LdN487: Wartenzeiten auf einen Psychotherapieplatz- Die Realität ist viel schlimmer

Liebes Lage-Team,
ich bin ein großer Fan eurer Beiträge und höre euch bereits seit fast 10 Jahren (und danke euch für die tollen Beiträge bisher!). Mein beruflicher Hintergrund fällt auch in den Psychologie-Bereich, aus diesem Grund ist mir dies besonders wichtig:

In der Folge habt ihr immer wieder betont, dass eines der „Hauptprobleme“ wäre, dass wir eine Wartezeit von 6 Monaten auf einen Psychotherapieplatz hätten. Tatsächlich verzerrt diese Darstellung die tatsächlichen Zustände sehr, eigentlich ist es viel dramatischer:

Jährlich erfüllen 27,8 % bis 40,9 % der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland die Kriterien für eine psychische Störung. Doch von diesen Betroffenen können nur etwa 10 % bis 19 % tatsächlich eine psychotherapeutische Behandlung in Anspruch nehmen oder beginnen eine Therapie. Die oft zitierten Wartezeiten von durchschnittlich sechs Monaten bis zum Therapiebeginn spiegeln nur einen Teil der Wahrheit wider. Sie beziehen sich auf Therapeuten, die tatsächlich eine Warteliste haben und auf psychisch Kranke, die tatsächlich einen Platz erhaltenNur unter diesen Bedingungen befinden sich diese Menschen auch in der Statistik von 6 Monaten. Man taucht eben erst in einer Wartezeit-Statistik auf, wenn das Warten auch ein Ende hatte. Und wenn es überhaupt eine Warteliste gab; viele Therapeuten haben gar keine bzw. nehmen gar keine neuen Patienten auf. Ein erheblicher Anteil der Menschen, die Hilfe suchen, findet jedoch nie einen Therapieplatz oder bricht die Suche aufgrund der langen Wartezeiten und der Schwierigkeit, überhaupt einen Kontakt herzustellen, entmutigt ab (auch weil Therapeuten beispielsweise gar nicht erreichbar sind oder nicht antworten). Studien zeigen, dass rund 42 % der Suchenden keinen Therapieplatz finden. Dazu kommt noch: Wenn jemand tatsächlich die Erstgespräche durchführen und einen Antrag auf Therapie stellen kann, werden 48% der Anträge für die Psychotherapie auch noch abgelehnt. Auch dies spiegelt die Wartezeit-Statistik nicht wieder.

Um die Dimension zu zeigen: Wenn bis zu 40,9 % betroffen sind, aber maximal 19 % behandelt werden, bedeutet das, dass rund 81 % ohne professionelle psychologische Betreuung bleiben – also ca 27 Mio Erwachsene (ja nach Statistik). Die 6‑Monats-Wartezeit betrifft damit nur den kleineren Teil, der überhaupt ins Versorgungssystem gelangt. Zum Vergleich: Bei Bluthochdruck (30–36 % betroffen) werden 88–90 % (!) der diagnostizierten Fälle behandelt.

Der eigentliche Skandal ist daher: 80 % der psychisch Kranken werden nicht versorgt. Ja, auch die Wartezeit von sechs Monaten ist sehr schlecht – aber die Debatte verschiebt den Fokus vom Kernproblem: einem System mit vielen Hürden, das für die überwiegende Mehrheit der Hilfesuchenden nicht zugänglich ist.

Wenn dies nun kombiniert wird mit Menschen, die Störungsbilder wie beispielsweise Depressionen/ Schizophrenie oder ähnlichen aufweisen, und diese Störungsbilder mit zb Antriebsstörungen/ oder Minderwertigkeitsgefühlen einhergehen, ist die konstante Ablehnung oder das Nicht-Reagieren ein fatales Zeichen (selbst wenn es von den Therapeutinnen selbstverständlich nicht so gemeint ist).

Um dies hier mit meinen eigenen Erfahrungen abzuschließen: Ich habe in drei Städten in drei Bundesländern gewohnt (Lüneburg, Hamburg, Lübeck). Über einen Zeitraum von 5 Jahren habe ich in allen drei Städten jeweils 15 Psychotherapeutinnen kontaktiert. Ich hatte teilw. sogar einen „Notfallcode“/ Vermittlungscode der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Mein Ergebnis: 90% der Psychotherapeuten haben gar nicht geantwortet, der Rest hat abgesagt oder gesagt, die Wartezeit beträgt über zwei Jahre oder sie nehmen gar keine Patienten mehr auf. Für den Vermittlungscode gab es in meinem Einzugsgebiet +50km in dem Fall Lübeck keine einzige Psychotherapeutin, die einen Termin frei hatte. Ich sprach dann mit meiner Hausärztin, die mir ein ähnliches Bild schilderte: Sie erzählte von einer ihrer Patinnen, die ALLE Psychotherapeutinnen von Lübeck anschrieb, es waren ca. 50, davon erhielt die Patientin am Ende ein einziges Erstgespräch.

So ist die Lage aktuell. Es wäre so schön, wenn es „immer nur 6 Monate Wartezeit“ wär. Da kommt man gar nicht hin.

Ich würde mich riesig darüber freuen, wenn ihr dazu noch einen oder zwei Sätze sagen könntet, um dieses Thema besser einzuordnen und der Skandal der Versorgungslücke den Fokus erhält, den sie eigentlich verdient.

Quellen

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Zum Thema Kassensitze gibt es m. E. noch ein weiteres, vielfach unbeachtetes Problem. Im Podcast wurde zwar erwähnt, dass es Psychotherapeuten mit einem halben Kassensitz gibt, die aktuell mehr Stunden abrechnen. Umgekehrt gibt es aber auch solche mit einem ganzen Kassensitz, die ihr „Stundenkontingent“ nicht ausnutzen; sei es, weil sie nebenbei auch Privatpatienten behandeln oder weil sie - vorübergehend oder dauerhaft - nicht in der Lage sind, so viele Stunden zu arbeiten. Für eine realistische Bedarfsplanung müsste man dazu auf jeden Fall eine Erhebung durchführen. Leider entsteht der Eindruck, dass die Krankenkassen gar kein Interesse daran haben, dass der Versorgungsauftrag eines Kassensitzes in vollem Umfang ausgeschöpft wird. Ansonsten ist nicht zu erklären, warum die Anstellung eines zweiten Psychotherapeuten mit enormen bürokratischen Hürden versehen ist.

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Die Realität ist tatsächlich VIEL schlimmer. Das mag regional unterschiedlich sein, aber ich bin niedergelassene Psychotherapeutin in Sachsen bei Leipzig und wenn ich über die 116117 Termine vergebe (hatte Frau Brakemeier im Interview genannt) kommen Menschen (überwiegend aus Leipzig aufs Land gefahren) in die Sprechstunde, die seit 18 Monaten auf einen Sprechstundentermin warten. Sprechstunde (also eine Ersteinschätzung!, noch kein Therapiebeginn). Hier regional ist es bei Erwachsenen und KiJu gleich schlecht, da gibt es keine Unterschiede (behandle sowohl KiJu, als auch Erwachsene). Ich muss >95% aller Anfragen nach Terminen ablehnen (da die Praxis voll ist) → Menschen auf Therapieplatzsuche müssen oft bei extrem vielen Praxen anfragen, um irgendwo unter zu kommen. Jede Praxis hat zu anderen Zeiten telefonische Sprechzeit, Therapieplatzsuche ist organisatorisch extrem aufwändig und quasi ein Vollzeitjob.

Die Darstellung oben ist insg. gut, zu den Ablehnungsquoten der KK allerdings nicht ganz richtig formuliert: die Zahl bezieht sich auf Kostenerstattungsanträge (d.h. eine Person versucht, als gesetzlich versicherte Person in einer Privatpraxis behandelt zu werden, da kein Kassensitzplatz verfügbar ist, siehe Quelle oben dazu). Ablehnungsquoten bei Kassenpraxen, bei korrekt gestellten (Erst-) Anträgen und vorliegender Diagnose sind gen null.

Noch eine Ergänzung zu „bei 50 Minuten Sitzungen könnten ja bis zu 10 Personen am Tag behandelt werden“ - das ist auch nach abgeschlossener Ausbildung/Weiterbildung unrealistisch. Die Personen kommen 5 Minuten früher, gehen danach nochmal aufs Klo, es muss dokumentiert werden im Anschluss an eine Stunde, Therapien müssen vorbereitet werden, es müssen Berichte und Anträge und Anfragen wie z.B. vom medizinischen Dienst bearbeitet werden, Absprachen mit HÄ/Psychiater_innen, es gibt verpflichtende telefonische Erreichbarkeitszeiten, etc… [Lehrer_innen haben ja auch bei einem vollen Deputat 25-27 Unterrichtsstunden à 45 Minuten pro Woche und nicht 52..]

Ich würde euch ebenfalls bitten, nochmal kurz zu ergänzen, dass die Aussage „in 1-2 Wochen gibts ne Ersteinschätzung und in 6 Monaten ist Therapiebeginn“ quasi eine Wunschvorstellung wäre und DEFINITIV nicht Versorgungsrealität ist.

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Richtig, da hab ich ein „privat“ überlesen. Danke sehr! :folded_hands: :grinning_face_with_smiling_eyes:

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