Bei den Pflegekräften liegt das paradoxerweise u.a. daran, dass von ihrer Arbeit eben direkt Menschenleben abhängen. Wenn die Lokführer streiken, merken das Millionen Leute sofort. Wenn die Müllabfuhr streikt, fängt es nach einer Woche an erbärmlich zu stinken. Wenn die Pflegekräfte streiken, wird aber ein Notdienst aufrecht erhalten, damit eben kein Patient ernsthaft zu Schaden kommt, also gibt es praktisch kaum Auswirkungen. Im Gegenteil könnte man sogar auf die Idee kommen, dass es ja gar nicht zu wenig Pflegekräfte gibt, wenn die Hälfte von denen streiken kann, und die andere Hälfte immer noch „die Arbeit erledigt“. Das ist halt ein Dilemma. Vom Standpunkt des Arbeitskampfes müssten die Pfleger im Streik eigentlich alle das Krankenhaus, Pflegeheim o.ä. ähnliches verlassen, und erst zurückkehren wenn eine Einigung erzielt wurde, aber aus ethischen Gründen geht das nicht, und das nützt massiv den „Arbeitgebern“.
Bei den Paketboten liegt es dagegen eher daran, dass die meistens so prekär beschäftigt sind, dass sie gar nicht in der Lage sind sich gewerkschaftlich zu organisieren. Fünf Paketboten hätten erstmal logischerweise überhaupt keine Macht, irgendetwas durchzusetzen, insbesondere wenn sie bspw. (schein)selbstständig beschäftigt sind, und von einem Tag auf den anderen gefeuert werden können. Die könnten natürlich bei ver.di o.ä. eintreten, aber dann müssten sie erstmal 2% ihres sowieso geringen Einkommens an ver.di bezahlen, und solange das nicht sehr viele Paketboten auf einmal machen, kann ver.di dann auch nichts machen, und das Geld ist erstmal weg. Also spart man sich lieber das Geld. Henne-Ei-Problem.
Derzeit gehen ja auch jede Menge. Aber ein großer Teil liebt eben doch seinen Job und hat kein Bock auf was anderes. Und der Rest wird dann eben durch günstiges Personal aus Osteuropa ersetzt o.ä. Die romantische Vorstellung, dass Löhne dem Gesetz von Angebot und Nachfrage folgen würden, und essenzielle Berufe dadurch extrem lukrativ sein könnten, wenn das Personal knapp wird, kann man wohl getrost ad acta legen. Vielmehr scheint es in unserer Gesellschaft – von einigen Ausnahmen wie Ärzten abgesehen – durchgängig so zu sein, dass Tätigkeiten umso mieser bezahlt werden, je nützlicher sie für die Gesellschaft sind.
Bei der Pflege ist das recht einfach zu begründen. Diejenigen, die gepflegt werden müssen, sind meist nicht in der Lage überhaupt irgendwas zu bezahlen, sondern das muss der Rest der Gesellschaft übernehmen. Und der hat halt keine Lust, immer mehr Geld für diese Leute auszugeben. Im Zweifelsfall werden eben die Standards gesenkt.
Tja, da müsste man eigentlich ganz klar sagen, der Markt regelt. Wenn ein Unternehmen nicht in der Lage ist, seine Angestellten anständig zu bezahlen, dann hat es nach der Marktwirtschaftslehre doch seine Existenzberechtigung verwirkt und sollte durch ein anderes ersetzt werden, dass besser geführt wird, oder? 