Zu Keir Starmers Ruecktritt und zur Situation im UK allgemein.
Es soll gehen um „Regierungskrise“. Geredet wird viel ueber den Brexit.
Ich hab’ mir einen objektiven Blick auf das Thema: „Was ist los im Vereinigten Koenigkreich?“ erhofft. So jedenfalls auch eure Worte in der Einleitung.
Ich lass’ mal alle Themen weg die mir so einfallen, aber einsnicht:
Migration.
Nach eurem Podcastbeitrag kann ich den Schluss ziehen: Mit dem Thema Migration scheint Starmers Ruecktritt nichts zu tun zu haben. Das Thema wird ja nicht erwaehnt.
Das Problem ist nur: NATUERLICH hat Starmers Ruecktritt unter anderem - aber eben auch INSBESONDERE - mit dem Thema Migration zu tun.
Was soll ich anderes tun als den Schluss ziehen: Die Lage der Nation informiert nicht objektiv sondern unverschaehmt selektiv: Es ist ein Elefant im Raum, der keine Erwaehnung findet.
Kann ja nicht sein. Mit dem Brexit hat UK doch die volle Kontrolle über seine Grenzen zurück… ach ne, auch dieses Versprechen war von Anfang an eine Lüge. Aber dass dieses Thema in der Gesamtschau wesentlich für Starmers Rücktritt war, ist eine Einschätzung, die man sicher haben kann, aber keineswegs teilen muss. Ist halt ne Frage der Gewichtung.
Vorschlag: Akzeptieren, dass die LdN natürlich selektiv berichtet. Wie alle anderen Medien auch. Das ist deren Job. Da darf auch mal ein Thema anders betrachtet werden, als mir unmittelbar einleuchtet. Man kann hier sicher begründen, dass auch Konflikte um Migration eine Rolle gespielt haben, aber ich finde es einleuchtend, dass Starmer, wie die meisten seiner Vorgänger, daran scheitert, dass der Brexit keine Probleme gelöst aber viele neue unlösbare Probleme geschaffen hat. Das darf man aber nicht zu laut sagen, weil die Brexiter im Land weiter eine große Minderheit sind. Wie vorhersehbar schlimm sich diese saudämliche Entscheidung auswirkt, darf nicht zu deutlich gesagt werden, weil das zu Reaktanz und mehr Polarisierung führen könnte. Deswegen werden dauernd Scheinprobleme und Scheinlösungen verhandelt, die natürlich nicht funktionieren können. Und weil man nicht sagen darf, dass die Hälfte der Bevölkerung das verbockt hat, schmeisst man halt einen Trainer nach dem anderen raus, wie so ein abwirtschaftender Traditionsclub. Das ist der Elefant im Raum in UK.
War zwar nicht Teil der Betrachtung von Ulf und Philip, aber ein großer Phantomschmerz der Briten ist auch die nicht mehr vorhandene Bedeutung auf der Weltbühne. Die Kolonien sind weg, der technologische und industrielle Vorsprung des frühen 20. Jahrhunderts ebenfalls. Ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat und Atommacht, ja ok, aber ersteres ist für die Galerie, letzteres nicht aus eigener Kraft sondern abhängig von den USA.
Großbritannien ist ja mit der Selbstfindung nicht allein auf dem Planeten, allein in Europa haben wir mit Deutschland und Frankreich zwei ehemalige Konkurrenten, jetzt Freunde, die ebenfalls auf der Suche sind.
Integration ist in allen drei Ländern ähnlich schlecht gelaufen, wobei Frankreich und Großbritannien aufgrund der sprachlichen Dominanz in den ehemaligen Kolonien zumindest dahingehend weniger Schwierigkeiten hatten (und vielleicht auch deshalb später erst bemerkten, dass die Baustelle größer ist als angenommen).
Ähnlich wie in Deutschland wird die Migration immer ein Teilaspekt des Gesamtbildes sein, aber nicht der dominierende Teil im Bild.
Ich finde gut, dass du auf die Podcast Fehlstelle dieser gesellschaftlichen Verwerfungen in UK hinweist. Genau für solche Ergänzungen ist doch dieses Forum da.
Das Attribut „unverschämt“ scheint mir allerdings zu krass als Einordnung, Objektivität als Anspruch betrachte ich als pure Fiktion.
Insgesamt herrscht mir auf dem Kontinent zu viel Häme und zu viel Fixierung in Bezug auf den Brexit. Erinnert ein wenig an die späte Schadenfreude verlassener Liebhaber*innen.
Der Podcast zeigt die Meinung von Annette Dittert.
Sich selbst „Objektivität“ zu bescheinigen, und die Meinung anderer, wenn sie anders als die eigene ist, als" unverschämt" zu bezeichnen, ist absurd
Nein, das tun wir nicht, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass wir relevante Aspekte eines Themas bewusst weglassen. Wir entscheiden uns zwar für Themen, aber wenn wir über ein Thema sprechen, dann so ausgewogen und vollständig wie möglich.
Im konkreten Fall haben wir allerdings ein Interview geführt - und da nimmt natürlich die Einschätzung der Interviewpartnerin breiten Raum ein. Dann ist es zwar unser Job, über geeignete Fragen sicherzustellen, dass zentrale Punkte auch vorkommen. Migration ist aber im Kontext Starmer gerade kein relevanter Punkt. Ich habe zur Vorbereitung eine ganze Reihe von Analysen gelesen, und wirklich keine war der Meinung, dass das Thema Migration eine wichtige Rolle beim Niedergang von Starmer spiele. Ich fürchte, dieser Thread ist einem Strohmann des Erstellers auf den Leim gegangen.