Aus dem selben Grund, warum Hitler Polen und die Sowjetunion angegriffen hat: weil der Mann ideologische Wahnvorstellungen hat. In Putins Fall ist durch seine eigenen Worte belegt, dass er für Russland nichts weniger als die Rolle einer imperialen Großmacht als angemessen ansieht. Die gesamte russische Außenpolitik- und Militärdoktrin ist seit Jahren darauf ausgerichtet, dass

  1. es ein „historisches“ Staatsgebiet Russlands gibt, über das ihm direkte Kontrolle zusteht. Wo dies nicht der Fall ist, sind dafür historische Unfälle und Ungerechtigkeiten verantwortlich, die berichtigt werden müssen (dazu gehören die aktuellen Teilrepubliken wie Tschetschenien genauso wie die Ukraine, Belarus und das Baltikum)

  2. Russland als imperiale Großmacht Anspruch auf einen „Puffer“ an Satellitenstaaten hat, deren interne und externe Politik weitgehend auf die Erfüllung russischer Bedürfnisse ausgerichtet ist.

  3. Russland als Großmacht auf internationaler Bühne Anerkennung finden und auf Augenhöhe mit den USA und China agieren können sollte, wogegen andere „kleinere“ Staaten legitime Verhandlungsmasse zwischen diesen Großmächten darstellen.

Wer diese Perspektive ernst nimmt, der findet darin ein hervorragendes Erklärungsmuster für das russische Verhalten in z.B. Tschetschenien, Georgien und der Ukraine. Gleichzeitig lässt sich diese offensichtliche militärische Expansionspolitik nicht mit einem Russlandbild in Einklang bringen, in dem Putin irgendein Interesse an einer Regelbasierten Weltordnung hat.

Jeder der behauptet, dass Putin keinerlei Interesse an einer (notfalls militärischen) Unterwerfung Osteuropas (und damit letztendlich auch Deutschlands) hat muss erklären, wie das mit Putins eigenen Aussagen und Russlands außenpolitischen Handlungen der letzten 20 Jahre zusammenpasst.

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Ergänzend dazu kann man erwähnen, dass Russland immer dort militärisch aktiv wird, wo es eine russische Minderheit gibt ( „Learning from Russia’s recent wars“ - Neal G. Jesse ist hier sehr lesenswert). Wenn wir uns nur die Bevölkerung in z.B. Litauen anschauen, werden wir eine große Russischsprachige Minderheit finden. Gleichzeitig kann man genau in diesem Gebiet feststellen, dass Russland sich aktiv in die Politik des Landes einmischt, wenn es um russische/ehem… sowjetische Interessen geht. Ein Beispiel hierfür wäre die Umsetzung des Denkmals für die gefallenen sowjetischen Soldaten in Litauen. Die Umsetzung wurde begleitet von einer Fake-News Kampagne und ein mehreren strategisch koordinierten Cyberangriffen auf litauische IT-Infrastruktur ( Schwerpunkt: Staatliche Websites und Server). Dieses Muster lässt sich an anderen Ländern beliebig oft wiederholen, die vermeintlichen Auslöser ändern sich nur geringfügig.

Zur Definition der Hybriden Kriegsführung muss man sich einmal mehr auf den „Erfinder“ beziehen, General Gerassimow. Nimmt man dieses ursprüngliche Verständnis von Hybrider Kriegsführung, dann kann man durchaus sagen das Russland sich mit Deutschland in einem Hybriden Krieg befindet. Aktuell befindet sich Russland in der Shaping-Phase, das heißt es schafft die Voraussetzungen für einen Krieg, mit dem Einsatz Hybrider Mittel. Dazu gehört die gezielte Herabsetzung der Verteidigungsfähigkeit eines Landes durch Desinformation, Spaltung und gezielte Angriffe auf kritische Infrastruktur um den Widerstandswillen einer Bevölkerung zu brechen. Shaping Activities sind eine fortlaufende Aktivität in einem Hybriden Krieg, durch alle Stadien hindurch. Für alle die mehr wissen wollen:

RealClear Defense - Hybrid War and what to do about it

Anmerkung zum Schluss: Hybrid War ist kein alleiniges Konzept der Russen. Auch der Westen würde dieses Konzept anwenden wenn es dazu genötigt wird.

Hybrid Warfare Center of Excellence

Transparenzhinweis zum obengenannten Center of Excellence. Das CoE gehört keiner NATO Struktur an, wird aber durch sie finanziert und beauftragt.

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Dass Russland lange plant und sich massiv auf Krieg einstellt belegen die Zahlen
https://www.swp-berlin.org/10.18449/2024A26/
Parallel dazu bereitet sich Russland auf eine dauerhafte Konfrontation mit dem Westen vor. Das Verteidigungsbudget des Landes verdoppelte sich 2024 im Vergleich zum Vorjahr und liegt nun bei 108 Milliar­den Euro. 28 Prozent der Staatsausgaben gehen damit an das Militär, was 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht. Zu­sammen mit den klassifizierten Ausgaben in anderen Budgettiteln, die für militärische Zwecke verwendet werden, dürfte der Wert bei über 7 Prozent liegen. Mit den ge­wachsenen Militärausgaben soll nicht nur die russische Rüstungsproduktion angekurbelt, sondern auch der angestrebte Perso­nalaufwuchs der Streitkräfte auf 1,5 Millio­nen Soldaten verwirklicht werden. Allein 2024 sollen 16 Divisionen und 14 Brigaden neu entstehen.

Ich denke, dass gerade darin das Zögern des Westens begründet liegt. Man möchte Russland so lange wie möglich mit der Urkaine beschäftigen und abnutzen, bis man selbst die militärischen Fähigkeiten wieder auf- und ausgebaut hat. Es geht um Zeitgewinn. Eine andere Begründung ist für mich nicht logisch. (z.B.Reichweitenbeschränkung: Was ist der Unterschied zwischen 80km (Himars ist freigegeben) und 300 km?

Russland eskaliert den Kreig derweilen immer weiter (Atomdrohungen, iranische und nordkoreanische Waffen, Nordkoreanische Soldaten, hybride Angriffe im Westen, etc.) Wer glaubt, dass die NATO an einer Eskalation schuld sei oder interessiert sei, den frage ich wieso die NATO dann nicht eskalieren reagiert, wenn ständig russiche Drohnen in Rumänien und Litauen landen?! Einen einfacheren Eskalationsgrund hätte man doch gar nicht serviert bekommen können.

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Bei dieser Frage geht es nicht um Reichweitenbeschränkung, sondern um die Nutzung dieser Waffen auf russischem Staatsgebiet. Die Ukraine hat schon heute Zugang zu westlichen Waffen großer Reichweite, darf diese aber nur auf dem eigenen Staatsgebiet (einschließlich der Krim) einsetzen. Damit fallen viele taktische und strategische Möglichkeiten für kinetische Aktionen gegen russische Depots und Infrastruktur aus.

Auf westlicher Seite ist die Begründung dafür eine Angst for Eskalation (ich persönlich finde diese Argumentation nicht schlüssig, Scholz sieht das anders).

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Es gibt eine Reichweitenbeschränkung der Systeme auf russisches Staatsgebiet. Himars mit 80km sind erlaubt (ggf. beschränkt auf bestimmte Gebiete). Mehr km aber nicht. Das macht das Ganze ja so absurd. Waffen mit größerer Reichweite könnte man ja genauso beschränken, z.B. auf die Liste der Ukraine von militärstrategischen Zielen, die sie im Gebiet von 300 km um die Grenze in Russland ausgemacht haben.

Ist aber noch vom Juni der Beitrag?

Btw….ich hab immer noch die Vermutung, das beim letzten Besuch von Scholz in Moskau irgendein Satz oder eine Drohung von Putin gefallen ist, der Scholz sehr beeindruckt hat und so seine „Zurückhaltung“ erklären könnte.

Ja als Reaktion auf die Charkiw Offensive der Russen. Der Westen reagiert immer nur auf Eskalationen Russlands.

Möglich. Am Ende beugt man sich dann irgendwelchen aggressiven Drohungen Moskaus. Es gab so viele Drohungen zu bereits überschrittenen „roten Linien“ Moskaus. Ohne dass diese Drohungen wahrgemacht wurden. Wieso glaubt man ihm jetzt?

Das ist die spannende Frage. Wovor hat Scholz diesen Heidenrespekt vor Putin?

Alles im Reich der Spekulation. Denke eher, dass es bei Scholz an den USA hängt (siehe Kampfpanzerdiskussiin) und er eine Entscheidung seinerseits davon abhängig gemacht hat und machen wird. Bzw. beim Thema Taurus hat er sich ja selbst so in Argumenten verstrickt, dass er es jetzt selbst bei einer Zustimmung der USA schwer erklären könnte, wieso er den jetzt selbst frei gibt. Ansonsten haben wir eh nix geliefert was in die Reichweitenthematik und Angriffswaffen fallen würde. Daher ist Scholz Veto hier sowieso hinfällig.

Naja, außer der Taurus haben wir auch schlicht nichts mit Reichweite.
Wir nutzen noch MARS II mit einer Reichweite unter 100 km, wir diskutieren noch, ob wir das durch deutsch-amerikanische GMARS oder das israelische Euro-PULS ersetzen wollen, ATACMS haben wir (im Vergleich zu anderen europäischen Verbündeten wie Polen) leider nicht. Etwas vergleichbares zu den Boden-Boden-Raketen mit hoher Reichweite wie den amerikanischen Tomahawks haben wir ebenfalls nicht.

Die Bundeswehr wurde seit 1990 eben von Landesverteidigung (dazu bräuchte man, wie die Ukraine sehr gut zeigt, auch Waffen mit hoher Reichweite!) auf Bündnisverteidigung umgestellt. Und für die Bündnisverteidigungseinsätze in Afghanistan und co. brauchte man solche Waffen nicht, daher haben wir sie nicht. Das rächt sich heute.

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Klar. Aber man spekuliert halt schnell wenn Entscheidungen sich schwer logisch und faktisch herleiten lassen.

Ja, seit den frühen 2000er ging man primär Richtung Auslandseinsätze mit leichten Fahrzeugen, da man davon ausging, es nur mit irregulären Kräften ohne Artillerie (maximal Mörser) und ohne Luftwaffe zu tun zu haben.

Diese Fähigkeitslücken werden nun beim Thema Landesverteidigung überdeutlich.
Was auch Russland weiß.

Ich glaube Scholz hat mehr Angst vor den Russland nahen und sogenannten Friedensbewegten in der eigenen Partei wie Mützenich.

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Interessanter Ansatz, hab ich so noch nicht betrachtet. Ergibt Sinn.
Wird der nächste Wahlkampf spannend

Ist das nicht eigentlich die - ernüchternde - Antwort auf die tatsächlich relevante Frage? Offensichtlich kann Russland mit Dingen drohen, die sowohl Biden als auch Scholz vor einem konsequenteren Kurs zurückschrecken lassen. Neben der Frage, was unterhalb der nuklearen Schwelle das für Drohungen sein könnten, finde ich wesentlich beunruhigender, dass das in meinen Augen ein erhebliches Loch in der Abschreckung der NATO gegenüber Russland oder dessen Führung offenlegt. Wie diese fehlende Abschreckung zustande kommt und was man dagegen unternehmen müsste, fände ich ehrlich gesagt wichtiger. Dass mit Scholz und weiten Teilen der SPD beim Thema Russland was nicht stimmt, tritt dem gegenüber in den Hintergrund, denke ich.

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Tatsächlich eine Kernfrage.

Ich denke schon, das man hier Scholz wie auch Biden durchaus unterstellen kann, wirklich eine Eskalation verhindern zu wollen, man daher nicht all-in gehen will. Führt man Abschreckung zu vehement durch, also eskaliert „radikal“, entwickeln sich zwangsläufig Dynamiken, die man schwer bis gar nicht wieder stoppen kann.
Diesen Gedanken gestehe ich beiden Politikern zu.
Was für uns „Außenstehende“ wohl so schwierig ist, das wir im Handeln gegenüber Russland keinen klaren Plan erkennen können. Es mag einen geben den wir nicht kennen, doch nach außen wirkt es wie sehr inkonsequentes Rum-Eiern.
Am ehesten scheint die These logisch, das man mit der scheibchenweisen Unterstützung der Ukraine Russland solange hinhalten will, bis man selbst die Versäumnisse und Naivität der letzten 20 Jahre im Westen aufgearbeitet hat und verteidigungsfähig genug ist, um abschrecken zu können.
Zynisch, aber politisch durchaus nachvollziehbar.
Das Russland hier aktiv versucht, Einfluss zu nehmen und seinen Plan umzusetzen (wie immer der aussieht) ist auch logisch.
Letztlich nur dumm für die Ukraine und die Menschen dort.

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Zustimmung.
Die Staaten der Ex-UDSSR ist da schon eher „in Gefahr“.

Das wären doch auch Polen und das Baltikum?

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Baltikum: Ja
Polen: Nein
Teile Polens gehörten zum Russischen Zarenreich - vor 1918 - zu Zeiten der polnischen Teilung.

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