Mike
61
Letztlich wollen wir ja auch keine reine Gesellschaft kinderloser karriereorientierter Singles.
Aber jeder, egal ob Mann oder Frau, ob mit Kindern oder ohne, sollte das gleiche Recht und die Chance haben, eigene berufliche Ziele zu verwirklichen. Oder andere Schwerpunkte zu setzen.
5 „Gefällt mir“
Kabi
64
Es ist richtig dass dem Fachkräftemangel u.a. dadurch begegnet werden kann, dass mehr Frauen in Vollzeitbeschäftigung gehen. Aber dafür reicht es leider nicht aus, „einfach nur“ bessere Kinderbetreuungsmöglichkeiten zu schaffen. Das ist schön und gut, aber gerade in Familien wird der Großteil der Carearbeit durch Frauen geleistet - wenn es da keine Entlastung gibt, wird das nix mit mehr Vollzeit durch Frauen.
Meines Erachtens muss hier eine wirkliche Umverteilung stattfinden (gesellschaftliche Narrative ändern, mehr Beteiligung durch Männer an Carearbeit und „Mental Load“). Außerdem müsste Vollzeit auch noch mal neu definiert werden (30h/Woche oder Vier-Tage-Woche).
2 „Gefällt mir“
Sten1
66
Hallo, ihr beiden,
ich schätze euren Podcast sehr, darum möchte ich mich hier erstmals zu Wort melden. Wenn das Thema „Frauen in Arbeit bringen“ als Lösungsidee für den Fachkräftemangel fällt, dann zuckt es in mir immer etwas. Das klingt so, als würden Frauen zu Hause sitzen und Däumchen drehen und verkennt völlig, dass Frauen arbeiten – nur eben nicht dafür vergütet werden.
Wir haben eine Carekrise, die in den letzten Generationen fast vollständig von Frauen abgefedert wurde:
Frauen fangen in der Pflege ehrenamtlich den Pflegenotstand in den Sozialsystem auf, indem sie Angehörige unentgeltlich zu Hause pflegen. Von den Kindern, denen überwiegend Frauen ihre Pausenbrote schmieren, mal ganz abgesehen. Denn diese Arbeit gilt immer noch als privater Herzensdienst.
Natürlich kann man argumentieren, dass bessere Kitas und Pflegepersonal aus dem Ausland das Problem lösen würden – nur, leider gibt es in diesen klassischen Frauenjobs auch immer weniger, die bereit sind, sich gegen schlechte Arbeitsbedingungen, geringen Lohn und wenig Wertschätzung in eine #Carechain einzureihen, damit Privilegiertere besser bezahlten Jobs nachgehen können.
Fazit: Frauen arbeiten bereits und wenn man sie „in Arbeit bringt“ muss irgendwer ihren wenig gewertschätzten, unbezahlten Job übernehmen – nämlich die Carearbeit. Nur wer soll das sein? Und sind diese Tätigkeiten wirklich alle so effektivierbar, dass man sie kapitalistischen Marktstrukturen unterwerfen kann – einem Sterbenden die Hand zu halten sicherlich nicht.
Eine ideale Interviewpartnerin zu diesem Thema wäre die Berliner Journalistin Teresa Bücker, die zu diesem Thema das Buch „AlleZeit“ geschrieben hat und regelmäßig publiziert. Daneben die Journalistin Jo Lücke, die ein Buch zum Thema Equal Care geschrieben hat und sich in diesem Thema engagiert.
2 „Gefällt mir“
pbf85
67
Also die Darstellung, dass die Frauen alleine die Care-Arbeit leisten stimmt schonmal für mein Umfeld nichtmal ansatzweise und die vielen Schließtage und weitere kurzfristige Schließtage sind einer der Hauptgründe warum ich und meine Partnerin nicht mehr Stunden pro Woche arbeiten als wir es aktuell tun.
Gehen Kinder in verschiedene Einrichtungen und die Schließtage sind nicht synchron (z.B. 3 Wochen Sommerschließtag in Krippe am Ferienanfang, in Kiga an Ferienende), dann hat man schnell mal 50 Tage und mehr wo ein Kind ohne Betreuung zuhause ist.
Da geht es bei der gewählten Stundenzahl dann gar nicht nur um die pro Tag leistbare Stundenzahl, sondern man muss diese so wählen, dass man genug Überstunden sammelt um einen Teil dieser Tage aus Stundenausgleich zu nehmen, zumindest wenn man auch noch Urlaubstage für einen Familienurlaub oder für Erledigungen haben will.
Ich glaube ich habe es schon hier im Thread angesprochen, dass z.B. meine Schwester eine ausreichende Betreuungszeit nur mit Job bekommen kann (es gibt dafür aber keine Garantie und sogar eine Wartezeit), einen Job aber ja nicht ohne eine gesicherte Betreuung haben kann. Die arbeitet dann halt gar nicht, weil die finanziell deutlich mehr haben wenn der Mann Vollzeit arbeitet als mit zwei mal Teilzeit.
Der Titel mit Vollzeit ist vielleicht etwas plakativ gewählt, aber zumindest in meinem Umfeld wäre durchaus bei fast allen eine höhere Stundenzahl drin, wenn die Betreuungssituation besser wäre und in vielen Jobs auch die Planungssicherheit (z.B. kurzfristige Änderung von Schichtplan wegen Mangel).
Wie ist denn deine persönliche Erfahrung in diesem Bereich?
2 „Gefällt mir“
Sten1
68
Ja, du hast absolut Recht. Wenn man Frauen und Männer in Vollzeit bringen möchte, muss irgendwer anders die Kinderbetreuung/Pflege von Angehörigen übernehmen. Und dafür muss man erstmal jemand finden. Denn aktuell gibt es einfach zu wenig Personal für die Pflege von Alten Menschen und Kindern, vor allem in Ballungsräumen. Denn dort können sich diese Berufsgruppen das Leben häufig auch gar nicht leisten.
Das Phänomen nennt sich Care-Krise und ist ein Fakt. Übrigens auch, dass im gesellschaftlichen Durchschnitt nur ein Bruchteil der Väter gleichberechtigt Elternzeit nimmt und Care-Aufgaben gleichberechtigt stemmt. Zahlen dazu findest du beispielsweise im Buch „Wir sind doch alle längst gleichberechtigt“ von Alexandra Zychonow. oder auf der Website des statistischen Bundesamts (
Die Doppelbelastung von Beruf und Cararbeit könnte auch ein Grund sein, warum die Zahl der Mütter, die laut Müttergenesungswerk von Burnout betroffen ist, in den letzten 10 Jahren um 37% angestiegen ist. Zahlen dazu gibt es vor allem aus der Pandemie.
Du hattest nach meiner persönlichen Erfahrung gefragt: Ich bin Mutter eines Kita-Kinds und Pädagogin, arbeite als Lehrerin und Redakteurin, mein Partner ist Dozent in Teilzeit in der Ausbildung von ErzieherInnen und Journalist. Wir teilen uns die Carearbeit 50:50. Dennoch können wir nicht beide Vollzeit arbeiten. Wenn Kind gesund bleibt und nichts dazwischen kommt, schaffen wir gemeinsam 50-60 Wochenstunden + unbezahlte Carearbeit ohne Auslagerung an Haushaltshilfen.
Mein Kommentar bezog sich nicht ursprünglich auf diesen Post, er wurde vom Admin hierhin umgezogen.
Fazit: Ja, wir könnten alle mehr Erwerbsarbeiten, wenn wir nicht noch viel unbezahlte Carearbeit leisten müssten – die eben niemand anders schlecht bezahlt und unter unguten Arbeitsbedingungen für uns erledigen will. Zu fordern, dass Eltern (bzw. Frauen) oder pflegende Angehörige mehr arbeiten sollen, verkennt einfach die Situation der Care-Krise. Dafür brauchen wir erstmal Lösungen, bevor wir mit unserer Mehrarbeit den Fachkräftemangel auffangen können.*
2 „Gefällt mir“
pbf85
69
Mit Kindern im Kitaalter halte ich auch alles über 60 Stunden für schwierig. Das ist nur mit helfenden Großeltern oder Ganztags Kita (was man ja dann auch nicht möchte) möglich. Deshalb finde ich auch das Ziel Vollzeit nicht sinnvoll, sondern das Ziel sollte lauten, dass Eltern mehr Stunden arbeiten können, weil man sich auf eine Betreuung besser verlassen kann und weniger Schließtage hat. Eltern die das nicht möchten brauchen dann ja nicht mehr zu arbeiten, aber die wo das Limit die Betreuung ist hätten die Möglichkeit.
Wobei ich die Elternzeit für einen schlechten Indikator halte. Denn oft ist es eben so, dass die Frau auch länger Elternzeit nimmt wenn sie ohnehin Stillen will. Das kann der Vater dann halt schlecht übernehmen. Wichtiger ist also die Zeit die tatsächlich mit Care verbracht wird. Und da ist es in meinem Umfeld z.B. von Anfang an die Regel, dass Väter nachts aufstehen, wenn es nicht gerade um Stillen geht (oder bei mir war es so, dass die Partnerin gestillt hat und ich habe dann gewickelt). Bei meinem Umfeld machen das nach der Stillzeit sogar vorwiegend die Väter, weil die sich hier meist leichter tun wieder einzuschlafen (weiß nicht ob man das verallgemeinern kann oder ob das nur in meinem Umfeld so ist). Mir ist schon bewusst, dass sich meine Bubble da eher außerhalb des Durchschnitts bewegt und ich kenne auch aktuelle Stories von Vätern aus meinem weiteren Umfeld die 2 Monate Elternzeit vor der Playstation verbringen oder 2 Tage nachdem die Frau nach der Entbindung nach Hause kam zum Auswärtsspiel ihres Lieblingsvereins quer durch Deutschland fahren. Hier gibt es natürlich noch in der Masse der Menschen sehr viel Nachholbedarf, aber ich sehe, dass es eben auch schon ganz viele Fortschritte gibt.
Wenn ich den ErzieherInnenn die ich kenne glauben schenken kann, dann ist die Bezahlung wohl gemessen an der Ausbildung normal. Problematik ist wieder, dass der Personalmangel dazu führt, dass Arbeitszeiten nicht planbar sind. Gerade ErzieherInnen mit Kindern arbeiten dann weit weniger Stunden als vielleicht möglich wären weil sie sonst nicht die Zeit für die eigenen Kinder hätten. Und somit ist das ein Kreislauf der sich selbst verstärkt.
Mit mehr Geld in der Kinderbetreuung könnte man Einrichtungen so ausstatten, dass nicht jeder Krankheitsfall gleich komplett neue Einsatzpläne zur Folge hätte, weil auch mal ein Ausfall besser kompensiert werden könnte. Die Leute die da sind könnten so besser planen und mehr Stunden arbeiten. Für die Eltern der betreuten Kinder gäbe es eine zuverlässigere Betreuung mit weniger spontanen Ausfalltagen. Und wenn doch alle Erzieher da sind, könnte man gezielter Fördern.
Das Problem ist da einfach, dass seit Jahren immer nur davon geredet wird wie wichtig Kinderbetreuung sei, aber ernsthaft an den Problemen ansetzen will dann doch keiner, weil das wieder Geld kosten würde. Also bleibt es bei der Verwaltung eines Mangels.
1 „Gefällt mir“
Mike
70
Mal aus einem anderem Thread hierhin verschoben.
Aus der aktuellen Tagespresse:
Die sogenannte Fürsorgearbeit im Rahmen der eigenen Familie ist in der Regel Frauensache und unbezahlt.
Die dafür aufgewendete Zeit summiert sich in Deutschland jährlich auf 117 Milliarden Stunden laut der aktuellen Studie „Der unsichtbare Wert von Sorgearbeit“ vom Februar 2024.
Umgerechnet kommt man so bei Frauen auf 39,1 Wochenstunden und bei Männern auf 25,2 Wochenstunden.
Würden allein Kinderbetreuung und Pflege vergütet, ergäbe das einen Gegenwert von 1,2 Billionen Euro.
Laut Studie würde ohne diese Sorgearbeit unser Alltag (und unsere Arbeitswelt) nicht funktionieren.
Quelle:Westfalenpost 19.11.2024
Dazu kommen 1,3 Milliarden Überstunden in 2023, der Großteil davon unbezahlt.
Ich sehe da in Deutschland tatsächlich keinen fehlenden Leistungswillen, oder übersehe ich da was?
Wie lange funktioniert ein Arbeitssystem, das weniger auf Entlohnung für Arbeitsleistung und ein gesundes Verhältnis von Arbeit und Freizeit, sondern das schon Züge von Ausbeutung der freiwilligkeit von Arbeitbehmern zeigt?
Vielleicht auch mal ein Lage-Thema bei der ganzen Diskussion um nötige Mehrarbeit.
6 „Gefällt mir“
Bei dem Thema lohnt ein Blick nach Spanien.
Die Mütter können da nur Vollzeit arbeiten, weil Gastarbeiterinnen als Haushaltshilfen ausgebeutet werden.
Vermutlich müssen wir uns davon verabschieden, dass beide Eltern Vollzeit arbeiten können und müssen andere Lösungen finden.
Tris
73
Das geht natürlich, meine Frau macht 34 Stunden und ich 39 Stunden, also zusammen 73 Stunden und unsere Kinder sind 1,5 und knapp über 3 und ohne wirklich viel Homeoffice. Ist aber wirklich nichts was wir wollen sondern müssen, weil wir finanziell sonst ins bodenlose abfallen. Die Zeit die wir als Carearbeit kostenfrei leisten wird nämlich gesellschaftlich und staatlich 0,0 honoriert.
Leider ist es auch immer och so, dass oft die gesamte Carearbeit die Frau leisten muss. Das mag in deiner Blase anders sein, in großen Teilen meiner auch. ich kenne aber immer noch mehr als genug, wo die Frau sich um die Kinder zu kümmern hat. Da war es schon mal gut, dass jetzt diese Partnermonate Elternzeit wegfallen, die die meisten Väter die ich kennen nur als günstigen Extraurlaub gelebt haben und die Frau trotzdem die Kinder hatte.
2 „Gefällt mir“
Tris
74
Ja, ist aber nicht möglich mit den derzeitigen Lebenshaltungskosten. Außerdem läuft so leider vor allem die Frau immer Gefahr bei einer Trennung mit Kindern in Armut zu landen. Ich meine der Staat macht sich da gerade einen schlanken Fuss. Die Familien fangen die Care Arbeit auf, die der Staat nicht bietet. Dadurch muss der Staat dort noch weniger ausgeben und kann trotzdem schamlos wie der kinderlose Lindner behaupten, die müssen nur alle voll arbeiten. Familien sind eben nicht viel wert in unserer derzeitigen politischen Landschaft.
pbf85
75
Ich finde das auch als Zielsetzung gar nicht richtig und nötig.
Fakt bleibt aber ja trotzdem, dass bei nicht wenigen Eltern die Stundenzahl eben niedriger ausfällt als man gerne möchte oder sogar ein Elternteil gar nicht arbeiten kann obwohl gewollt, weil die Betreuungssituation zu unzuverlässig ist.
Angefangen bei viel Ausfall- und Schließtagen trotz langer Buchung, über eingeschränkte Buchungszeiten bis hin zu gar kein Kitaplatz oder nur so knappe Zeiten, dass arbeiten quasi unmöglich ist wenn man den Aufwand mit bringen und holen mit berücksichtigt (z.B. 8:30 bis 12, da kann man kaum arbeiten wenn die Arbeit nicht direkt neben der Kita ist.
pbf85
76
Und du findest das nicht schwierig? Weil nicht mehr und nicht weniger habe ich ja gesagt.
Selbst mit weniger als 60 Stunden zusammen und Großeltern auf Abruf finde ich es oft schwierig und ohne Großeltern fände ich es auch mit besseren Betreuungsbedingungen schwierig. Was nicht heißt, dass es nicht dennoch machbar ist weil man es will oder muss.