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Während ich die Thematisierung von Long Covid und postviralem (!) ME/CFS in der Lage ausdrücklich begrüße, muss ich leider auch etwas Kritik üben und für den langen Text entschuldige ich mich schon jetzt, aber mir liegt das Thema einfach zu sehr am Herzen. Die Recherche von Charlotte fand ich gut. Einige Einwürfe von Philip und/oder Ulf hingegen waren stellenweise wirklich schmerzhaft. Vor allem aber hätte das Thema deutlich mehr Tiefe verdient bzw einen Hinweis darauf, denn es ist geprägt von strukturellen Problemen und Benachteiligungen, insbesondere für Frauen.
Pandemie und Prävention
Ihr schreibt und sprecht davon, dass die Pandemie vorbei sei. Das habt ihr schon mehrfach getan, und das finde ich jedes Mal eine sehr heikle Aussage, auch wenn ich mich an den Begrifflichkeiten ungern aufhängen möchte. Aber die WHO hat nie das Ende der Pandemie erklärt, sondern lediglich den globalen Gesundheitsnotstand beendet und Fakt ist: Covid ist geblieben. Und wenn Covid bleibt, hätte es gesellschaftliche Anpassungen im Bereich der öffentlichen Gesundheit geben müssen. Dass Coronaviren schwerwiegende Langzeitfolgen verursachen können, war schon seit SARS-CoV-1 bekannt.
Viele der Menschen, die heute an Long Covid oder postviralem ME/CFS erkrankt sind, haben sich erst nach 2022 infiziert, also nachdem die Schutzmaßnahmen peu a peu aufgehoben wurden und vielerorts, auch bei euch, vom „Ende der Pandemie“ die Rede war. Tatsächlich hat sich vor allem eines verändert: Der Staat hat sich immer weiter aus dem öffentlichen Gesundheitsschutz zurückgezogen und die Verantwortung zunehmend individualisiert.
Eigenverantwortung mag bei vielen Dingen ja funktionieren. Bei luftübertragenen Infektionskrankheiten stößt sie jedoch schnell an Grenzen, insbesondere dann, wenn Menschen Orte wie Schulen, Arbeitsplätze, Arztpraxen oder andere Innenräume, in denen der Infektionsdruck am höchsten ist, zwangsläufig nutzen MÜSSEN.
Was Mückennetze in tropischen Regionen sind, hätten hier technische Schutzmaßnahmen sein können: Lüftungssysteme, HEPA-Filter und eine breite Aufklärung über luftübertragene Infektionskrankheiten. Andere Länder haben solche Maßnahmen in sensiblen Bereichen längst umgesetzt. Das hätte auch hier einen Unterschied machen können.
Impfungen
Ja, Impfungen schützen, wenn auch nicht 100 %. In der Lage wurde gesagt, man könne sich impfen lassen. Dabei wurde allerdings ausgeblendet, wie sehr die Zugänglichkeit von Impfungen inzwischen eingeschränkt wurde. Hinzu kommt, dass zahlreiche Kinder und Jugendliche trotz damals bestehender Impfempfehlungen noch nie geimpft wurden.
Kinder, Diagnostik und Statistiken
Dass Kinder seltener von Long Covid betroffen seien, halte ich keineswegs für gesichert. In den USA scheint Long Covid Asthma inzwischen als häufigste chronische Erkrankung bei Kindern abgelöst zu haben: https://jamanetwork.com/journals/jamapediatrics/fullarticle/2834486
Grundsätzlich sollte man bei allen Statistiken bedenken: Sie erfassen nur diagnostizierte Fälle, wenn überhaupt. Die Unterdiagnostik bei Long Covid und ME/CFS ist enorm. Schon seit Jahren wird von einer erheblichen Dunkelziffer ausgegangen. Für ME/CFS werden teilweise deutlich über eine Million Betroffene allein in Deutschland vermutet.
Diesen kritischen Blick sollte man auch auf die stark gestiegenen Zahlen psychischer Diagnosen richten, nicht nur wegen der Psychologisierung. Viele Long-Covid-Ambulanzen sind organisatorisch psychiatrischen Klinikbereichen zugeordnet. Dort müssen F-Diagnosen vergeben werden, wenn Patientinnen und Patienten behandelt werden. Das beeinflusst zwangsläufig auch die statistische Erfassung.
Darüber hinaus wird ME/CFS in Deutschland bis heute nicht systematisch erfasst. Die häufig genannte Zahl von 650.000 Betroffenen ist letztlich eine Schätzung.
Neurologische Folgen
Dass Covid neurotrop ist, ist schon länger bekannt. Auch wenn weiterhin diskutiert wird, in welchem Ausmaß neurologische Folgen durch Neuroinvasion, Neuroinflammation oder andere Mechanismen entstehen, finde ich unpassend zu sagen, es gäbe keine Belege für Auswirkungen von Covid auf das Gehirn.
ME/CFS ist nicht nur postviral
ME/CFS wird nicht ausschließlich durch Viren oder Bakterien ausgelöst. Auch Medikamente, Operationen, Unfälle und andere Ereignisse können Auslöser sein. Gerade für diese Betroffenengruppen ist die aktuelle Entwicklung schwierig, weil sich ein Großteil der Aufmerksamkeit und Forschung, so wertvoll sie ist, lediglich auf die postviralen Formen konzentriert.
Deshalb würde ich mir wünschen, künftig häufiger ausdrücklich von postviralem ME/CFS zu hören/lesen. So bleibt sichtbar, dass ME/CFS keine Covid-spezifische Erkrankung ist, sondern viele verschiedene Ursachen haben kann.
Off-Label-Use
Die aktuelle Off-Label-Liste in Deutschland ist aus Sicht vieler Betroffener schlicht ein Witz. Andere Länder, etwa Österreich, haben deutlich breitere Regelungen geschaffen.