Pläne für einen Putsch in Brasilien morgen (07.09.)

Liebe Lage, ihr habt vor einiger Zeit ausführlich über Myanmar gesprochen und ich würde mich sehr freuen, wenn ihr dem uns kulturell nahe stehenden Brasilien etwas Aufmerksamkeit widmen würdet.

Selbst wenn der Putsch morgen nicht erfolgreich sein sollte, die Lage dort bleibt problematisch und hat auch mit uns zu tun. Danke für die, die das hier alles lesen. :heart:

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+++ Was gerade passiert +++

Morgen (07.09.) ist in Brasilien Unabhängigkeitstag, zu dem Präsident Bolsonaro offen einen Coup d’Etat vorbereitet. Ob dieser erfolgreich sein wird, hängt von seinen Anhänger:innen ab. Die hetzt er mit seinen Social-Media-Bots gerade zu einer Demonstration auf, mit der das „Eingreifen“ des Militärs legitimiert werden soll. Das Militär soll die parlamentarische Kontrolle seiner Arbeit ersetzen, damit er dort nicht mehr mit Vorhaben scheitern kann.

De facto plant er jetzt also aktiv eine Rückkehr zur Militärdiktatur, die von 1964 bis 1985 im Land gemordet und den Großgrundbesitzenden ihre Ausbeutung des Landes gesichert hat. Die Militärdiktatur war übrigens auch für deutsche Firmen sehr lukrativ. — tagesschau vom 24.09.2020: VW zahlt 5,5 Millionen Euro an Opfer der Militärdiktatur in Brasilien

Die Rhetorik kennen wir gut: Das Parlament sei korrupt und nur er bringt das Heil über das Land. Mit „Land“ meint er jedoch nur weiße Wohlhabende. Leider hat er auch im „aufstrebenden Mittelstand“ Anhänger:innen, die sich von seiner rassistischen Politik mehr Wohlstand versprechen.

Im kommenden Jahr müsste er sich zur Wiederwahl stellen, was sich wegen des Corona-Genozids an den Ureinwohnenden sowie den Nachfahren der Sklav:innen schwierig gestelten könnte. Denn wo wir hier über die wirtschaftlichen Folgen der Lockdowns diskutieren, leidet dort die Wirtschaft an den vielen Toten und Verletzten durch seine aktive Todeskult-Politik à la AfD. Das klingt jetzt dramatisierend, basiert aber leider auf Fakten. (Spiegel, 30.03.2021 — Ex-President Lula on Brazil’s Corona Disaster: "It’s the Biggest Genocide in Our History")

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+++ Quellen +++

Englisch:

Portugiesisch:

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+++ Warum das m.E. für uns relevant ist +++

Brasilien war bis zur Wahl von Bolsonaro ein sozialdemokratisch geprägtes Land. Nach dem Ende der Militärdiktatur Anfang der 1990er wurden über viele Jahre mühsam soziale Verbesserungen für nicht-weiße Menschen erkämpft. Mit Bolsonaro ist ein Mensch gewählt worden, der einen Krieg gegen Nicht-Weiße und Arme führt, der alle sozialen Verbesserungen innerhalb weniger Jahre beendet hat und für die Milliardäre hinter ihm, die Zerstörung der Lebensgrundlagen vorantreibt, um eine maximale Ausbeutung der natürlichen Ressourcen zu ermöglichen.

Bolsonaro vertritt 1:1 die Forderungen und das Wahlprogramm der AfD. Deswegen suchten auch erst kürzlich wieder deren Politiker:innen die Nähe zu ihm. — Spiegel, 26.07.2021: Präsident Bolsonaro hat Beatrix von Storch empfangen.

Auch wenn die AfD zum Glück noch etwas von der Machtübernahme in ganz Deutschland entfernt ist, so könnte sie doch irgendwann in Bundesländern die Regierung stellen. Deswegen müssen wir in Brasilien anschauen, was AfD-Politik bedeutet.

Dazu noch die kulturelle Verknüpfung: Für die meisten von uns ist das ein vergessener Teil der Geschichte, aber zirka 5 bis 12 Millionen Menschen in Brasilien sind Nachfahren von deutschen Einwanderer:innen. Wir schauen diesbezüglich immer auf die USA, aber auch in die Vereinigten Staaten von Brasilien sind sehr viele Deutsche ausgewandert. Wir haben eine Verknüpfung, die genaues Hinschauen mindestens rechtfertigt, was dort gerade passiert.

Und zu guter Letzt geht uns Brasilien natürlich an, weil dort statt auf erneuerbare Energien in dem Land von Sonne und Wind zu setzen, Öl aus dem Boden geholt und verfeuert wird, sowie bekanntermaßen der Amazonas-Regenwald vor der kompletten Zerstörung steht. Auch mit Hilfe von europäischen Firmen und europäischen Geld.

Eine andere Politik ist in Brasilien möglich, aber zivilgesellschaftliche Betätigung führt nicht selten zur Ermordung. Es bedarf Drucks von Außen auf dieses Regime, damit nicht noch mehr lokale Menschenleben und planetare Zukunft zerstört wird. Deutschland und die EU haben sehr viel Macht und Geld, deswegen müssen wir über das sprechen, was in Brasilien passiert.

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