Vielen Dank für die informative Folge. Als Psychotherapeut und Neuropsychologe möchte ich einen Aspekt ergänzen, der mir in der Diskussion gänzlich gefehlt hat. Übrigens überrascht mich das, da ihr bei den meisten Themen doch viel gründlicher recherchiert und verschiedene Blickwinkel in die Diskussion mit einbringt. Das habe ich bei diesem Thema leider vermisst.
Dass Long COVID lange Zeit vorschnell psychologisiert wurde, war und ist problematisch. Aus meiner Sicht sollte daraus aber nicht der Umkehrschluss gezogen werden, dass (neuro)psychologische Faktoren für den weiteren Krankheitsverlauf keine Rolle spielen.
In der Medizin (und bei psychischen Erkrankungen) unterscheiden wir häufig zwischen den Ursachen einer Erkrankung und den aufrechterhaltenden Faktoren. Diese Unterscheidung findet sich beispielsweise bei chronischen Schmerzen, nach Schädel-Hirn-Traumata oder anderen neurologischen Erkrankungen. Dass eine Erkrankung körperlich verursacht ist, bedeutet nicht, dass psychologische Prozesse für den weiteren Verlauf keine Rolle spielen.
Je länger Beschwerden bestehen, desto wichtiger können Faktoren wie Angst vor Symptomen, Vermeidungsverhalten, veränderte Aktivitätsmuster, Schlafstörungen, Krankheitsüberzeugungen, Aufmerksamkeitsfokussierung auf Beschwerden oder soziale Rückzugsprozesse werden. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass die Beschwerden „eingebildet“ sind oder die Erkrankung psychisch verursacht wäre. Es bedeutet lediglich, dass körperliche und psychologische Prozesse miteinander interagieren und sich gegenseitig beeinflussen und manchmal eben auch verstärken.
Deshalb hat es mich überrascht, dass psychotherapeutische und neuropsychologische Behandlungsansätze in der Folge kaum erwähnt wurden. Dabei gibt es gerade in diesen Bereichen Verfahren zur Verbesserung von Teilhabe, Funktionsniveau und Lebensqualität, beispielsweise durch Aktivitätsmanagement, Pacing, den Umgang mit Fatigue, die Behandlung von Angst und Vermeidung sowie die Unterstützung bei kognitiven Beschwerden.
Aus meiner Sicht sollte die Debatte deshalb nicht als Gegensatz zwischen „körperlich“ und „psychisch“ geführt werden. Die entscheidende Frage ist vielmehr, welche Faktoren den Verlauf beeinflussen und welche Behandlungen Betroffenen helfen können. Dazu gehören meines Erachtens sowohl medizinische als auch psychologische und neuropsychologische Ansätze.