Pendlerpauschale

Meine Lieben,
Ich bin begeisterter Lage Hörer. Aber die Pendlerpauschale als Bonus für einen langen Arbeitsweg zu bezeichnen, erscheint mir doch fragwürdig.
In Niedebayern auf dem Land sind die Wege zu einer vernünftigen Arbeit manchmal etwas länger!
Ich würde gerne auf die Pendlerpauschale verzichten, wenn ich dafür kein zweites Auto bräuchte und auch noch täglich eine Stunde Fahrzeit einsparen würde
Viele Grüße Jürgen

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Was ist an dieser Beschreibung denn genau falsch btw „fragwürdig“?

Mal von den möglichen Auswirkungen von Digitalisierung und Home Office abgesehehen:
Es gibt kein Grundrecht darauf, für den Weg zwischen Wohnort und Arbeitsplatz vom Staat unterstützt zu werden. Wem der Arbeitsweg zu lang/teuer ist, der/die muss sich einen anderen Arbeitsplatz oder Wohnort suchen, oder sich anders mit dem Arbeitgeber einigen.
Irgendwann wird es dann ja auch das Problem des Arbeitgebers, wenn er zB zu abgeschieden ist und die Arbeitnehmer keine Lust darauf haben → Angebot & Nachfrage, evtl Nachsteuern durch Lohnerhöhung durch den Arbeitgeber

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Bonus suggeriert das man es macht wegen der Pendlerpauschale bzw. um diese zu erhalten was ja falsch ist. Ist der Beruf in der Stadt kann man auch nicht einfach da hinziehen. Oder die Kinder aus ihrem Umfeld nehmen nur weil der Standort des Berufes sich ändert. Im Endeffekt stellt sich eventuell die Frage was die Pendlerpauschale tatsächlich bezwecken möchte. Wohnungen auf dem Land attraktiver halten? Den Wohnungsmarkt in den Ballungszentren entlasten? Arbeitskräften auf dem Land einen finanziellen Ausgleich geben für die Zeit die sie zusätzlich im Auto verbringen? Hier wäre eventuell den Punkt zu hinterfragen. Aber wie gesagt…das wäre eine andere Diskussion. Ein „Bonus“ ist die Pendlerpauschale zumindest nach dem normalen Sprachgebrauch auch meiner Meinung nach nicht und ich verstehe wenn einen das stören könnte.

Und in unserer Gesellschaft sind zudem ja nicht nur Grundrechte abgesichert. Diese Argumentation macht insofern also auch wenig Sinn.

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Die Formulierung aus der Lage war mir auch aufgefallen. Als ob Menschen bewusst lange Fahrtwege anstreben, um möglichst viel Geld zurück zu bekommen. Die Lebenszeit im Auto wird dabei aber vergessen.
Ohne die Pauschale steigt u.U. der Druck in den Städten. Wenn ich sehe, wie viele täglich einpendeln, möchte ich das nicht in Wohnungen umrechnen. Oder um eine der Antworten umzuinterpretieren: „Na dann zieh doch nach München“, ist auch keine Ideallösung.

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Es ist kein Bonus, da sich Pendeln mit dem Auto finanziell nicht ansatzweise lohnt. Einfache Rechnung: 38/2 = 19 Ct (=gilt nur für einfache Wegstrecke). Bei einem angenommenen persönlichen Spitzensteuersatz von 45% bekommt der Pendler also 19x0,45 ~ 9 Cent pro Kilometer. Das deckt bei einem sehr verbrauchsarmen Auto knapp die Spritkosten.

Das wäre ja auch noch schöner… Es geht hier ja um das Ausgleichen notwendiger Werbungskosten.

Ich sehe hier eine sinnvolle Steuerungsfunktion für die Menschen, die eben doch näher an ihrer Arbeitsstätte wohnen (in der Stadt oder am Stadtrand): Ich fahre in aller Regel mit dem Fahrrad zur Arbeit und habe mit der Pendlerpauschale eben am Ende mehr Geld übrig, als wenn ich die Strecke (unsinnigerweise) mit dem Auto bewältigen würde. Inzwischen hat Hinz & Kunz ein E-Bike und damit lassen sich auch Arbeitswege von 20 km noch gut bewältigen. Wer das tut, ist eben finanziell im Vorteil und das ist doch auch richtig so. Über 20 km wird das schwieriger, daher steigt ab der Strecke die Pauschale.

Das zentrale Problem sehe ich darin, dass mit der Pendlerpauschale über Jahre Arbeitsverhältnisse mit langen Wegstrecken zwischen Wohn- und Arbeitsort gefördert wurden. Dieser Trend lässt sich jetzt nicht mal soeben umkehren, auch wenn es klimatechnisch sinnvoll wäre. Die „Bonus“-Aussage halte ich persönlich auch für unangebracht. Niemand verbrennt täglich drei Stunden Lebenszeit im Auto, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Homeoffice (mit Vorrang für diejenigen mit weitem Anfahrtsweg) kann tatsächlich Teil der Lösung sein, aber für die Arbeitsverhältnisse, wo das nicht geht, stehen wir m.E. vor einem echten Problem.

Ich kenne leider genügend Gegenbeispiele. Im Ruhrgebiet beispielsweise nehmen mir persönlich bekannte Menschen teilweise täglich Staus auf dem Weg zur Arbeit auf sich, obwohl ihre Arbeitsstätten in der gleichen Zeit mit den Öffentlichen zu erreichen wären. (Nicht unbedingt in weniger Zeit! Aber drei Stunden im Zug sind doch anders nutzbar als im Auto.)

Das Auto als Standardverkehrsmittel und die Öffentlichen als irgendwie „unbequeme“ Alternative sind meiner Ansicht nach doch noch sehr stark Teil der deutschen „Mobilitätsmentalität“.

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Beißt sich mit:

Denn offensichtlich finden sich ja genug die nicht nach Vermeidungsmöglichkeiten suchen.

Das ist zwar falsch und @Silas hat das ja auch vorgerechnet, aber die meisten Leute sehen es nicht. Viele denken „da krieg ich jetzt 38ct/km wieder“ und finden das gut. Liegt vermutlich am Lobbyismus, Autonation und daran, dass jeder gerne Geld vom Staat wiederbekommt.

Der finanzielle Vorteil resultiert jedoch alleine aus dem Fahrrad, das gegenüber Auto oder Öffis wesentlich günstiger ist. Nicht durch die Pendlerpauschale. Diese ist unabhängig vom Fortbewegungsmittel.

Das ist richtig, aber das hat auch einen Hintergrund. Die Berufe sind immer spezialisierter geworden und werden auch immer noch immer spezieller. Je Spezialisierter jemand ist, desto geringer ist die Auswahl an Arbeitgebern, die einem zur Verfügung stehen.
Meine Frau und ich sind beide Akademiker und wir sind echt glücklich, dass unsere Arbeitgeber „nur“ 1h Fahrtzeit (leider mit dem Auto) entfernt sind. Ein Wechsel des Arbeitgebers ist natürlich nicht unmöglich, aber mit unverhältnismäßigen Nachteilen verbunden.

Unbestritten. Aber das Problem mit dem pauschalen Hebel über die Pendlerpauschale ist eben, dass dieser nicht den individuellen Weg zur Arbeit ins Visier nehmen kann.

In dem von dir skizzierte Fall könnte der Pendler bei hohem CO2-Preis einfach vom Auto auf Öffentliche umsteigen (wenn er denn wollte). Es gibt aber genug Fälle, in denen die 1 ½ h (one way) Auto-Strecke mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf einmal zu einer 2 ½ h Strecke wird – sofern die Arbeit überhaupt mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist. Dann wiederum gibt es Berufe, in denen hohe Flexibilität bei Arbeitszeiten gefragt ist und es ein Problem ist, wenn der Bus nur 1x pro Stunde oder noch seltener fährt.

Es wird Fälle geben, in denen Individualmobilität unersetzbar bleibt und andere in denen es mehr öffentlichen Nahverkehr braucht. In manchen Fällen ist Homeoffice ein Teil der Lösung (50% Homeoffice = halber Arbeitsweg) in anderen geht das nicht. Das wird sich aber sozialverträglich nicht einfach über den Markt regeln und ist daher transformationstechnisch eine riesen Aufgabe.

Ist absolut richtig und wird von mir nicht in Frage gestellt. Was ich damit sagen will: wir haben Strukturen geschaffen, die auf günstig verfügbarer Individualmobilität aufbauen und das macht die Mobilitätswende jetzt sehr schwierig.

Ich bin nicht sicher, ob ich den Beitrag verstehe, aber ein job, der dich pro Tag zwei Stunden weniger Fahrtzeit kostet ist Gold wert. Das Problem ist – wie von @FlorianR skizziert – dass (zu begrüßende) zunehmende Spezialisierung und individuelle Selbstverwirklichung bisher zwangsläufig mit mehr Mobilität einhergeht. Bzgl. des Verkehrsmittels siehe oben.

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Leider wird auch hier wieder sämtliche Verantwortung auf den Arbeitnehmer abgewälz. Nach dem Motto „Du kannst Dir ja einen Job suchen der näher an Deiner Wohnung liegt“. Klar, kann man manchmal, aber die meisten Realitäten sehen eben anders aus. Sei es dass am Arbeitsstandort keine bezahlbare Wohnung zu bekommen ist, sei es dass der Partner entgegengesetzt eine Arbeit hat und man sich für die Mitte entscheiden hat, um beide gleichmässig zu „belasten“.

Aber niemand redet von mehr Homeoffice nach der Pandemie. Auch jetzt wird bereits überall alles wieder zurück gefahren was die Anzahl der Tage angeht. Auch Dinge, die Jahrzehntelang völlig normal war wie Wohnungen des Konzerns, der günstig an seine Mitarbeiter vermietet, sind fast völlig verschwunden. Der Arbeitgeber lehnt sich wieder zurück und verlagert das Thema auf den Arbeitnehmer. Und jammert dann wenn er keine Leute findet.

Du haust Fahrzeit mit „Zeit im Auto“ zusammen. Daher dein Verständnisproblem.

Es ist relativ simpel, du sagst niemand verbringt 3 Stunden im Auto wenn er es nicht muss. Doch tut er. Denn selbst wenn man mit dem Kollektivverkehr dieselbe Zeit benötigt, wählen die Meisten doch das teurere Auto, anstatt sich in Bus/Bahn zu setzen und nebenbei was anderes zu machen.

Ich hab nie zuvor und auch nicht danach so viele Bücher gelesen wie bei meiner Pendelei mit der Berliner U-Bahn.
Und nach der Nachtschicht hatte ich den Bonus bis zur Endstation zu müssen, also konnte ich schonmal ein bisschen pennen.
Früher mal wurden in Bus und Bahnen ganze Pullover gestrickt.
Früher ist man so sogar in den Urlaub an die Ostsee oder zu den Verwandten gefahren.

Alles nicht mehr vorstellbar, statt dessen stresst man sich lieber im Auto.

Wie schon gesagt: den Fall gibt es – sicher auch nicht selten. Ich halte es aber für unzulässig, das Pendler-Problem darauf zu reduzieren. Das Problem sind die o.g. Fälle, die nicht so einfach auf Alternativen ausweichen können und für die ich mir pauschale Lösungsansätze schwierig vorstellen kann.

Es wird immer die Fälle geben, die glauben man könne nicht auf Alternativen ausweichen, schlicht weil unsere Gesellschaft so aufgebaut ist.

Es ging mir eben nur um dein Argument dass die Mehrzahl meint es gäbe gar nicht erst Alternativen, schlicht weil sie zu bequem geworden sind und sich lieber darüber aufregen jeden Tag im Stau zu stehen, weil es immernoch keine 4. 5. oder 6. Spur gibt.

Für die vielen Pendler in die Stadt ist es doch schon eine Horrorvorstellung, wenn sie ihren PKW am Stadtrand stehen lassen und auf die Kollektiven umsteigen sollen.

Das hört sich ein bisschen so an, als wäre der Umstieg auf andere Verkehrsmittel nur eine Einstellungssache und eigentlich kein Problem. Wie oben geschildert sehe ich das anders. Aber werden wir doch ganz konkret: wie sieht die Lösung deiner Meinung nach aus? Pendlerpauschale einfrieren / senken / abschaffen?

Ich sehe das ähnlich wie @Olaf.K. Ja ist nicht das einzige Problem, aber ein wesentliches. Ich würde sogar sagen, dass das Auto abhängig macht. Man gewöhnt sich an den Luxus. Es ist oft das schnellste Verkehrsmittel (auf die reine Fahrzeit bezogen), es ist beheizt und trocken, man muss sich nicht anstrengen, usw. Und ganz oft wird einfach nicht beachtet, dass die Fahrzeit aus meiner Sicht schlicht und einfach verlorene Zeit ist. Ja man kan telefonieren oder Podcasts hören, aber im Vergleich zum Fahrrad wo man Sport macht, Stress reduziert, man hat keine Verantwortung… - schlicht und einfach kein Vergleich. Und trotzdem ist bei vielen Leuten einfach nur das Auto als Fortbewegungsmittel im Kopf. Manche kommen gar nicht auf die Idee was anderes zu nutzen, außer vielleicht das Flugzeug. Dieses Denken zu veränder ist aus meiner Sicht ein ganz wesentlicher Punkt für die Verkehrswende, der völlig unterschätzt wird.

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Alles richtig, aber was heißt das jetzt für die Pendlerpauschale? Wie bewegt man solche Leute zum Umdenken und ermöglicht gleichzeitig Pendlern auf dem Land weiterhin ihren Job auszuüben?
Ich persönlich hasse Autofahren, weil es mich stresst und bin praktisch nur noch mit dem Fahrrad unterwegs. Mir ist aber klar, dass das die Sicht aus einer Großstadt-Bubble ist.

Abschaffen, stattdessen 500€ jährlich für jeden, der auf sein Auto verzichtet.
Das würde das Verhalten belohnen, das die Gesellschaft im ganzen weiter bringt.

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Heißt für den Großstädter, er bekommt 500€ geschenkt und für den Pendler auf dem Dorf, dass er mangels Alternativen den Job verliert, oder erheblich tiefer in die Tasche greifen muss. Ich denke nicht, dass ein System funktionieren kann, das diese Fälle nicht auch unterschiedlich behandelt.