Ofen in Guatemala statt neue Dämmung - Klimaschutz international gesehen

Was haltet ihr von folgendem Argument:
Als fiktives Beispiel will man sein Haus besser dämmen, weil man seinen persönlichen CO2-Ausstoß reduzieren will (Es könnte auch der Ökostromtarif sein, also Mehrausgaben für weniger CO2). Klimaschutz ist aber ein internationales Problem, d.h. der globale CO2-Ausstoß muss so schnell wie möglich reduziert werden und es ist völlig egal, wo und von wem das CO2 emittiert wird. In anderen Ländern könnte man teilweise mit dem gleichen Geld einen größeren Effekt erzielen - also lieber in Guatemala offene Feuer durch modernere Ofentechnik ersetzen anstatt für das gleiche Geld das Haus zu renovieren (folgende Quelle nur als exemplarisches Beispiel Sparsame Kochöfen statt offenes Feuer). Das ist ja letztlich das, was man macht, wenn man seine Flüge „kompensiert“. Das gleiche könnte man sich ja auch auf Staatenebene denken als eine Art Klimaschutzentwicklungshilfe. Solarenergie ist eben zum Beispiel viel effizienter in Äquatornähe als bei uns. Wenn wir hier noch etwas länger weiter Gas und Kohle verbrennen und stattdessen ein anderes Land deutlich schneller mit erneuerbaren Energie versorgen, wäre das ja aus Klimaperspektive vielleicht sogar besser - am besten und auch notwendig wäre natürlich erneuerbare Energien in beiden Fällen.

Ich bin hier selbst noch sehr unsicher, wo ich stehe. Entwicklungshilfe von außen hat ja insgesamt häufig sehr schlecht funktioniert und unser Lebensstil mit viel höherem Energieverbrauch und somit auch pro-Kopf-Ausstoß muss ja auch irgendwie klimaneutral werden. Daher soll das kein Argument gegen Maßnahmen bei uns sein. Aber ich stelle mir ganz grob so etwas wie Klimapartnerschaften zwischen Ländern vor - Deutschland hat hier als hochentwickeltes Land nicht nur eine Verantwortung für sich. Nach kurzer Recherche gibt es diese Idee auch schon Kommunale Klimapartnerschaften - SKEW, aber bisher habe ich davon wenig gehört.
Was haltet ihr davon?

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Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: beides. Denn beides muss möglichst bis Tag X (1,5 Grad) umgesetzt werden. Womit du anfängst, ist egal, aber beides muss passieren.

Zum Thema Flüge: Man kann sie nicht kompensieren, im Sinne von ungeschehen machen, weil man das Öl für immer aus der Erde geholt und damit in den Kreislauf eingebracht hat (es sei denn, man schafft es, das CO2 dann ohne Energieaufwand irgendwo einzubuddeln ;)). Im Übrigen produzieren wir bekanntlich schon ohne Flüge viel zu viel CO2, eigentlich müssten wir also endlich auf den Luxus Flüge (oder Auto in der Stadt oder große Wohnfläche oder tierische Lebensmittel oder …) verzichten und stattdessen anfangen, unseren alltäglichen Lebensstil zu „kompensieren“, damit auch Menschen, die nicht im globalen Norden wohnen, mal in den Genuss einer sicheren Lebensmittelversorgung oder eines stabilen Gesundheitssystems kommen können. Na ja, träumen darf man ja.

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Ich denke, das ist fast Jacke wie Hose, zumindest auf das Beispiel bezogen. Ich bin mir nämlich nicht sicher, dass durch den reduzierten Energieverbrauch beim Haus nicht mehr eingespart wird als durch die Umstellung auf eine andere „Heizart“. Ich habe davon auch schon mal gehört, aber in einem anderen Kontext:

Ich habe mit der Argumentation immer leicht das Gefühl des Green-Washings: andere können viel mehr tun, unser Beitrag ist gering. Ich denke, wir müssen sehr schnell von dieser Relativierungsdenkweise weg. Jeder Beitrag zählt. Wenn wir die Wahl haben, sollten wir beides machen. Es geht ja auch darum, erst mal das Verständnis für das Problem zu schaffen, und da müssen wir sehr viel breiter Auftreten als jetzt. Keine halben Sachen, wenn es um den Planeten geht; bei der Ausbeutung haben wir das ja auch so gemacht.

Und ich finde, dieser affektive Ansatz ist sehr wichtig, da es häufig um Bequemlichkeit und Gewohnheit geht. Beispiel aus diesem Forum: das Tempolimit 130 auf den Autobahnen ist das gerade meist kommentierte Topic (ja, ich konnte mich auch nicht zurückhalten :slight_smile: ). Aber es geht kaum um die reelle Einsparung, sondern um Freiheit, Standort, Gewohnheit, „Ich möchte gerne“, „geht eh nicht wegen Baustellen“ und so fort, aber nicht um den Punkt, dass wir das einfach machen müssen. Wenn es um die persönliche Befindlichkeit geht, hört für viele der Spaß auf. Dabei sind die rationalen Gründe ganz klar vorhanden.

Ich bin aber tatsächlich FÜR den internationalen Ansatz, wobei ich eher „sowohl als auch“ bevorzuge. Ich vermute nämlich, dass wir hier Geld sehr effizient einsetzen können. Aber wir werden überall ran müssen (auch das Haus muss irgendwann gedämmt werden in dem Beispiel). Weil es irgendwann einfach wehtun wird.

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Pro Kopf werden in Deutschland 8,84 und in Guatemala 1,06 Tonnen CO2 pro Jahr ausgestoßen. Hier fallend, dort steigend. „Beides“ ist wohl die korrekte Antwort.

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Die Menschen in richtig armen Regionen, die sich selbst keine Maßnahmen für Klimaschutz bzw. effizientiere Energienutzung leisten können, verbrauchen verglichen zu Deutschland schlicht zuwenig Energie, als dass wir unsere Reduktionsziele dorthin auslagern könnten.

Der Primärenergieverbrauch von ganz Afrika ist gerade dreimal soch hoch wie der von Deutschland.

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Flüge „kompensieren“ ist eine Augenauswischerei, der leider zu viele an sich informierte Leute aufsitzen. Wie du sagst, alle Schadstoffe sind freigesetzt. Das Einfangen von CO2 kommt mir aber als weitere Selbstlüge vor: grosstechnisch noch nicht ausgereift, geologische Risiken, aufwändige Technik, die ihrerseits wieder viel Energie braucht usw. .

Was die Fliegerei in den heutigen Dimensionen unverantwortlich macht, sind Wasserdampf und Verbrennungsrückstände in den oberen Luftschichten, die die 4-fache Klimawirkung des CO2 zusätzlich entfalten. Das lässt atmosfair z.B. unter den Tisch fallen und rechnet auch nur mit dem derzeit viel zu geringen CO2-Preis, also mE eine Mogelpackung, unterstützt und geglaubt von vielen sicher wohlmeinenden prominenten Fürsprechern, die halt doch nicht auf ihre liebegwonnenen Luxus-Gewohnheiten zum Spottpreis verzichten wollen.

Diese verniedlichenden Aktionen müssen jetzt wirklich hochgenommen werden u.a… Träume also nicht. Es muss kommen!

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Der internationale Ansatz müsste darin bestehen, die extrem unfairen, geradezu kolonialen Handelsverträge durch partnerschaftliche Verträge zu ersetzen.

Ich bekomme immer leichtes Bauchweh, wenn Europäer oder Amerikaner irgendwo wie Missionare auftauchen und belehren. Die Leute vor Ort sind zuerst sicher froh, zumal wenn sie materiell etwas bekommen. Wenn ich versuche, mich in eine ortsansässige Person zu versetzen, würde ein Teil meiner Gefühle Abneigung gegen diesen Besserwisser sein, der das Denken meiner Leute nicht kapiert und einfach sein Ding durchzieht, um sich als guten Menschen zu beweisen und bewundert zu werden. Sehr schwierig. Ich meine nicht, dass so etwas gar nicht gutgehen kann, aber meinstens wird langfristig daraus eine Pleite. Ohne Augenhöhe kommen Menschen nicht wirklich miteinander aus.

Eine kostenlose universitäre oder handwerkliche Ausbildung wo auch immer wäre mE das Geringste an Kompensation für die koloniale Ausbeutung, die ja zum grossen Teil erst dieses krasse Wohlstandsgefälle zwischen den armen und reichen Weltgegenden erzeugt haben.

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