Nein, keineswegs ist das zwingend: Gerade die sehr aktuellen und gewichtigen Themen um Klima- und Umweltschutz sind meines Erachtens naturgemäß sehr konservative Themen - nämlich die Erhaltung unserer Lebensgrundlage. Allerdings wurden gerade diese Themen in der Vergangenheit sehr von Progressiven besetzt, die sich natürlich zur Validierung ihrer Position einer wissenschaftlichen Grundlage bedient haben. Konservative, die die letzten 40 Jahre damit verbracht haben, in den Neoliberalismus zu schlittern, müssen jetzt entweder der „linken“ Seite Recht geben, oder zwangsläufig die Wissenschaft nicht so beinernst nehmen.
Hierzulande betrifft das vor allem das Klima, in den USA beispielsweise haben die Republikaner sogar fast alle „rationalen“ Positionen an die Demokraten verloren und können wegen der extremen Spaltung keinen Millimeter Raum geben. Wenn die nicht so einen Bullshit verbreiten würden, wären die Nullkommanix ihre Wähler los. Kurz: Viele Themen sind traditionell Konservativen auch einfach mehr oder weniger abhanden gekommen, obwohl es eigentlich ihre sind. Das trägt natürlich zur tendentiellen Wirkung „progressiv = rational“ bei, liegt aber nicht an einer Überlegenheit linker Ideen, sondern schlicht an der historischen Themenfindung. Dass diese Themen nun zufällig auch noch die Zentralen unserer Zeit sind, verstärkt das eben nur noch.
Das Thema Gendern fällt zwar von der Diskussionsführung unter obiges Muster, ist aber inhaltlich nicht ganz so klar. Beispielsweise kenne ich keine eindeutig (! - Korrelation gibts, ja) wissenschaftlichen Belege, dass es eine Wirkung hat. Damit sind beide Seiten irgendwie Team „Irratio“, weil jeder halt ohne einen explizit rationalen Grund redet, wie sie oder er möchte.
Dass rationale Themen nicht zwingend progressiv sein müssen, zeigt auch das bekannte Zitat aus Jurassic Park: „Your scientists [machen wir politicians draus] were so preoccupied with whether they could, they didn’t stop to think if they should.“ Was ich damit sagen will, ist, dass viele Dinge, die wir heute für eine sehr schlechte Idee halten, einmal progressiv und neu waren. Im Nachhinein stellten diese Dinge sich im Global Picture aber als ziemlich irrational und schädlich heraus, wenn das nicht sowieso schon klar war oder von Warnungen der Wissenschaft begleitet war - Beispiel autozentrische und allgemein flächenfressende Stadtplanung. Hier hätte eine etwas konservativere Herangehensweise aus heutiger Planungssicht Wunder gewirkt. Heute ist das Thema „nicht autofrei“ freilich wieder progressiv besetzt mit entsprechendem wissenschaftlichen Backing aber wie gesagt - das war auch mal anders.
Das von mir angesprochene Thema Gaming ist von Progressiven als sehr positiv besetzt, hat aber auch eine ganze Menge negativer Aspekte, die man gerne unter den Tisch kehrt.
Nicht nur das, viele definieren ihre politischen Positionen auch nach Parteizugehörigkeit. Weil meine Partei X blöd findet, finde ich auch X blöd. Das habe ich hautnah erlebt, als ich hier im Forum versucht habe, eine Aktienrente und ETFs zu verteidigen
Da sind viele ohne näheres Wissen über das Thema trotzdem voreingenommen, weil das eben irgendwie nicht zur „Linie“ passt. Gleiches fällt mir übrigens oft auch hinsichtlich (progressiver!) Kritik an Fallpauschalen in Krankenhäusern auf - ein Thema, über das ich damals meine Studienarbeit geschrieben habe. Dabei habe ich selbst erstmal gelernt, dass man manche Dinge ohne Wissen sehr vorverurteilen kann, dann aber nach viel Recherche seine Meinung zähneknirschend ändern muss.
Abgesehen von der Cannabis-Legalisierung gebe ich dir hier absolut Recht. Einerseits ist das tatsächlich ein Problem, da Kapital von den zentralen Themen gestohlen wird, andererseits werden diese Debatten meistens als Stellvertreter für die echten Probleme dahinter geführt, bspw. Gendern als (mMn!) Strohmann für das große Problem des Sexismus, Winnetou für Rassismus. Vielleicht sollte man hier immer bewusst auf das Relevante verweisen.
Und wieder andererseits fällt mir gerade bei diesen „Nebenthemen“ oft auf, dass die sehr gerne von einem ganz bestimmten Boulevardblatt hochgejazzt werden. Das habe ich ja auch im Ausgangspost beschrieben: Genderdiskussionen werden fast nie von Befürwortern gestartet, meistens beginnt es mit einem Meme Anti-Gendern.
Ich hoffe, das macht es ein bisschen klarer 