Erst einmal: gute, hochqualitative Antwort. Stimme mit dem meisten, was sie schreiben vollkommen überein.
Konkretes Beispiel wäre hier eine eGov Software der Firma F, die meines Wissens bei Bundesbehörden Vorschrift ist und in vielen Landesverwaltungen ebenso benutzt wird. (Ab jetzt begeben wir uns ins Land der Spekulationen; ich bin kein Profi in der Materie, kann aber einen „educated guess“ abgeben):
Jede Bundesanstalt bzw. jedes Landesamt ist einzeln Kunde bei dieser Firma und wird einen Wartungsvertrag mit der Firma F abgeschlossen haben. Firma F konfiguriert bzw passt ihre Software an die Kundenwünsche an und diese läuft dann auf den Servern der Behörde und wird von Sachbearbeitern benutzt und von Admins gewartet usw.
Das ist meiner Ansicht nach der Punkt an dem Digitalisierung nicht funktioniert: Wieso ist nicht das Land Deutschland bzw die dann zuständige Behörde (nennen wir sie D für digitalisierung) exakt 1x Kunde bei Firma F? Bei Behörde D könnten dann Fachmänner für E-Akten zusammen mit Firma F die Software an die Verfahren/Bedürfnisse des jeweiligen Amtes anpassen. Ferner würde die Software auf den Servern der Behörde D liegen, da könnten sie gepflegt und gewartet werden unabhängig von den Fachverfahren. Diese werden weiterhin von den Sachbearbeitern in den Behörden bearbeitet.
Damit würden Kompetenzen gebündelt, bei Änderungen der Software bzw Anforderungen würden dies bei Fachleuten für diese techn. Vorgänge landen und nicht in div. Ämtern bei Leuten, die sowas alle Jubeljahre mal machen.
Ganz genau: Hinter den Schnittstellen kann unterschiedlich implementiert werden. Aber wieso wird dies an hunderten verschiedenen Stellen getan, die im allgemeinen nicht miteinander reden?
Wie sollen migrationsfähige Lösungen denn zusammengeführt werden, wenn niemand mitbekommt das Lösungen migrationsfähig sind?
Ein Standard ist schnell verändert, diese Veränderung ist ebenso schnell implementiert, wenn dies zentral und von Fachleuten getan werden kann. Wenn dies dezentral geschieht, dann gibt es immer 1000 Ausnahmen. Behörden, die aus irgendwelchen Gründen den alten Standard beibehalten und sei es, dass es einfach niemanden mit der Expertise in ihrem Haus gibt die die Verfahren auf den neuen Standard umzukonfigurieren können. Da helfen selbst Pflichten oder Zwang wenig weiter. Das Ergebnis ist, wenn Software/Standards/etc nicht Fachmännisch gepflegt/gewartet werden: Sie zerfallen in einen Flickenteppich aus tausenden Einzelteilen, der je mehr Zeit verstreich, desto schwieriger wieder zu einem Teil zusammenzufügen ist, bis dies schließlich unmöglich wird.
Ja, wir brauchen Standards, nicht nur bei Datenübertragung etc, sondern natürlich auch bei Diensten. Damit ist es aber noch nicht getan. Man benötigt dann ebenso eine Instanz, die diesen Standard mit leben füllt (bzw den Dienst dann zur Verfügung stellt) und auch die Kompetenz hat diesen weiterzuentwickeln und diese Änderung zentral zu implementieren. Wenn Standard A dann beispielsweise geändert wird und dieser Standard mit den weiteren Standards B,C,D Daten austauscht, müssten dann nur an 3 zentralen Stellen die Änderung des Standards A eingepflegt (und kontrolliert) werden, anstatt an tausenden (vielleicht sogar hunderttausenden)
Die E-Akte ist hier nur ein Beispiel. Wenn man dieses für alle Vorgänge die in derselben oder ähnlicher Funktion in deutschen Verwaltungen vorkommen (Authentifizierung, Signieren, Zahlen,…) durchdenkt, kommt man auf eine komplett andere Verwaltungsstruktur, die mittel- bzw langfristig nur einen Bruchteil des jetzigen Personal benötigt, anstatt wie jetzt gerade immer weiter anzuwachsen.