Mit deinem Hinweis auf die asymmetrischen Krieg hast Du mich auf einen weiteren Gedanken gebracht zur Ausgangsfrage, warum oft behauptet wird, die Ukraine könne den Krieg nicht gewinnen. Das hat mich erinnert an eine von Ulrike Guerot kürzlich gemachte Aussage (ich glaube bei Markus Lanz, das war die „ICH bin die Verhandlungslösung“-Folge), sie könne sich nicht daran erinnern, wann in den letzten Jahrzehnten jemals jemand einen Krieg gewonnen habe. Die Aussage zeugt natürlich einerseits von geradezu peinlicher Unwissenheit für eine Politikwissenschaftlerin. Die schnelle Antwort auf diese Aussage wäre gewesen: Aserbaidschan hat gegen Armenien kürzlich einen Krieg gewonnen, die Taliban in Afghanistan, Nordvietnam und der Vietcong den Vietnamkrieg (davor den Indochinakrieg), Israel gleich mehrfach (Unabhängigkeitskrieg, Sechs-Tage Krieg, Jom Kippur Krieg) und ja, die Alliierten den 2. Weltkrieg. Andererseits habe ich mir gedacht, dass diese Wahrnehmung des Phänomens Krieg vielleicht nicht (nur) mit Unwissenheit zusammenhängt sondern möglicherweise auch damit, welche Kriege bzw. welche Art von Krieg in unserer kollektiven Erfahrung als „typischer Krieg“ wahrgenommen werden.
Ein Mensch, der heute in Deutschland lebt und den 2. Weltkrieg nicht mehr miterlebt hat, der hat einerseits den Krieg nicht mehr persönlich erfahren und andererseits durch mediale Vermittlung viele Kriege wahrgenommen, die eine ganz andere Form als der typische Staatenkrieg aus der ersten Hälfte des 20. Jh. hatten. Ich denke besonders eindrücklich waren hier der Vietnam-Krieg, die verschiedenen Jugoslawien-Kriege, Besetzung des Irak, der Krieg in Afghanistan und in Syrien. Das waren allesamt Kriege, die von einer asymmetrischen Kampfweise geprägt waren, von unklaren Frontverläufen, mehreren Kriegsparteien, von Terror und Guerillakampf. Den Krieg zwischen Staaten gab es zwar auch noch, aber diese Kriege waren dann oft relativ schnell vorbei, hatten einen sehr geradlinigen Verlauf (Golfkrieg 1991, Irak 2003) oder waren geographisch begrenzt (Falkland-Krieg). Da kann man als Zeitgenosse schon den Eindruck gewinnen, dass Krieg etwas ist, das entweder als schnelle Intervention stattfindet oder als etwas, das diffus ist und lange vor sich hin gärt und ausser beständigem Schrecken keine Kriegsentscheidung für eine Seite bringt. Der Krieg in der Ukraine passt in keine dieser bekannten Kategorien. Es ist ein Kampf zwischen zwei Staaten, der mit großem Einsatz und hoher Intensität um die Existenz einer der beiden Kriegsparteien geführt wird. Und es ist ein Krieg, der nach meinem Eindruck wegen Entscheidungen auf dem Schlachtfeld schnell sich entweder in die eine oder andere Richtung entwickeln kann.
Die Berichterstattung fängt nach meinem Eindruck diesen neuen (alten) Charakter des Krieges aber nur bedingt ein. Die großen Online-Nachrichtenportale oder auch die Nachrichtensendungen konzentrieren sich sehr auf das immense Leid, das die Ukrainerinnen und Ukrainer erfähren und auf klassische politische Berichterstattung. Es ist hingegen echt schwer, aus den vereinzelten Meldungen Informationen über den aktuellen Kriegsverlauf herauszudestillieren. Wenn man sich da nicht weiter dafür interessiert, kann man schon den Eindruck bekommen, dass sich der Krieg festgefahren hat und ansonsten nur aus russischem Terror gegen die Zivilbevölkerung besteht. Wenn man diesen (m. E. verfälschten) Eindruck hat, ist es dann auch nachvollziehbar, einen Waffenstillstand zu fordern.
Kurz gesagt: Vielleicht könnte man die unausgesprochenen Prämissen hinter „die Ukraine kann nicht gewinnen“ damit erklären, dass in der Öffentlichkeit die besonderen Dynamiken des Krieges noch nicht ganz angekommen sind und immer noch der verfestigte Eindruck von anderen Kriegen das Urteil über den Ukraine-Krieg bestimmt.