Der zentrale Unterschied ist eben die Tatsache, dass in Deutschland wirksame Demonstrationsformen (wie z.B. Fridays for Future, die einige Bewegung in der Politik erzeugt haben!) eben erlaubt sind.
Meine Meinung ist daher in dem Punkt:
Desto repressiver ein Staat ist, desto härtere Gesetzesverstöße sind zulässig. Wären (wirksame) Demonstrationen zum Klimaschutz in Deutschland nicht möglich, z.B. weil der Staat maßgebliche Verbote verfügt und repressive Bedingungen stellt (z.B. nur im Industriegebiet, wo sie niemand mitbekommt…), wären auch sehr viel radikalere Protestformen als die von „Letzte Generation“ vertretbar. In einer Diktatur sind sogar terroristische („Freiheitskämpfer“) Aktionen legitim, wenn diese nötig sind, um das repressive System zu beseitigen (Beispiel: Das Stauffenberg-Attentat) oder gewaltsame Proteste wie in Venezuela).
Das ist in Deutschland allerdings alles nicht der Fall - hier kann man wirksam demonstrieren. Juristisch betrachtet sehe ich einfach keinen Notstand, der eine Rechtfertigung für illegale Demonstrationen darstellen würde. Wären die illegalen Demonstrationsformen klar wirksam (wie z.B. die Anti-Castor-Demonstrationen, welche die Kosten der Castortransporte extrem in die Höhe getrieben und damit wirtschaftlich sinnlos gemacht haben) könnte man hier zu einer anderen Abwägung kommen, aber zu dem Ergebnis komme ich halt nicht.
Wie gesagt, es geht immer um Abwägungen. Auch du würdest doch zustimmen, dass es eine Grenze des Erlaubten gibt, daher: auch wenn du einen akuten Notstand wegen politischer Blockade notwendiger Klimaschutzmaßnahmen annimmst gibt es doch einen Punkt, an dem auch du sagen würdest: Das geht zu weit. Für dich liegt diese Grenze vermutlich bei akuten Personenschäden, für mich liegt sie schlicht eine Stufe niedriger: Wenn eine unverhältnismäßige, nicht zielgerichtete Disruption stattfindet.
Irgendwo muss halt eine Grenze gesetzt werden - und das ist halt der Punkt, an dem die Konservativen immer den unsäglichen Teufel einer neuen RAF an die Wand malen. Das ist eine Position, die ich zum Kotzen finde, aber ich kann verstehen, woher die Angst kommt. Denn wenn der Staat die aktuellen Aktionen toleriert, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie zur Normalität werden und einige Aktivisten eine Steigerung suchen könnten (z.B. einen Flughafen stürmen und das Flugfeld besetzen…). Und irgendwann würde diese Spirale sich zu weit drehen. Daher kann ich verstehen, dass man irgendwo klare Grenzen ziehen will.
Meine Position ist daher:
Ziviler Ungehorsam in Form von passiver Gewalt (z.B. die klassische Sitzblockade mit Einhaken) ist absolut legitim.
Ein Festkleben auf der Straße ist dann legitim, wenn es zielgerichtet gegen die Regierung stattfindet (z.B. vor der Einfahrt eines Ministeriums), ähnlich wie das Anketten auf den Gleisen beim Castortransport.
Versuche hingegen, das Straßennetz lahmzulegen um des Straßennetz lahmzulegens - also nicht als indirekte Folge, sondern als Absicht - gehen mir persönlich zu weit. Abseilaktionen auf der Autobahn wegen den damit verbundenen Gefahren auch…
Wie gesagt, da ziehe ich meine Grenzen - andere werden die Grenzen bei anderer Einschätzung von Nutzen und Schaden vermutlich anders ziehen, und das ist auch okay. Aber irgendwie sagt niemand außer mir, wo er seine Grenzen ziehen würde - denn diese Frage zu beantworten ist ziemlich unangenehm, weil man sich dazu im Detail mit Abwägungen beschäftigen muss.