Ich könnte da jetzt drauf antworten, und es würde sicher eine interessante und kontroverse Diskussion, aber sie würde in die völlig falsche Richtung führen, daher verkneife ich mir das.
Das kann aber nur sichergestellt werden, so lange die Institutionen, die sowohl die Wahl als auch die Machtübergabe danach durchführen, intakt sind. Ein „sicheres“ Wahlsystem alleine hilft überhaupt nicht, wenn der Machthaber später notfalls einfach entscheiden kann, das Ergebnis zu ignorieren, und die Institutionen des Landes nicht die nötige Macht haben, ihn zur Anerkennung des Ergebnisses und Abgabe der Macht zu zwingen.
Das ist alles überhaupt kein technisches Problem, sondern ein organisatorisches. Das Wahlsystem ist dabei gar nicht sonderlich relevant. Es ist maximal eine Möglichkeit (für den Machthaber), um Verwirrung zu stiften, und das funktioniert umso besser, je komplizierter und intransparenter das System ist. Deswegen ist Transparenz das absolut wichtigste Kriterium, wenn es um die Bewertung eines demokratischen Wahlsystems geht! Jegliche Kompromisse in Bezug auf die Transparenz müssen extrem gut begründet sein und müssen unbedingt signifikanten Nutzen im Sinne des Primärzieles eines demokratischen Wahlsystems haben. Dieses Ziel ist, eine nachvollziehbare, zuverlässige, faire, gleiche und geheime Wahl zu veranstalten. Dieses Ziel ist NICHT…
- möglichst billig zu sein
- möglichst schnell zu sein
- möglichst „hip“ zu sein
Das sind maximal Sekundärziele, wenn überhaupt. Sekundärziele dürfen nicht zu Kompromissen beim Erreichen der Primärziele führen.
Die Briefwahl ist ein gutes Beispiel dafür: die ist eindeutig ein Kompromiss, bei dem man die Geheimhaltung der Stimmabgabe nicht mehr im selben Maße gewährleisten kann wie bei der Stimmabgabe im Wahllokal. Sie wird trotzdem angeboten, und zwar, weil sie eindeutig dazu beiträgt, die Ziele „fair“ und „gleich“ zu erreichen: per Briefwahl können wahlberechtigte Personen an der Wahl teilnehmen, die aufgrund Abwesenheit nicht an der Präsenzwahl teilnehmen können. Das macht sie zu einem wertvollen Kompromiss.
Der Aspekt, dass ein Akteur nicht die Kontrolle über die gesamte Infrastruktur hat, ist auch ein wesentlicher Sicherheitsfaktor einer Papierwahl. Und zwar ein wesentlicher Sicherheitsfaktor, der gern von Leuten, die sich elektronische Wahlsysteme zusammenspinnen, auf dem Altar der Technisierung geopfert wird.
Immerhin muss ich dir zumindest den Punkt lassen, dass du das nicht zwangsläufig tust. Deine Idee einer internationalen gegenseitigen Kontrolle ist an und für sich auch nicht falsch - und übrigens etwas, was auch jetzt schon versucht wird, siehe OECD-Wahlbeobachter. Das Problem daran ist aber auch (also neben dem bereits erwähnten praktischen Problem, dass Wahlen nach sehr unterschiedlichen Regeln verlaufen und es schwer sein dürfte, ein einzelnes System zu finden, das alle diese Varianten erlaubt), dass man auch in diesem Fall anzweifeln kann, dass es hier um ein technisches Problem geht, das mit technischen Mitteln (wie einem elektronischen Wahlsystem) zu lösen ist. Immerhin weiß man auch jetzt von diversen Staaten, dass deren Wahlen eine Farce sind - Belarus ist genau ein solches Beispiel. Aber was macht man jetzt mit der Erkenntnis? Reitet man jetzt mit Militär ins Land ein und zwingt den Belarussen „saubere Demokratie“ auf? Wir haben nun mal keine Weltpolizei, bei der man den offensichtlichen Wahlbetrug zur Anzeige bringen könnte. Wieso sollte man also in der Lage sein, selbst wenn es ein hypothetisches supersicheres „internationales Wahlsystem“ gäbe, den Staaten, die von autokratischen Herrschern geführt werden dieses aufzuzwingen? Und wenn man - wieder hypothetisch gesprochen - in der Lage wäre, das zu tun, warum sollte man dann nicht auch in der Lage sein, denselben Staaten bei Durchführung einer „klassischen“ Farce-Wahl gemäß eines vom Land selbst bestimmten Verfahrens auf die Finger zu hauen und sie dazu zu zwingen, ein besser taugliches Verfahren zu wählen und Betrug effektiv zu unterbinden?