LdN329 - Bildungspolitische Sprecherin

Das Insistieren auf „Durchlässigkeit“ liegt ja aber auch im Interesse des auf „Leistung“ abonnierten Argumentationsmusters. Wo „Durchlässigkeit“ unterstellt werden kann, ist die Verantwortung für Erfolglosigkeit bzw. das Ausbleiben von „Leistung“ individuell begründet und nicht systemisch bedingt. Wenn die Schulen dann milieuspezifische Normalbiographien produzieren, liegen die Gründe dafür nicht in den ungleichen Startbedingungen, sondern schlicht in mangelnder Leistungsbereitschaft oder -fähigkeit.

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Und was sagst du den Menschen, die unter der größeren Heterogenität Nachteile erleiden, weil eben bei der Frage „Leistungsschwächere mitnehmen oder Leistungsstarke fördern“ meistens eher die Leistungsschwachen angesprochen werden?

Ich schrieb ja bereits oben, meinetwegen können wir ein drei, zwei- oder sogar eingliedriges Schulsystem haben, wenn Schulen so ausgestattet und Lehrer ausgebildet sind, dass sie vernünftig binnendifferenzieren können.

Solange das aber nicht der Fall ist, schaden wir etlichen leistungsstarken Schülern. Das ist im internationalen Wettbewerb fatal. Der Verkaufende, der Frisierende oder der Fließenlegende ist zwar für unsere Gesellschaft unheimlich wertvoll und sollte hohe Anerkennung bekommen. Seine Arbeit finanziert dieses Land. Es ist aber in aller Regel nicht der, der durch Innovationskraft das Land dauerhaft wettbewerbsfähig macht.

Sollte in diesem Fall die Logik nicht eher sein, erstmal zu verstehen warum der Wechsel so schwer ist? Können wir durch die Ganztagsschule nicht auch Kinder aus Problemfamilien gut erreichen?

Nein, es ist kein Ausspielen wenn man sagt, dass man nicht eine Gruppe schädigen sollte um eine andere zu stärken. Weil ich den Leistungsstarken am Gymnasien besser fördere, schädige ich doch den Schüler an der Sekunderschule nicht. Die Voraussetzung ist natürlich, dass beide Schulen qualitativ und personell gleichwertig ausgestattet werden. Sollte uns das nicht gelingen, müssen wir das ändern.

Da wir aber begrenzte Ressourcen haben und Binnendifferenzierungen sehr arbeitsaufwendig ist, ist möglicherweise das gemeinsame Lernen automatisch eine Entscheidung gegen die Förderung des Leistungsstarken (mit dem aktuellen Stand unserer Schulen). So habe ich es selbst erlebt und erlebe es noch heute im nahen privaten Umfeld.

Ganztagsschule ist eine gute Möglichkeit.
Und wenn schon Trennung, dann später, damit das Potenzial von Kindern erkannt werden kann.
Kinder wie ich aus bildungsfernen Familien (nicht jede bildungsferne Familie ist eine Problemfamilie) brauchen Anstoß, Unterstützung von außen, wenn sie nicht von den Eltern kommen kann.

Ich frage mich, ob es nicht auch die sozialen Fähigkeiten der sehr guten Schülern fördert, wenn man nicht nur mit hochintelligenten Mitschülern lernt…

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Aktuell bleiben hochintelligente Kinder zurück, während privilegierte Eltern ihre Kinder auch dann auf das Gymnasium durchboxen, wenn sie vielleicht nicht zu den leistungsstärksten Schüler gehören.
Darin kann ich eben auch keinen Sinn sehen. Dann lieber gemeinsam lernen.

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Mir ging es lediglich um Argumentationsmuster. Und ich würde zumindest behaupten, dass diese floskelhafte Mischung aus neoliberaler („Leistungsträger“, „internationale Wettbewerbsfähigkeit“, „Innovationskraft“) und rechtspopulistischer Rhetorik („Gleichmacherei“) sich nicht gut dazu eignet, bildungspolitische Problemstellungen angemessen zu beschreiben.

Aber selbst wenn man sich mal auf „Leistung“ als wichtige Ressource für den Bildungsgang fokussiert: Es ist doch nicht sonderlich umstritten, dass die Selektionsmechanismen und Anschlussentscheidungen des drei- (bzw. vier-)gliedrigen Schulsystems eben nicht anhand von Leistungskriterien getroffen werden. Bei den Gelenkstellen innerhalb dieses Systems (z.B. beim Übergang von der Grundschule auf die weiterführende Schule) spielen soziale Herkunftsfaktoren eine mindestens genauso große Rolle wie die schulischen Leistungen. Man sollte also nicht so tun, als würde das mehrgliedrige Schulsystem in irgendeiner Weise die meritokratischen Sehnsuchtsträume erfüllen.

Nachtrag: Dass Selektionsfaktoren bereits bei der Grundschulwahl eine Rolle spielen ist dann nochmal ein ganz anderer Aspekt…

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Ich persönlich war immer für ein ganz anderes System im Prinzip. Schon eine Gesamtschule, die allerdings jedes Fach in 4 Schwierigkeiten unterrichtet, z.B. Basis, erweitert, Profi, Leistung. So würden zwar Kinder, die sehr schwach in Sprache sind vielleicht in Physik und Mathe aber unter Leistung fallen. Ich kenne leider zu viele aus meinem Jahrgang, die wegen solchem Mist auf die Hauptschule geschoben wurden und es dann sehr schwer hatten noch was aus sich zu machen, ob wohl sie sehr gut teilweise in diesen Fächern waren. So könnte das gemeinsame Lernen gefördert und auf unterschiedliche Niveaus eingegangen werden. Es würdce auch Klassenverbände aufbrechen.

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Guter Ansatz.
Es geht nicht nur um Leistungen, sondern auch um Talent und Interesse.

Ich glaube der Faktor Talent und individuelle Stärken und Schwächen geht in unsetem recht starren Schulsystem meist unter, so wird viel Potenzial verschenkt

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Eben und darum dreht sich mein Ansatz. Das Stigma „kein Gymnasium“ fällt quasi weg und man kann trotzdem einbauen, dass man nach Klasse 10 in den Beruf geht.

Man sollte auch Ausbildungsberufe mit späteren akademischen berufsbegleitenden Weiterbildungen noch stärker dem reinen Uniabschluss gleich stellen.

Ich dachte da eher grundlegender.
Eine solide Grundbildung muss sein (Sprache, Grundrechenarten, Naturwissenschaften, etc), aber wenn jemand hohe soziale Kompetenzen mitbringt, aber keinen guten Abschluss bekommt, weil er Integralrechnung nicht versteht, verbaut das ggf weitere schulische Wege. Überspitzt formuliert.
Also das Prinzip Standardprogramm für alle bis Klasse 10 hat möglicherweise auch Schwächen

Hast du denn für diese Annahme irgendwelche Belege? Irgendwelche Untersuchungen, die deine persönliche Erinnerung unterstützen? Wenn nicht, würde ich diese Annahme als anekdotische Evidenz zurückweisen.
Darüber hinaus spielst du hier wieder Beides gegeneinander aus und unterstellst, dass es nicht gleichzeitig ginge: Schwache fördern und Starke fordern.
Außerdem: Sich im Zweifelsfall für die Schwächeren einzusetzen, weil den etwas Stärkeren eher zugetraut wird sich auch selbst helfen zu können, ist sicherlich nicht optimal, im Kontext begrenzter Ressourcen aber verständlich.

Ich glaube, Forderungen nach finanziell und personell besser ausgestatteten Schulen sind hier Konsens :slight_smile:

So lange das nicht der Fall ist, schaden wir leistungsschwachen, von Vorurteilen, Rassismus und Klassismus betroffenen und übermäßig leistungsstarken Kindern.
Lösungsansätze für den Bildungsbereich müssen all diese Probleme berücksichtigen. Ich habe das Gefühl, du fokussierst dich sehr auf die sehr Leistungsstarken und übersiehst dabei ein bisschen den Rest…

Es fällt mir außerdem schwer, deine letztendliche Position daraus abzuleiten: Bist du gegen eine Modernisierung des Schulsystems, weil du davon ausgehst, die unzureichende finanzielle und personelle Ausstattung würde die nötige Differenzierung unmöglich machen, oder bist du dafür und forderst, dass Reformen mit einer besseren Austattung einhergehen müssen?

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Klar: Der Wechsel ist für Schulen und Eltern mit organisatorischem Aufwand und für die Kinder mit einem völlig neuen sozialen Umfeld verbunden. Darüber hinaus gibt es in der Regel auch große inhaltliche Unterschiede. Auch ein sehr guter Realschüler wird während seiner Realschulzeit weniger Wissen vermittelt bekommen haben, als ein gleichaltriger guter Gymasiast. Je später der Wechsel also erfolgt, desto schwieriger.
Das ist damit gemeint, wenn gesagt wird, das System sei nicht auf einen Wechsel ausgelegt. Wenn Austausch und Wechsel im Vordergrund stehen würden, müsste man sich vielleicht auch Gedanken machen, an welcher Stelle die Aufteilung überhaupt Sinn ergibt, die ja den späteren Wechsel überhaupt erst notwendig macht.

Was hat die Ganztagsschule mit der Gliederung zu tun? Meinst du Gesamtschulen?

Die Aussage, dass eine Gruppe geschädigt würde, basiert bis jetzt ausschließlich auf deiner persönlichen Erfahrung. Die will ich dir auch gar nicht absprechen, sie ist aber nicht automatisch auch der allgmeine Normalzustand.
Unbelegt immer wieder zu behaupten, das Stärken der einen Gruppe würde der anderen schaden, spielt diese natürlich gegeneinander aus. Wie gesagt, wenn es dazu irgendwelche Untersuchungen gibt, die deine Interpretation in Bezug auf das deutsche Schulsystem belegen, würde ich meine Argumentation nochmal überdenken.

Es ist übrigens nicht so, dass das aktuelle Schulsystem die Schwächeren bevorzugt bzw sie stärkt: Im Gegenteil, die Aufteilung nach Schulformen ist eine selbsterfüllende Prophezeiung und die Intelligenz von Kindern wird an Haupt- und Realschulen deutlich schlechter gefördert als an Gymnasien (Link)!

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Wenn die Kinder - egal ob leistungsschwach oder -stark - es überhaupt bis an das Gymnasium schaffen.

Ich möchte auch noch einen anderen Aspekt erwähnen wo der Bund viel machen könnte: die eigentliche Ausgestaltung der Arbeit innerhalb des WisszeitG.

Was nämlich kaum angesprochen wird ist, dass der Bund der eigentliche Geldgeber für viele der Doktoranden ist die auf Projekten arbeiten und nicht auf ihrer eigentlichen Promotion. BMBF Förderprojekte werden nämlich typischerweise an Unis mit Doktoranden besetzt, weil Dauerpersonal faktisch schwer bis gar nicht abrechenbar ist ( bei Beamten an Unis geht man meist davon aus dass das Eh-Da Personal ist, was durch das Land bereits finanziert ist)

Wenn das BMBF also immer Geld über Förderprogramme an die Unis pumpt, dann ist das zwar toll, aber man sollte auch schauen, dass man Anreize setzt, dass das Personal hier auch wirklich drauf promovieren kann und das in die Begutachtung einfließt. Oder dass man sich bemüht wirklich die Kompatibilität von Förderung und Dauerstellen zu erhöhen.

Damit mich hier nicht als undankbares Kind in die Nesseln setze: ich bin dem BMBF auch gerade unter der jetzigen Leitung dankbar dass man uns seit 10 Jahren sehr vertrauensvoll und trotz Referats und Hausleitungswechseln unterstützt und uns immer zuhört. Ich glaube auch dass hier dem Referat sehr bewusst ist, daß es ein Personalproblem an den beteiligten Unis und Forschungsinstituten gibt. Ich glaube aber, dass man ganz abseits vom WisszeitG hier sich Gedanken machen muss wie man insbesondere den Transfergedanken in die Wirtschaft von Forschungsprojekten kompatibel mit der Promotion und dem Postdoc gestaltet, bzw. Unis wirklich belohnt wenn sie hierauf in Projektanträgen eingehen. Ich selbst schreibe da momentan meist nichts, da es auch meines Wissens auch niemand positiv bewertet. Das ist etwas anders zum Beispiel bei Exzellenzuni-Anträgen und anderen DFG Anträgen, aber BMBF, BMWK und BMVI tragen aus meiner Sicht hier eine Mitverantwortung über die allgemeine Forschungspolitik/Strategie, die meist durch befristete Wissenschaftler umgesetzt werden muss und die zumindest manchmal aus meiner Sicht inkompatible Anreize setzt. Natürlich tragen wir als Uni/Antragsteller auch eine gehörige Mitverantwortung, wenn wir der Möhre hinterherrennen ohne immer die Konsequenzen für unsere Angestellten zu bedenken.

@Daniel_K, @Margarete_Amelung, @sereksim,

vielen Dank für eure Erklärungen und teils auch sehr wertvolle Einblicke in eure Historien und Erfahrungen. Ich habe in den letzten Tagen ein wenig darüber nachgedacht und glaube euch und eure Position mittlerweile besser verstehen zu können.

Auch habe ich ein wenig recherchiert und keinerlei Studien gefunden, die Belegen, dass gemeinsames Lernen, unter der Voraussetzung guter Binnendifferenzierung(!), leistungsstärkere Schüler in ihrer Entwicklung bremst (kleine Ausnahme: bei inklusivem Lernen mit geistig eingeschränkten Schülern sind die Befunde nicht eindeutig).

Ich räume daher meine Position und bin fortan auch für eine längere Phase gemeinsamen Lernens.

Offen bleibt dann nur noch, wie deutsche Bildungseinrichtungen und Bildungsministerien den Rahmen schaffen können, damit Binnendifferenzierung erfolgreich möglich ist. Denn eins ist klar, Binnendifferenzierung ist aufwendiger als wenn ich den Unterricht nur auf ein spezifisches Leistungsperzentil abstimme.

Ich kann damit auch keinen Unterricht per Schwellendidaktik (= der erfahrene Lehrer überlegt sich erst auf der Türschwelle zum Klassenzimmer was er behandeln möchte) machen. Leider ist dieser Lehrertypus, auch wegen der hohen Arbeitsbelastung, nicht selten in Lehrerzimmern anzutreffen (und das berichteten mir vor allem Lehrer).

Mehr Lehrer backen können wir uns auf jeden Fall nicht. Mehr Geld wird auch nicht wirklich helfen. Lehrer in Deutschland verdienen im internationalen Vergleich schon sehr, sehr gut. Und ob mehr Seiten- oder Quereinsteiger eine Lösung sind, darüber kann man sich vortrefflich streiten.

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