Darin liegt eigentlich schon die Antwort:. Zwar könnte Russland über den verbleibenden Nordstream 2-Strang nur etwa die Hälfte dessen liefern, was über Nordstream 1 in der Vergangenheit möglich war, aber auch diese Menge würde, zusammen mit den anderen Maßnahmen, die bereits getroffen wurden, um den Gasverbrauch zu reduzieren, die gesamte Schärfe aus der Gaskrise nehmen.
Die Theorie, dass ein Strang von Nordstream 2 nur wegen einer Fehlzündung nicht gesprengt wurde, ist eher unwahrscheinlich. Denn:
Bedeutet, die Sprengung der einzelnen Stränge wurde an zwei Stellen durchgeführt. Würde ein Zünder hier versagen, wäre die Pipeline dennoch an einer zweiten Stelle zerstört worden. Dazu kommt, dass in Anbetracht der Professionalität, mit der diese Aktion durchgeführt wurde, vermutlich nicht an einem redundanten Ersatzzünder gespart wurde… wir reden hier schließlich von einem staatlichen Akteur und nicht von irgendwelchen Amateur-Terroristen, die in „Gottvertrauen“ an den 5 Euro für einen zweiten Zünder sparen… dazu kommt, dass man die Sprengladung nach der missglückten Zündung in jedem Fall bergen müsste (sonst wäre sie wohl gefunden worden und könnte Spuren beinhalten…) - und wenn man so weit geht, die Sprengladung zu bergen, wäre es einfacher, den Zünder schlicht zu reparieren und dann doch zu sprengen. Also das Szenario: „Zünder hat versagt, man hat den Sprengsatz geborgen und ist abgedampft“ ist nahezu undenkbar.
Das Problem mit dieser Logik ist:
Wie würden die betreffenden Staaten reagieren, wenn das rauskommen würde? Die Unterstützung für den ukrainischen Abwehrkrieg gegen Russland würde schlagartig massiv abnehmen, was weit größere Gefahren birgt, als das Einknicken einzelner Staaten im Rahmen der Energiekrise. Gerade die pro-russische Opposition in den von dir genannten Ländern würde massiven, massiven Zulauf nach so einer Aktion bekommen. Das gesamte westliche Bündnis könnte daran zerbrechen.
Es wäre wirklich das Äquivalent dazu, eine Rattenplage zu bekämpfen, indem man tausende schwarze Mambas in den Innenstädten aussetzt, daher: Es wird eine geringe Gefahr mit einem Mittel bekämpft, welches eine weit größere Gefahr erzeugt (sowohl die Eintrittswahrscheinlichkeit als auch den potentiellen Schadensumfang betreffend). Ich sage ganz offen: Ich halte nicht viel von der oft imperialistischen Außenpolitik der USA, aber ich halte sie einfach nicht für so inkompetent…
Wie gesagt, es läuft alles darauf hinaus, dass Nutzen und Risiko in keinem sinnvollen Verhältnis zueinander stehen. Für Russland hingegen gibt es bei der Aktion kaum ein Risiko - selbst wenn der Nutzen nur wäre, dass es im Westen genau zu diesen Diskussionen kommt, die wir hier gerade führen: Denn diese Diskussionen bedeuten, dass man erfolgreich Zweifel an der Integrität der eigenen Seite gesät hat.