Olympia 2036

Natürlich kommen die so oder so. Im eigenen Staatsfernsehen wird keine Kritik gezeigt werden, dafür hat man den Werbeeffekt und die Verharmlosung der eigenen Terrorkampagne gratis mit dabei. Im Falle von Sportsoldaten treten dann “Sportler” dort an, die ihre ukrainische Konkurrenz quasi am Vortag erschossen haben oder - je nach zukünftiger Entwicklung - grade noch aktiv an einem terroristischen Besatzungsregime mitgewirkt haben. Klar kann dann das IOC mit dem ihm eigenen “Verfolgungseifer” solche Akteure verbannen, aber man weiß doch, was das für ein Laden ist. Je mehr ich hier lese und über die Idee nachdenke, umso kleiner wird meine Begeisterung.

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Das klingt ja fast wie ein Naturgesetz und nicht wie eine Folge bestimmter politischer Entscheidungen. Dein Argument war ja, das durch die Ausrichtung Olympischer Spiele Wohnungen und andere Infrastruktur entstehen, die anschließend anderweitig genutzt werden können. Und mein Einwand lautete, dass man schon drauf schauen muss, wer diese Infrastruktur tatsächlich nutzen kann und wer im Zuge deren Errichtung eher negative Folgen zu spüren bekommt. Dass es einen solchen Effekt nicht nur bei Olympischen Spielen gibt, ist ja kein inhaltlicher Widerspruch. Nur hat beispielsweise die Ausrichtung einer Männer-Fußball-WM längst nicht so große Auswirkungen. Und dass wohlhabende Menschen in eine angesagtere Gegend ziehen, macht deren bisherige Wohnungen bestimmt nicht günstiger.

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Warum diskutieren wir überhaupt über dieses Thema?
Ernsthaft, das hat doch nichts mit der Frage zu tun, ob die Olympischen Spiele in Deutschland stattfinden sollten, sondern einzig mit der Frage, ob problematische Akteure wie Russland generell ausgeschlossen werden sollten (was sie aktuell nebenbei sind!). Das ist aber genau genommen keine Entscheidung des ausrichtenden Landes, sondern des IOC. Also was ist der genaue Bezug zur Frage, ob Deutschland Olympia ausrichten sollte?

Wie gesagt, auch das ist unabhängig vom Austragungsort von Olympia. Ich unterstütze dich gerne in der Forderung, Russland auch weiterhin von den olympischen Spielen generell auszuschließen, bis der Krieg beendet und Reparationen an die Ukraine geleistet wurden. Und nebenbei: Sportsoldaten sind keine „richtigen“ Soldaten, die im Krieg kämpfen würden. Auch nicht in Russland. Die sind viel zu wertvoll als Werbe- und Propagandainstrument, als dass man sie in einen bewaffneten Konflikt schicken würde. Die Kritik ist daher eher aktuell, dass z.B. mit Saweli Korosteljow ein Russe, der von russischen Medien als „Sportsoldat“ identifiziert wird, unter neutraler Flagge an olympischen Wettbewerben teilnehmen durfte und dadurch als Propagandawerkzeug Russlands diente. Aber again: Das hat wirklich gar nichts mit der Frage zu tun, wo Olympia stattfindet.

Natürlich ist es eine Folge einer bestimmten politischen Entscheidung, konkret der Entscheidung, einen privaten Wohnungsmarkt mit wenig staatlichen Eingriffen zu haben, in dem solche Markt-Effekte zum Nachteil von Geringverdienern voll durchgreifen können. Natürlich kann man das politisch auch verhindern, aber gerade dann ist dein ursprüngliches Argument umso schwächer. Wäre Gentrifizierung ein Naturgesetz, wäre dein Argument, dass Gentrifizierung eine Konsequenz der Ausrichtung von Großveranstaltungen sein kann, stark. Ist Gentrifizierung hingegen verhinderbar, ist das Argument schwach. Zum Beispiel könnte man das olympische Dorf von Anfang an als sozialen Wohnungsbau ausgestalten, sodass ein (großer) Teil der entstehenden Wohnungen nur mit Wohnberechtigungsschein zur Verfügung steht. So würde man Gentrifizierung ziemlich effektiv klein halten.

Also ich bin ja auch immer gerne kritisch, wenn es um Markttheorien geht, aber zu behaupten, dass Wohnungen nicht günstiger würden, wenn zahlungskräftige Interessenten an diesen Wohnungen woanders hin ziehen, also weniger zahlungskräftige Interessenten um diese Wohnungen konkurrieren, erscheint selbst mir fragwürdig. Das allgemeine Prinzip von Angebot und Nachfrage ist doch nun wirklich relativ unbestritten.

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Was in München auch der Fall ist.
Alle Wohnungen sind Studentenwohnungen.

Studierendenviertel Olympisches Dorf: Studierendenwerk München Oberbayern

Vermutlich deshalb:

Wie alt ist Putin eigentlich 2036? Statt Ur-Opa erzählt vom Krieg, Ur-Opa spielt Krieg?

Da bin ich ganz bei dir. Aber ich … denke, dass die letzten Sportveranstaltungen schon gezeigt haben, dass Teile der deutschen Bevölkerung sich lieber klare Kante und Konfrontation als Gastfreundschaft wünschen.

Als Gast ist es schon schwierig, den Gastgeber zu kritisieren, doch in einem angemessenen Rahmen ist es vertretbar. Wenn jedoch ein Gastgeber seinem Gast offen feindselig entgegentritt, wäre das beispiellos.

Das bedeutet natürlich nicht, dass man problematische Entwicklungen nicht klar benennen dürfte. Vielleicht wäre es aber sinnvoller, kritische Sportler in einem Interview einmalig auf ihre Haltung anzusprechen, statt Demonstrationszüge am Stadion vorbeiziehen zu lassen oder ganze Nationen beim Einlauf auszubuhen, wie es kürzlich in Italien geschehen ist.

Ich bin mir unsicher, ob unser Land zu der nötigen Toleranz fähig ist. Wir gefallen uns oft zu sehr in Selbstgewissheit auf der richtigen Seite (was ich im Fall von Russland absolut unterstütze) zu stehen und das allen um die Ohren zu hauen (was ich wiederum kritisch sehe).

Vorher meintest du noch, dass Gentrifizierungsprozesse eh ein „normaler“ Effekt solcher Großveranstaltungen seien und deshalb der Hinweis auf diese kein valides Gegenargument, nun sagst du auf einmal, dass sie sich komplett verhinden ließen und deshalb kein valides Gegnargument seien - was denn nun?

Die spannende Frage ist ja gerade, ob dann wirklich nur weniger zahlungskräftige Interessenten um die frei gewordenen Wohnungen konkurrieren oder ob nicht einfach andere, ebenso zahlungskräftige Interessenten auf den Markt drängen und die Preise sogar noch stärker hochtreiben. Kurzfristig sind da begrenzte positive Effekte sicherlich denkbar, aber die Gesamtbewertung lässt sich m. E. nicht so einfach übers Knie brechen. Für eine Diskussion mit etwas mehr Substanz bräuchte es da schon entsprechende Daten und Analysen, etwa aus Paris und London.
Aber wenn man die Argumentation umkehrt, bleibt doch die Frage: Warum brauche ich eine Olympiade, wenn es eigentlich darum geht, Sozialwohnungen zu bauen - das kann ich ja auch ohne einen Mega-Event, für den der Staat noch sehr viel mehr Geld für Dinge ausgibt, die nicht dem Ausgleich sozialer Ungleichheit dienen, um es mal milde zu formulieren. Was das konkret bdeutet, wird u. a. gerade in München diskutiert:

Nein, das gilt nur für einen verhältnismäßig kleinen Teil des olympischen Dorfes - nämlich ein Hochhaus und 800 recht einfach gebaute Bungalows, die inzwischen komplett saniert bzw. neu gebaut werden mussten. Das waren übrigens die Unterkünfte für die weiblichen Athletinnen. Der weitaus größere Teil des olympischen Dorfes - die sehr viel aufwändigeren, architektonisch anspruchsvolleren und nach damaligem Stand mit aller technischen Finesse ausgestatteten Wohnungen für die männlichen Sportler - war zwar ursprünglich auch mal irgendwie als Sozialwohnungen angedacht, de facto aber mit dem Dreifachen der Sozialwohnungsmiete (DM 14,00 statt 4,20 pro m2) schon Ende 1972 Luxus [Quelle]. Inzwischen sind es zu einem großen Teil Eigentumswohnungen, die noch immer teuier und begehrt sind. Bei der [Wikipedia](Olympisches Dorf (München) – Wikipedia heißt es dazu:

Das Olympische Dorf ist heute ein Wohngebiet mit etwa 6.100 Bewohnern. Der Wohnwert des Olympischen Dorfes gilt als sehr hoch, viele Umzüge finden lediglich innerhalb des Olympischen Dorfes statt. Das Wohnviertel hat viele Grünanlagen. Es wird von 90 Prozent der Eigentümer selbst bewohnt und hat die höchste Akademikerdichte Münchens.

Kurzum: Um die Frage, welche positiven und negativen Auswirkungen einer Ausrichtung olympischer Spiele für Angehörige unterschiedlicher sozialer Schichten hat, wirklich fundiert zu diskutieren, bräuchte es Recherche - also ein klassische Themenvorschlag. Aber ich kann auch sehr gut verstehen, wenn das Lage-Team der Ansicht ist, dass es derzeit wichtigere Themen gibt.

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Beides steht sich doch absolut nicht entgegen.

Ohne staatliche Eingriffe ist gentrifizierung ein normaler Effekt, der durch übliche soziale und wirtschaftliche Mechanismen entsteht. Üblicherweise tatsächlich, wie im Falle des olympischen Dorfes, durch eine hohe Studentendichte. Ein Gebiet startet als Studentenviertel mit günstigen Wohnungen, die Studenten bleiben dort nach dem Studium, werden Ärzte, Künstler, Rechtsanwälte, die Kultur erblüht. Andere Menschen wollen plötzlich auch dort leben und ziehen zu. Die Mieten steigen, bisherige Bestandsmieter, die ursprünglich wegen der geringen Mieten zugezogen sind, bekommen Probleme. Das klingt doch erstmal alles nach einem ganz „normalen“ Effekt. Nur weil Großveranstaltungen so einen Effekt anstoßen können, z.B. weil man ein olympisches Dorf baut und daraus Studentenwohnungen macht, ist das m.E. kein gutes Argument gegen Großveranstaltungen.

Dass man diesen Effekt nun durch staatliche Maßnahmen lenken kann ist denke ich auch unumstritten. Zum Beispiel hätte man im Falle des olympischen Dorfes einfach die Sozialbindung beibehalten können und die Wohnungen nicht nach und nach verkaufen können, dann wäre die Situation heute eine ganz andere. Dass man „ganz normale Prozesse“ wie die Gentrifizierung durch staatliches Handeln stoppen kann ist doch kein Widerspruch. Es ist auch ein ganz normaler Prozess, dass ein einmal angezündetes Haus bis zur Grundmauer niederbrennt, das heißt aber nicht, dass man es nicht löschen könne oder sollte…

Egal, wie man es dreht und wendet, Gentrifizierung als Gegenargument zu Olympia halte ich für ein ausgesprochen schwaches Gegenargument.

Nein, diese Frage bleibt gerade nicht, weil der Bau von Sozialwohnungen nur als ein möglicher, positiver Aspekt der Ausrichtung von Olympia genannt wurde. Es geht im Kern um die Frage, ob Olympia in Deutschland ausgerichtet werden sollte - und die Tatsache, dass man damit ein Argument für massive Investitionen in den sozialen Wohnungsbau hätte, ist ein Grund, der dafür spricht. Dass wir auch ohne Olympia definitiv mehr sozialen Wohnungsbau betreiben sollten ist unbestritten, ändert aber rein gar nichts an der Frage, ob wir Olympia ausrichten sollten.

Wie gesagt, das hätte sich verhindern lassen, wenn man es wirklich gewollt hätte. Aber da hat die Politik vermutlich wieder die Dollar-Zeichen in den Augen bekommen und die Chance genutzt, durch Privatisierung die klammen kommunalen Kassen zu füllen. Jetzt kann man natürlich sagen: „Siehste, hat nicht funktioniert, machen wir nicht wieder!“ oder man kann sagen: „Okay, wir haben das Problem erkannt, nächstes Mal machen wir es besser!“. Meine Position dazu ist glaube ich hinreichend bekannt - wenn wir alles nur ein Mal versucht hätten, würden wir heute noch in Höhlen leben…

Und ich finde es nach wie vor sinnvoller, über solche Fragen auf der Grundlage empirischer Daten und fachkundiger Einschätzungen zu diskutieren und nicht bloß unterschiedliche Meinungen auszutauschen und diese je nach Gutdünken als mehr oder weniger starke Argumente zu bezeichnen :wink:

Und genau deshalb lohnt es sich zu schauen, was für politische, gesellschaftliche und ökonomische Bedingungen es braucht, damit sozialer Wohnungsbau - ob mit oder ohne Olympiade - funktioniert. Und da das eine einigermaßen komplexe Frage ist, gibt es nicht umsonst entsprechende Forschungszweige. „Kann man ja mal probieren“ oder „Muss man halt richtig machen“ ist vom Niveau her keinen Deut anders als „Hat halt nicht geklappt“.

Gentrifizierung ist aber doch durch jegliche positive Entwicklung eine Folge. Wenn sich im günstigen Viertel durch günstige Mieten vielfältige Kunst und Kultur ansiedelt, dann ist das auch der erste Schritt zur Gentrifizierung.

Gleiches gilt für bessere Anbindung an den ÖPNV, Bau von Kultur- und Freizeitzentren, Schulen, etc.

Das einzige Mittel Gentrifizierung zu verhindern wäre in meinen Augen dafür zu sorgen, dass ein Viertel möglichst schlechte Lebensqualität behält.

Eine Möglichkeit für ein olympisches Dorf wäre z.B. das von Anfang an für einen bestimmten vorher angedachten Zweck der Nachnutzung zu konzipieren und langfristige Pläne aufzustellen. Natürlich könnte man eine solche Anlage auch ohne Olympische Spiele bauen, aber dann hätte es je nach Ausgestaltung ja rein städtebaulich dennoch die gleichen Folgen ob mir oder ohne Olympia, entscheidend ist das Konzept der mittelfristigen Nutzung.

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Das andere Mittel wäre, dass die Kommune/Land/Staat die Gebäude behält. Gentrifizierung geht oft ein Ende von Sozialbindung voraus.

Das ist ja wieder dieselbe quasi-naturgesetzliche Argumentation wie oben. Ich würde halt bestreiten, dass ein attraktiveres Wohnummfeld zwangsläufig zur Verdrängung ärmerer Bewohner führen muss. Aber wie sich das im real existierenden Kapitalismus gut verhindern lässt ist wie gesagt keine banale Frage.

Z. B. in Paris gab es ja entsprechende Pläne, daher wäre das ein guter Startpunkt, sich mal anzuschauen, was in der Realität draus geworden ist und wie die Gesamtbilanz für unterschiedliche Teile der Bevölkerung tatsächlich aussieht.

Ich dachte es geht auch um das Umfeld.

Sorry, aber ich empfinde dieses Gentrifizierungs-Argument als reine Ablenkung vom eigentlichen Thema.

Again: Gentrifizierung ist immer etwas, das man bei Großprojekten im Hinterkopf behalten muss, egal ob beim Bau eines olympischen Dorfes, einer neuen Großfabrik, eines Studentenviertels oder selbst eines neuen Bahnhofes und generell der Innenstadt. Das kann einfach kein Argument gegen eine Olympia-Bewerbung sein.

Wir können gerne in aller Tiefe Forschung zum Thema Gentrifizierung ankurbeln oder uns hier im Forum - an anderer Stelle - darüber austauschen, wie man Gentrifizierung möglicherweise verhindern kann. In diesen Thread hier gehört das aber eben nicht, zumindest nicht in der Tiefe, die du hier gerne dieses Thema diskutieren würdest.

Ich habe schon mehrmals gesagt, dass es darum geht, differenziert und kenntnisreich zu analysieren, welche realen positiven und negativen Auswirkungen eine Ausrichtung olympischer Spiele für Angehörige unterschiedlicher sozialer Schichten hat. Umfassender geht es eigentlich nicht. Nur bist du darauf - im Unterschied zum deinen mehrachen Antworten zu Gentrifizierung - mit keinem Wort eingegangen :wink:

Weil das ein absoluter No-Brainer ist, über den es doch wirklich keinen Diskussionsbedarf gibt.
Soll ich ernsthaft jeden Satz, den du sagst, den ich nicht bestreite, ausdrücklich zustimmen?!?

Der Beitrag, auf den ich ursprünglich geantwortet habe, hatte außer dem ersten Einleitungssatz nur Gentrifizierung zum Inhalt. Und ja, dieses Argument halte ich für schlecht, und wenn ich ein Argument für schlecht halte, nehme ich das auseinander. Wenn das dann zu ewigen Diskussionen führt merke ich dann auch durchaus an, dass das Argument von Anfang an nicht nur schwach war, sondern der argumentierte Aspekt auch vergleichsweise unbedeutend, sodass es vom eigentlichen Thema abgelenkt hat.

Der Teil, auf den ich nicht eingegangen bin, ist wie gesagt ein No-Brainer, dem ausnahmslos jeder von ganz links bis ganz konservativ zustimmen würde: Dass natürlich die sozialen Folgen von Großevents im Blick behalten und gegebenenfalls untersucht werden müssen. Da gibt es aus meiner Sicht keinerlei diskussionsbedarf, also wundert es mich, dass es dich wundert, dass ich das Thema nicht weiter thematisiert habe.

Diese ganze Diskussion ist völlig unsinnig und hat das eigentliche Thema: „Sollte Deutschland sich um Olympia 2036 bewerben“ völlig auf einen Nebenaspekt derailed.

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