Zum einen zählt nicht, in welcher Partei der Kandidat Mitglied ist, sondern welche ihn zur Wahl stellt, unabhängig davon, ob er nun Mitglied ist oder nicht oder ein- oder austritt. Klar könnte er sich als „Einzelkandidat“ zur Wahl stellen, aber dann steht er auf jeden Fall nicht oben, sondern ganz unten auf dem Wahlzettel, seine demente Wählerschaft findet ihn nicht, weil den Namen des örtlichen Wahlkreisabgeordneten sowieso kaum jemand kennt, usw.
Und zum zweiten gibt es einen Schutzmechanismus dagegen im Bundeswahlgesetz § 6 (1). Und zwar gilt, falls ein Einzelkandidat (oder einer von einer Partei, die an 5%-Hürde und Direktmandatsklausel scheitert) das Direktmandat gewinnt, dann zählen die Zweitstimmen all der Wähler nicht mehr, die diesen gewählt haben. Die Herleitung ist, dass deren Stimme dann ja bereits für den Proporz wirksam geworden ist, wofür ja eigentlich die Zweitstimme da ist, weil dieses Direktmandat eben nicht von irgendeiner Parteiliste abgezogen werden kann. In so einem Fall müssten also dann alle Stimmzettel noch einmal sortiert und nachgezählt und das Ergebnis im Wahlkreis entsprechend angepasst werden.
Dieses Argument kommt immer wieder, aber ich verstehe es nicht. Gibt es wirklich irgendwelche Milieus, in denen (nur) der gewählte Wahlkreisabgeordnete als Ansprechpartner wahrgenommen wird, völlig unabhängig davon, aus welcher Partei er kommt? Wenn ein AfD-Kandidat irgendwo im Osten mit 28% das Direktmandat erhält. Für wieviele 100.000 Menschen ist der dann ein valider Ansprechpartner und für wieviele nicht? Wer wendet sich denn an den örtlichen CDU-Abgeordneten, um sich für ein humanes Sterberecht oder eine Vermögenssteuer oder günstigere Mieten einzusetzen? Kann man natürlich machen, um den zu trollen, aber da wird doch nichts sinnvolles bei rauskommen.
Im Grunde ist es doch so: Je mehr Wähler den Wahlkreisabgeordneten nicht gewählt haben, umso mehr haben sowieso keinen „direkten Ansprechpartner vor Ort“. (Außer zufällig über die Liste einer anderen Partei.) Da finde ich es jetzt nicht soo unspektakulär zu sagen, wenn die Zahl derer, für die er sowieso kein Ansprechpartner ist, die Zahl seiner Wähler deutlich übersteigt, dann kann seine Legitimität als Ansprechpartner auch gleich ganz vernachlässigt werden.
Das wäre ja totaler Humbug. Welche Legitimität hätte denn jemand, der von noch weniger Leuten gewählt wurde? Was, wenn das dann einer von der AfD wäre? Oder andersrum, ein CDUler in Sachsen bekommt wegen seinem schlechten Ergebnis das Direktmandat nicht, und stattdessen erhält es der Zweitplatzierte von den Linken. Das wäre imho völlig absurd.