Vielleicht waren Nazidemos ein schlechtes Beispiel, weil es zu viele valide, spezifische Gegenargumente zulässt. Nehmen wir mal Dinge, die nicht klar verfassungswidrig sind:
Würdest du die Aktionsformen in Ordnung finden, wenn z.B. Menschen, die generell gegen Schwangerschaftsabbrüche sind (und sich dabei auf Art. 2 Abs. 2 GG („Recht auf Leben“) und die allgemeine Menschenwürde beziehen), diese Aktionsformen anwenden würden, weil aus deren Sicht jeden Tag in Deutschland 280 „Menschen getötet“ werden, der Gesetzgeber dagegen nichts tut und deshalb ein rechtfertigender Notstand für radikale Maßnahmen besteht.
Ich würde hier ebenfalls ganz klar sagen, dass diese radikalen Aktionsformen problematisch sind, ebenso wie bei der letzten Generation (auch wenn ich das Anliegen letzterer teile und das Anliegen der Schwangerschaftsabbruchgegner ablehne!).
Natürlich sehen wir als eher progressive Menschen die Sache anders und bewerten z.B. die Rechte der Frauen, über ihren Körper zu entscheiden, höher als das Recht auf Leben des ungeborenen Lebens. Ebenso wie Konservative tendenziell dazu neigen, den Klimawandel zu verharmlosen und die Bedeutung der öffentlichen Ordnung zu überhöhen. Das sind alles Fragen der persönlichen Gewichtung.
In einer Demokratie sollte die Lösung der Klimakrise im Idealfall auf demokratischem Wege gefunden werden, daher: Wenn das Volk will, dass die Regierung stärker für Umweltschutz eintritt, muss es sich in den Parteien engagieren und dieses Ziel auf die Agenda setzen, muss es Parteien wählen, die diese Ziele ernst nehmen und - zumindest grob im Rahmen der Gesetze - durch Demonstrationen auf die Problematik aufmerksam machen (wie z.B. Fridays for Future, die zwar auch Ordnungsrecht brechen (im Hinblick auf die Schulpflicht), dies aber eben verhältnismäßig und zweckmäßig ist, um große Demonstrationen auf die Beine zu stellen…). Wenn jeder sich das Recht herausnimmt, sein Anliegen durch radikalen Protest außerparlamentarisch durchsetzen zu dürfen, wird uns das früher oder später auf die Füße fallen. Wenn wir diese Protestformen jetzt bei der Letzten Generation akzeptieren, werden auch andere diese Protestformen in Zukunft nutzen.
Ein Abweichen davon akzeptiere ich ja durchaus (siehe Anti-Castor-Proteste, APO in den 68ern usw.), aber das sollte eben die Ausnahme sein und nicht der Regelfall. Und als Bedingung für diese Ausnahme setze ich für mich, dass die Aktionsformen direkt das Ziel ihres Protestes angreifen, ohne dieses Ziel zu weit zu fassen (kurzum: Wenn man gegen Nestle protestieren will, soll man Nestle-Produktionsorte angreifen und nicht jeden Bürger, der Nestle-Produkte kauft. Wenn man gegen den Automobilverkehr protestieren will sollte man das Verkehrsministerium oder die Automobilkonzerne angreifen, nicht jeden Autofahrer…). That’s all.
Und wie oben schon gesagt sehe ich einfach die Gefahr, dass diese radikalen Proteste mehr Schaden für den Klimaschutz anrichten, als sie nutzen. Denn wie gesagt: Langfristige Änderungen können in einer Demokratie nur durch die Politik erfolgen und die richtet sich nach Wahlergebnissen. Wenn man jetzt zu viele Menschen gegen sich aufbringt und den Konservativen offene Flanken für ihren Populismus bietet, um anhand der radikalen Proteste die gesamte Klimaschutzbewegung zu diskreditieren, tun wir der Sache einfach keinen Gefallen.
Wie gesagt, ich sehe ein, dass die Klimaaktivisten - wie ihr Name schon andeutet („Letzte Generation“) - verzweifelt sind ob der massiven Folgen, die der Klimawandel haben wird. Und ich verstehe auch, dass vor diesem Hintergrund immer radikalere Protestformen erwogen und gerechtfertigt werden. Aber ich bezweifle eben, dass dieser aus der Not geborene Ansatz zu den richtigen Ergebnissen führen wird… ich sehe halt eher, wie diese radikalen Proteste die Fronten verhärten und eine klare Lagerbildung entsteht, die an das politische System der USA erinnert. Und das finde ich nicht hilfreich.