LdN491 Altersverifikation einfach umdrehen: Die „gesunde“ Version für alle als Standard

Ich sehe das Problem mit der Altersverifikation ehrlich gesagt nicht so ganz. Warum drehen wir das Prinzip nicht einfach um?

Statt zunächst festzustellen, wer unter 18 ist, könnte man die jugendgeeignete und möglichst wenig suchtfördernde Version einer Plattform schlicht zum Standard für alle machen, vollkommen anonym und ohne irgendeine Alters- oder Identitätsprüfung.

Also beispielsweise: kein endloses Scrollen, keine gezielt auf maximale Verweildauer optimierten Empfehlungsalgorithmen, weniger oder keine Push-Benachrichtigungen, keine Dark Patterns und ähnliche Mechanismen, die gezielt zur möglichst intensiven Nutzung verleiten.

Wer diese Einschränkungen nicht möchte und unbedingt die „Erwachsenenversion“ mit allen suchtfördernden Mechanismen nutzen will, kann das gerne tun, muss dann aber nachweisen, dass er oder sie mindestens 18 Jahre alt ist. Und von mir aus darf diese Verifikation ruhig etwas lästig sein, beispielsweise per Personalausweis oder eID.

Ich glaube sogar, dass gerade diese Hürde ein Feature und kein Bug wäre: Wenn ich für Infinite Scroll und den maximal aggressiven Empfehlungsalgorithmus erst meinen Ausweis zücken muss, werden vermutlich erstaunlich viele Erwachsene feststellen, dass ihnen die Standardversion eigentlich vollkommen ausreicht.

Eigentlich wäre dieses Prinzip überhaupt nichts Neues, sondern in anderen Bereichen ziemlich genau der Standard.

In die normale Videothek kommt jeder rein. Nur wer in die Ü18-Abteilung möchte, muss seinen Ausweis vorzeigen. Bei Streamingdiensten kann ich die allgemein zugänglichen Inhalte ohne gesonderten Altersnachweis ansehen. Erst bei entsprechend beschränkten Inhalten greift die Altersverifikation. Im linearen Fernsehen werden jugendgefährdende Inhalte eben erst nach 22 oder 23 Uhr ausgestrahlt.

Ins Restaurant kommt jeder. Wenn hinten noch ein Table-Dance-Bereich nur für Erwachsene angeschlossen ist, muss ich doch nicht am Eingang des Restaurants von jedem Gast den Ausweis verlangen. Den muss derjenige zücken, der in den Ü18-Bereich möchte.

Warum sollte ausgerechnet bei Social Media die Logik plötzlich umgekehrt werden?

Einen Punkt aus eurer Argumentation würde ich deshalb ebenfalls umdrehen: Wenn man sagt, dass 18-Jährige die Plattform nutzen dürfen, bedeutet das natürlich zwangsläufig, dass alle, die behaupten über 18 zu sein, ihr Alter irgendwie nachweisen müssen. Das ist aber nur dann ein Problem, wenn die gesamte Plattform zur Ü18-Zone erklärt wird.

Bei meinem Vorschlag wäre das gerade nicht der Fall. Niemand müsste sein Alter nachweisen, um Instagram, TikTok oder eine andere Plattform grundsätzlich nutzen zu können. Jeder könnte die datensparsame und weniger manipulative Standardversion anonym verwenden. Nur wer ausdrücklich die Funktionen freischalten möchte, die wir wegen ihres Suchtpotenzials für Minderjährige als problematisch ansehen, müsste nachweisen: „Ich bin volljährig.“

Damit wäre meines Erachtens auch das von euch angesprochene Dissidenten-Problem erheblich entschärft. Ein Oppositioneller, Whistleblower oder sonstiger besonders schutzbedürftiger Nutzer müsste gerade keinen Ausweis bei Meta, TikTok oder X hinterlegen, um sich dort äußern, informieren und vernetzen zu können. Er könnte die normale Version weiterhin anonym nutzen.

Das erscheint mir auch konzeptionell sauberer: Nicht der Zugang zum Medium ist jugendgefährdend, sondern bestimmte Inhalte oder Mechanismen innerhalb dieses Mediums. Also sollte die Altersverifikation genau dort ansetzen.

Und vielleicht hätte das sogar einen positiven Nebeneffekt für Erwachsene: Wenn bestimmte Plattformmechanismen derart problematisch sind, dass wir Jugendliche gesetzlich davor schützen wollen, warum sollten wir eigentlich davon ausgehen, dass Erwachsene unbedingt damit zugeschüttet werden möchten?

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Nicht umsonst kann ich bei Facebook und instagram die Sortierung nach Algorithmus nicht dauerhaft ausschalten, sondern muss das bei jedem einloggen aktiv machen. Bei instagram mit der Folge, dass trotzdem noch unerwünschte Beiträge in den feed gespült werden.
Es ist ja nicht so, dass SocialMedia für den Nutzer existiert, sondern für die Werbetreibenden. Sie finanzieren die Party und dementsprechend sind deren Interessen mit zu berücksichtigen.
Wenn nun sichere Kinder-Accounts angeboten werden, im schlimmsten Fall ohne Werbung, dann wird das ein Zuschussgeschäft und über die Erwachsenen-Accounts querfinanziert. Wenn nun der Großteil der Nutzer keine Werbung mehr sieht, fällt das Modell in sich zusammen.

Aber auch nur aus Sicht des Kunden. Nicht aus Sicht der Betreiber. Die haben ganze Teams an Psychologen, die solche Dinge entwerfen, die an die App binden.
Auch werden sich die Betreiber sehr stark wehren, solche Bereiche, wo was passiert, offen zu legen und diese als solche zu klassifizieren. Sie sind einfach an Jugendschutz nicht interessiert. Deren Geschäftsmodell basiert darauf. Für sie ist es Geld.

Grundsätzlich finde ich deinen Vorschlag zum Umdrehen sehr richtig, wenn man die Betreiber denn in die Pflicht genommen bekommt.

Ich glaube, die Werbung muss dafür gar nicht weg, auch nicht bei Kindern und Jugendlichen. Werbung begegnet ihnen ohnehin überall. Problematischer sind aus meiner Sicht die gezielt suchtfördernden Mechanismen. Eine jugendgeeignete Standardversion könnte also durchaus weiterhin werbefinanziert sein.

Natürlich wird eine solche Regelung den Plattformbetreibern nicht gefallen. Aber ob Meta & Co. eine gesetzliche Regelung gefällt, kann doch nicht der Maßstab sein.

Big Tobacco fand Werbeverbote, Warnhinweise und andere Einschränkungen sicherlich auch nicht toll. Trotzdem wurden sie im Interesse des Jugend- und Gesundheitsschutzes eingeführt.

Wenn wir zu dem politischen Ergebnis kommen, dass bestimmte Mechanismen sozialer Netzwerke insbesondere für Kinder und Jugendliche gesundheitlich problematisch sind, kann die entscheidende Frage doch nicht sein: „Ist Meta damit einverstanden und funktioniert deren bisheriges Geschäftsmodell dann noch genauso gut?“ Die Frage müsste vielmehr lauten: „Welche Regeln halten wir gesellschaftlich für angemessen und verhältnismäßig?“

Genau dafür haben wir doch Politik und Gesetzgeber. Sonst könnten wir Regulierung immer dann gleich bleiben lassen, wenn das regulierte Unternehmen daran kein wirtschaftliches Interesse hat.

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@FaxVerweigerer404 ich finde deinen Vorschlag der „Beweislastumkehr“ so einfach wie genial. Um den ct Podcast „haken dran“ hier zu wiederholen: „defaults matter“. Optional zuschaltbarer „Jugendschutz“ wird ein Randphänomen bleiben. Studien zeigen hier eine Adoptionsrate von <5%.

Ein ano- oder pseudonymer Weg zur Altersverifikation bleibt in der EU vor 27/28/29 technisch noch nicht möglich. Warum nicht den EU Digital Services Act hier mal die Muskeln spielen lassen und den US Konzernen hier die Grenzen aufzeigen? Ach ja Moment, dann kommt wieder die US-Regierung und droht mit Zöllen - wobei, vlt. ist es dank Kanada ja genau der richtige Moment hier nach zu verhandeln?

Auch ich finde die Idee super.

Ich fürchte aber, Meta & Co. wegen Mittel und Wege suchen und finden, die „Erwachsenen-Version“ so attraktiv bzw. die Defaul-Version so unattraktiv zu machen, dass sehr viele diese wählen. Die Menschen schaden sich einfach zu gern selbst …

Aber ein Versuch wäre es wert.

Genau die Idee hatte ich beim hören der Folge auch.

Der Vergleich mit der Videothek passt aber nicht ganz. So weit ich mich erinnern kann durfte man erst ab 18 überhaupt in die Videothek, vielleicht auch ab 16 aber es gab da ein Mindestalter mit dem zutrittsbeschränkten Bereich ab 18.

Ein anderer Vergleich wäre der normale Supermarkt. Jede:r darf dort rein und einkaufen, aber wenn ich Tabak oder Alkohol kaufen will dann muss ich ggf. meinen Ausweis vorzeigen und somit beweisen, dass ich Ü18 bin.

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Gängige Praxis ist das in Deutschland aber nicht. Ein offensichtlich Volljähriger wird in der Regel keinen Ausweis vorzeigen müssen. Das unterscheidet diesen Fall meines Erachtens deutlich von der Altersverifikation online. Der Aufwand ist nicht gegeben.