Ich sehe das Problem mit der Altersverifikation ehrlich gesagt nicht so ganz. Warum drehen wir das Prinzip nicht einfach um?
Statt zunächst festzustellen, wer unter 18 ist, könnte man die jugendgeeignete und möglichst wenig suchtfördernde Version einer Plattform schlicht zum Standard für alle machen, vollkommen anonym und ohne irgendeine Alters- oder Identitätsprüfung.
Also beispielsweise: kein endloses Scrollen, keine gezielt auf maximale Verweildauer optimierten Empfehlungsalgorithmen, weniger oder keine Push-Benachrichtigungen, keine Dark Patterns und ähnliche Mechanismen, die gezielt zur möglichst intensiven Nutzung verleiten.
Wer diese Einschränkungen nicht möchte und unbedingt die „Erwachsenenversion“ mit allen suchtfördernden Mechanismen nutzen will, kann das gerne tun, muss dann aber nachweisen, dass er oder sie mindestens 18 Jahre alt ist. Und von mir aus darf diese Verifikation ruhig etwas lästig sein, beispielsweise per Personalausweis oder eID.
Ich glaube sogar, dass gerade diese Hürde ein Feature und kein Bug wäre: Wenn ich für Infinite Scroll und den maximal aggressiven Empfehlungsalgorithmus erst meinen Ausweis zücken muss, werden vermutlich erstaunlich viele Erwachsene feststellen, dass ihnen die Standardversion eigentlich vollkommen ausreicht.
Eigentlich wäre dieses Prinzip überhaupt nichts Neues, sondern in anderen Bereichen ziemlich genau der Standard.
In die normale Videothek kommt jeder rein. Nur wer in die Ü18-Abteilung möchte, muss seinen Ausweis vorzeigen. Bei Streamingdiensten kann ich die allgemein zugänglichen Inhalte ohne gesonderten Altersnachweis ansehen. Erst bei entsprechend beschränkten Inhalten greift die Altersverifikation. Im linearen Fernsehen werden jugendgefährdende Inhalte eben erst nach 22 oder 23 Uhr ausgestrahlt.
Ins Restaurant kommt jeder. Wenn hinten noch ein Table-Dance-Bereich nur für Erwachsene angeschlossen ist, muss ich doch nicht am Eingang des Restaurants von jedem Gast den Ausweis verlangen. Den muss derjenige zücken, der in den Ü18-Bereich möchte.
Warum sollte ausgerechnet bei Social Media die Logik plötzlich umgekehrt werden?
Einen Punkt aus eurer Argumentation würde ich deshalb ebenfalls umdrehen: Wenn man sagt, dass 18-Jährige die Plattform nutzen dürfen, bedeutet das natürlich zwangsläufig, dass alle, die behaupten über 18 zu sein, ihr Alter irgendwie nachweisen müssen. Das ist aber nur dann ein Problem, wenn die gesamte Plattform zur Ü18-Zone erklärt wird.
Bei meinem Vorschlag wäre das gerade nicht der Fall. Niemand müsste sein Alter nachweisen, um Instagram, TikTok oder eine andere Plattform grundsätzlich nutzen zu können. Jeder könnte die datensparsame und weniger manipulative Standardversion anonym verwenden. Nur wer ausdrücklich die Funktionen freischalten möchte, die wir wegen ihres Suchtpotenzials für Minderjährige als problematisch ansehen, müsste nachweisen: „Ich bin volljährig.“
Damit wäre meines Erachtens auch das von euch angesprochene Dissidenten-Problem erheblich entschärft. Ein Oppositioneller, Whistleblower oder sonstiger besonders schutzbedürftiger Nutzer müsste gerade keinen Ausweis bei Meta, TikTok oder X hinterlegen, um sich dort äußern, informieren und vernetzen zu können. Er könnte die normale Version weiterhin anonym nutzen.
Das erscheint mir auch konzeptionell sauberer: Nicht der Zugang zum Medium ist jugendgefährdend, sondern bestimmte Inhalte oder Mechanismen innerhalb dieses Mediums. Also sollte die Altersverifikation genau dort ansetzen.
Und vielleicht hätte das sogar einen positiven Nebeneffekt für Erwachsene: Wenn bestimmte Plattformmechanismen derart problematisch sind, dass wir Jugendliche gesetzlich davor schützen wollen, warum sollten wir eigentlich davon ausgehen, dass Erwachsene unbedingt damit zugeschüttet werden möchten?