Sehe ich absolut genauso, aber:
Ich kann aber nur auf mich und mein Narrativ schauen und versuchen, der Spaltung keinen Vorschub zu leisten - weder, indem ich auf der „reichen“ Mittelklasse herumhacke, noch auf den Armen, die angeblich zu viele Sozialleistungen kassieren. Je weniger Leute aufeinander eintreten, desto weniger Leute werden sich diesen anschließen.
Ich habe nochmal nachgesehen und habe da glaube ich etwas verwechselt - mea culpa. Es ging nicht um die Erhöhung des Grundfreibetrages. Ich habe die Argumentation aber öfter beim Thema „Entlastungen über die Steuern“ gehört, nämlich dass diese v.a. Besserverdienenden nutzen. Ich bin mir sehr sicher, dass das zumindest mal beim Thema Erhöhung der Pendlerpauschale oder irgendeiner anderen steuerlichen Entlastung für den Arbeitsweg aufgekommen ist. Diese Argumentation ist auch inhatlich richtig, wenn man sich die letztliche Konsequenz der steuerlichen Entlastung isoliert ansieht. Es geht mir auch nicht darum, diese Argumentation per se für falsch zu erklären, ich möchte sie aber erweitern, da sie - so wie sie genutzt wird - für mich viele Konflikte zwischen Unter- und Mittelschicht erzeugen kann.
Ich finde also, man sollte sich bei solchen Themen in einem ersten Schritt politisch nur die Frage stellen: „Bin ich der Ansicht, dass die Kosten des Arbeitsweges die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Person senkt?“ Wenn ja, dann sollte der Teil meines Einkommens, mit dem ich diese Kosten bewältige (Werbungskosten), nicht besteuert werden, ergo ist die Konsequenz „Absetzbarkeit Ja“. Dass diese Entlastung bei Besserverdienern stärker wirkt, ist dabei dann in diesem ersten Schritt nur eine technische Folge unseres progressiven Steuersystems. Derselbe „Steuerspar“-Effekt träte ein, wenn dieselbe Person einen Job anträte, der schlechter bezahlt ist, für den aber kein Arbeitsweg zu bewältigen wäre.
In einem zweiten Schritt sollte ich mir dann gestaltend die Frage stellen, ob Schlechterverdienende über ausreichend Mittel verfügen, dieselben Werbungskosten zu finanzieren, da sie ohnehin wenig Steuern zahlen und diese Kosten daher oft aus dem Netto finanziert werden. Die Antwort hier ist in der Regel „Nein“. Statt also die gesamte obige Steuermaßnahme zu blockieren, könnte man auf ihr gestalterisch aufsetzen, um für dieselben Kosten eine Direktzahlung oÄ für Schlechterverdienende zu fordern und so ein positives Narrativ zugunsten der Schlechterverdienenden zu stricken.
Wenn man aber nur die Steuerentlastung kritisiert (negatives Narrativ), dann hat das mMn viel Konfliktpotential. Ich denke, die meisten Menschen sind sich einig, dass Kosten wie der Arbeitsweg die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit schlicht senken. Das nimmt auch die Mittelschicht wahr, die von der Steuerentlastung stärker profitieren würde. Wenn man nun aber aus der oben beschriebenen technischen Konsequenz unseres progressiven Steuersystems eine soziale Frage macht, dann heizt das nicht nur die Stimmung der Schlechterverdienenden gegen die Besserverdienenden auf („die werden wieder bevorzugt“), sondern auch umgekehrt. Denn die Besserverdienenden werden nicht einsehen, warum sie Einkommen, mit dem sie allgemein anerkannte Werbungskosten wie den Arbeitsweg finanzieren, im Zweifel mit ihrer Grenzsteuer versteuern müssen.
Fordert man aber beides, sind alle Schichten zufriedener und man könnte sich auf die wirklich Reichen konzentrieren und auf Steuerschlupflöcher wie bestimmte Freibeträge, die die Mehrheit wiederum nicht so einstufen würde wie die Kosten des Arbeitsweges.
Ja ganz genau. Omi kann ich in meinem politischen Vorschlag entsprechend des oben Gesagten gleich mit abholen. Etwa indem wir es nicht „Erbschafts-“ oder „Vermögenssteuer“ nennen, sondern „Dynastienabgabe“ oÄ. Dann fühlt Omi sich nicht angesprochen.