Da wären wir wieder beim Thema Realpolitik.
Man kann sicherlich darüber diskutieren, wer daran Schuld ist, dass die mediale Darstellung der Proteste so negativ ist. Aber wichtig ist mir letztlich das Ergebnis. Ob das Ergebnis so ist, wie es ist, weil die Springerpresse massive Propaganda betreibt und die Konservativen das Thema - ganz ihrer Natur entsprechend - bis zum letzten Tropfen ausschlachten, oder ob es so ist, weil die Aktivisten Fehler machen, ist dabei irrelevant.
Zu einer guten strategischen Planung gehört es eben, sich der Außenwirkung bewusst zu sein - und sich auch bewusst zu sein, welche gesellschaftlichen Akteure welchen Einfluss geltend machen werden, um die Außenwirkung zu beeinflussen. Wir wissen, dass es die Springerpresse gibt, die lieber progressiven Protest als konservative Umweltpolitik kritisiert, wir wissen, dass alles Rechts der Mitte keine Chance auslassen wird, den Protest zu diskreditieren.
Wenn wir durch unbedachte Aktionsformen Angriffsfläche bieten, müssen wir verstehen, welche Konsequenzen daraus erwachsen werden.
„Extinction Rebellion“ in UK haben schon angekündigt, mit diesen Protestformen vorerst aufzuhören, eben weil man der dortigen konservativen Regierung keine weiteren Vorwände liefern will, Gesetzesverschärfungen zu erlassen. In Deutschland sind wir noch nicht so weit, was vermutlich bei einer CDU-geführten Bundesregierung auch anders aussehen würde, weil man dann auch hier mit Strafverschärfungen rechnen müsste.
Ich sehe daher weiterhin die Gefahr, dass ungezielte Disruption in der aktuellen Phase des Protestes die Lage eher verschlechtert als verbessert. Wenn die absolute Mehrheit der Bevölkerung klar hinter dem Protest steht, kann man auch massiv ungezielte Disruption betreiben (wie in Frankreich z.B. mit dem Generalstreik), aber wenn die Protestform wie Umfragen zeigen in Deutschland von der großen Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt werden tut man sich damit einfach keinen Gefallen.
Ich verstehe, dass diese Protestformen zu organisieren und damit in die Medien zu kommen deutlich einfacher ist, als tausende Menschen zu motivieren, an großen Demonstrationen teilzunehmen. Diese Aktionen sind daher auch einfach ein „easy way out“, man versucht mit verhältnismäßig geringem Aufwand ein Maximum an Druck auf die Regierung auszuüben. Aber wie viel Druck durch diese Aktionen erzeugt wird hängt eben auch davon ab, inwiefern die Bevölkerung die Aktionen unterstützt.
Radikale Protestformen bei maximaler gesellschaftlicher Unterstützung bedeutet extremen Druck auf die Regierung. Radikale Protestformen bei minimaler gesellschaftlicher Unterstützung bedeutet, dass die Regierung schlicht mit Repression / Kriminalisierung auf den Protest antworten und damit jeden Druck ableiten kann.
Es ist leider so, dass für den durchschnittlichen BILD-Leser „die Klima-Kleber“ als größere Bedrohung wahrgenommen werden als die Klima-Krise. Und auf dieser Basis wird der Protest keine Früchte tragen.