allem kann jeder in seiner eigenen Lerngeschwindigkeit Inhalte erschließen. Bei uns werden die die digitalen Inhalte derzeit durch regelmäßige Meetings mit den Dozenten ergänzt. Nichtsdestotrotz fehlt mir der Kontakt zu den Kommilitonen und den Professoren. Für mich sind die Lehrveranstaltungen in Präsenz weiterhin un-abdingbar. Trotzdem begrüße ich die Ergänzung durch digitale Formate sehr. Nur schade, dass dieser Wandel erst durch eine Pandemie herbeigeführt wurde.

Ich stimme dir zu. Außerdem: Gerade in größeren Studiengängen kommen da gerne mal 200+ Leute zur Klausur, jede ist eine potentielle Großveranstaltung. Maskenpflicht gibts bei uns (am Platz) nicht.

Was das angeht Kopf hoch: Bei uns wurde gerade verblüffend spontan ein Ersatzkonzept bzgl der Klausuren entwickelt. Womöglich kommt da noch was.

Meine Erfahrung ist, dass es nahezu nirgends geschafft wurde einheitliche Regeln zu treffen. Hier kollidiert nicht nur der Föderalismus mit der Pandemie wie sonst auch, sondern insbesondere die Autonomie der Lehre mit den Vorgaben aus den zuständigen Aufsichtsbehörden. Zur Zeit herrscht vielenorts gefühlt Krieg zwischen den Behörden und den Uni Leitungen und ihren Lehrstühlen.
Die Unis fühlen sind überfordert von den nach Wochenlage angepassten Vorgaben, die Lehrstühle können nicht planen und an medizinischen Fakultäten weiß ich, sprechen sie den Behörden auch einmal ganz offen die Kompetenz ab. Oftmals wird der Aufwand gescheut neue Prüfungen zu gestalten, wenn unklar ist, ob es sich lohnt.

Am Ende interessiert sich keiner für Studenten und schon gar nicht für Risikogruppen…
Es hat sich einfach Seit einem Jahr nicht wirklich etwas getan.

Aber es ist nicht so, dass die Dozenten allein zur schlechten Stimmung beitragen. Es gibt aus Dozenten Sicht nichts undankbareres als vor dem Laptop zu sitzen und mit stummen schwarzen Kacheln zu reden, weil keine Kamera an ist und keiner Fragen stellt. Im Hörsaal konnte man wenigstens die Körpersprache interpretieren…

So ganz sind wir alle noch nicht im Internet angekommen…

In NRW gilt für Hochschulen seit dem 11. Januar folgende Regel:

Der Lehr- und Prüfungsbetrieb an Hochschulen und an den Schulen des Gesundheitswesens ist unter Einhaltung der Vorgaben des Infektionsschutzgesetzes zulässig.

Dabei dürfen Lehrveranstaltungen nur dann in Präsenz zugelassen werden, wenn diese nicht ohne schwere Nachteile entweder für die Studierenden ohne Präsenz durchgeführt oder auf einen Zeitpunkt nach dem 31. Januar 2021 verschoben werden können.

Präsenzprüfungen und darauf vorbereitende Maßnahmen sind nur zulässig, wenn sie aus zwingenden Gründen nicht auf einen Zeitpunkt nach dem 31. Januar 2021 verlegt werden können oder eine Verlegung den Prüflingen nicht zumutbar ist.

Ich kann zumindest berichten, dass letzte Woche Donnerstag zumindest für TU und FH Dortmund (was den größten Teil an Dortmunder Studenten ausmacht) Präsenzprüfungen für dieses Semester komplett abgesagt und nur digitale Formate zulässig sind.

Das stellt viele Professoren jetzt vor große Herausforderungen, da sie sich auf Präsenzklausuren eingestellt hatten, ähnlich wie im Sommersemester 2020. Dabei wurden Klausuren über viele Hörsäle und die Mensa verteilt bzw in den Westfalenhallen geschrieben und auf 60min Schreibzeit begrenzt.

Digitale Klausuren sind nicht wirklich Täuschungssicher durchführbar, daher wird es wohl vielfach Hausarbeiten geben.

Hier auch noch ein sehr interessanter Artikel zu der Lage in Nürnberg.

Genau dieses Thema macht mich auch sauer. Ich studiere auch in Nürnberg und MUSS alle meine Prüfungen in Präsenz schreiben. Kommilitonen müssen sogar in die Uni fahren um Online Prüfungen am PC-Pool IN der Uni zu schreiben. Hier hat sich also nichts geändert, keine Hausarbeiten oder Online Prüfungen - wie in den beigefügten Artikel behauptet:
„Außerdem müssen wir Qualität und Vergleichbarkeit gewährleisten – ein Uniabschluss muss in diesem Jahr genauso anspruchsvoll sein wie in jedem anderen“, erklärt die Vizepräsidentin. „Viele Lehrende haben reagiert und ihre Prüfungsformen umgestellt.“

Also, entweder eine Prüfung während einer Pandemie, mit hundert Leuten, schreiben, inklusive Anfahrt mit ÖPNV, oder noch ein - zwei Semester mehr studieren.