LdN297 - Grüne Taxonomie und Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage

Ich arbeite in der Beratung institutioneller Investoren und habe mich auf Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage spezialisiert und würde gerne ein paar Punkte zum dem Thema der Taxonomie ergänzen:

  1. nur eine kleine Unschärfe aber vielleicht dennoch interessant: Banken spielen in der Kapitalanlage eine allenfalls untergeordnete Rolle. Somit wird sie die Taxonomie auch nicht vorrangig tangieren. Der Großteil des Kapitals wird von Asset Managern (=Vermögensverwaltern) verwaltet. Da hat besonders Blackrock mit seinen iShares ETFs die Nase vorn. Interessanterweise sind viele der anderen großen Asset Managern, sofern sie nicht unabhängig sind, die Tochterunternehmen von Versicherungskonzernen.

  2. Die Klassifizierung von Gas und Atomkraft als nachhaltig halte ich ebenfalls für falsch. Ich halte aber das mediale Echo auf diese Entscheidung für übertrieben. Zum einen ist dadurch ja kein Investor gezwungen, sein Vermögen auch in Atom und Gas zu investieren. Individuell strengere Regeln können und setzen institutionelle Investoren zum Großteil ohnehin schon um. Auch Privatinvestoren (zumindest in Deutschland) laufen keine Gefahr in diese Energieformen zu investieren. Die gängigen Industriestandards schließen Unternehmen dieser Branchen bereits seit längerer Zeit für ihre „nachhaltigen“ Produkte aus.

  3. Über den Kauf von Aktien werden die emittierenden Unternehmen nicht unterstützt. Aktien werden zu 99% am Sekundärmarkt (das heißt zwischen Investor A und Investor B) gehandelt. Die Aktiengesellschaft weiß im Zweifel gar nicht, wer aktuell ihre Aktien hält. Bei Anleihen (insbesondere Green Bonds, also Anleihen mit grüner Zweckbindung) sieht es etwas anderes aus. Da kann es in der Tat passieren, dass über französische Green Bonds auch Atomkraftwerke finanziert werden. Das Szenario ist aber eher für institutionelle Investoren interessant und diese verfolgen, wie oben bereits erwähnt, häufig eigene, strengere Regeln.

  4. Die Taxonomie fokussiert sich ausschließlich auf Ausschluss-Kriterien. Unternehmen, die nach der Taxonomie in nicht nachhaltigen Branchen aktiv sind, werden damit von Investitionen ausgeschlossen. Ob dies eine positiven Effekt auf die Nachhaltigkeit der Wirtschaft hat möchte ich stark anzweifeln. Aus meiner Sicht ist es sinnvoller auf nicht nachhaltige Unternehmen einzuwirken (Stimmrechtsausübung, fachsprachlich auch „Engagement“) und sie bei der Transformation zu unterstützen. Wenn sich in Dialogen oder Hauptversammlungen immer noch das Bild ergibt, dass ein betroffendes Unternehmen seine Tätigkeiten nicht ändern will, kann der Investor seine Position immer noch verkaufen und künftige Investitionen ausschließen.

Ich hoffe ich konnte mit meinem Beitrag eine anderen Blick auf die Thematik ermöglichen und freue mich auf den Diskurs!

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Hallo @JannSie,

ich hab mich aktuell nicht weiter mit solchen Anlagen beschäftigt und nehme daher mal deine Aussagen als richtig.

Und was ist mit Krediten, über die sich viele Unternehmen ja fortlaufend refinanzieren?

Wenn ich diese beiden Informationen mal kombiniere, dann folgt daraus, dass über die verschiedenen Versicherungen, die wir alle besitzen, „unser“ Geld also durchaus auch nach Taxonomie-Spielregeln investiert wird. Nur eben nicht direkt von uns selbst.

Und wer fragt seine Versicherung schon, wo die ihr Geld anlegt.

Ein steigender Aktienkurs ist dem Unternehmen also völlig egal, oder was willst du damit sagen?

Industriestandards? Also DIN und so was? Klingt seltsam. Hast du da Beispiele?

Ja, weil „wir“ wollen, dass sie ihre Beteiligungen an solchen Energieformen reduzieren bzw. aufgeben.

Tun wir mit der Taxonomie doch und zwar in der einzigen Sprache die kapitalistische Unternehmen wirklich verstehen: dem Kapital.

Kredite in ihrer eigentlichen Form sind nicht Teil des Kapital- sondern des Kreditmarktes. Dieser Bereich ist aber nicht primäres Ziel der Taxonomie. Eine Art (börsengehandelter) Kredit stellen Anleihen dar aber selbst bei diesen ist nicht eine Bank der Kapitalgeber, sondern eine Vielzahl von Investoren.

Genau, viele Versicherer haben heute schon Ausschlusskriterien, die sie auf ihre Kapitalanlage anwenden. Die eine Versicherung schließt dabei vielleicht auch Tabak aus der Anlage aus, die andere dafür nur Kohlestrom. Der Vorteil der Taxanomie ist höchstens eine schnellere Vergleichbarkeit. Der Lobbyverband (GdV) hat sich jetzt bspw. auf die CO2-Neutralität der Kapitalanlage bis 2050 verpflichtet.

Jein. Wenn wir Aktien zu einem erhöhten Aktienkurs kaufen, kommt das Geld dem Verkäufer (einem anderen Investor) zugute. Das Unternehmen sieht dieses Geld nicht. Unmittelbar zieht das Unternehmen keinen Vorteil aus dem Kurs. Allerdings spiegelt ein hoher Aktienkurs auch die Bewertung des Managements wieder: hoher Kurs = die Manager leisten gute Arbeit. Auch deren Vergütung richtet sich zum Teil an der Kursentwicklung. Weiterhin ist ein hoher Aktienkurs interessant, wenn ein Unternehmen neue Aktien emittieren möchte (Nennt sich dann Primärmarkt). Die Erlöse vom Verkauf fließen dann unmittelbar dem Unternehmen zu. - Es ging mir primär aber darum, dass unser Kapital beim Kauf der Aktie nicht dazu genutzt wird, um Investitionen des Unternehmens in nachhaltige Projekte zu fördern.

Da habe ich mich vielleicht missverständlich ausgedrückt, eine Art DIN gibt es nicht. Das Verbändekonzept vom Bundesverband Investment und Asset Management (BVI) ist in Deutschland sehr weit umgesetzt und schließt folgendes aus:

  • Geächtete Waffensysteme 0 %
  • Rüstungsgüter > 10 %
  • Tabakproduktion > 5 %
  • Kohle > 30 %
  • Schwere Verstöße eines Unternehmens gegen den UN Global Compact (Anm: das betrifft im wesentlichen Menschenrechte)

Wie gesagt, das Kapital aus unseren Aktieninvestitionen fließt diesen Unternehmen ohnehin nicht zu. Bei Anleihen kann es Sinn ergeben. Aber ein Beispiel möchte ich geben: Ein Ölkonzern, der die Probleme rund um die Klimakrise erkannt hat und jetzt auf erneuerbare Energie umsteigen will, würde aktuell durch die Taxanomie ausgeschlossen werden. Daher sind Ausschlüsse aus meiner Sicht nicht der einzige Weg. Über das Ausüben von Stimmrechten und der generellen Einflussnahme können Unternehmen aber auch in Richtung Nachhaltigkeit bewegt werden. Und auch da geht es letztlich ums Kapital. Der Hebel, der der Forderung Nachdruck verleiht, ist das Kapital der Investoren.

Es ging mir ja nicht darum, ob sie Teil des Kapitalmarktes sind, sondern ob solche Kredite von der EU-Taxonomie erfasst werden. Und das scheint nach diesem Artikel so zu sein:

Der Titel ist an dieser Stelle vlt. etwas irritierend, den in dem Artikel geht es speziell darum, dass Kredite an ZU KLEINE Windenergie-Projekte nicht als nachhaltige Kredite nach EU-Taxonomie gewertet werden dürfen.

Insgesamt sind Kredite von Banken an Unternehmen aber offenbar sehr wohl von der Taxonomie erfasst und dementsprechend werden nun auch Kredite an Gas- und Atom-Unternehmen als nachhaltig erfasst.

Besonders tragisch ist dabei, nach meinem Verständnis, dass beispielsweise Atomkraftwerke ja großen Betreibern gehören, die nun als nachhaltig gelten, während sehr kleine Projekt-Gesellschaften, die z.B. Windräder bauen, nicht als nachhaltig nach EU-Taxonomie gelten, weil sie eben zu klein sind.

Denn die EU bewertet Kredite nur dann als „grün“, wenn das Unternehmen mehr als 500 Angestellte hat und kapitalmarktorientiert ist, also Aktien oder Anleihen ausgibt.

Ein Schelm, wer dabei an Lobbyismus denkt.

Ja, private Kredite werden auch von der Taxonomie tangiert. Fokus liegt aber auf Kapitalmartkprodukte, allein auch deswegen, weil die Kreditwirtschaft internationalen deutlich weniger relevant ist als die Finanzierung über Anleihen. Insofern werden Kredite an Gas- und Atom-Unternehmen (unter den bestimmten Bedingungen) tatsächlich als nachhaltig erfasst.

Sehe ich auch kritisch. Der Gedanke war aus meiner Sicht aber zunächst, dass man kleinen Unternehmen nicht die Bürde der neuen Reportinganforderungen zumuten wollte. Dass es nun aber im Ergebnis zu diesem Problem führt ist nicht zielführend.

Ich will die Taxonomie auch keinesfalls in allen Punkten verteidigen. Da gibt es sehr wohl inhärente Schwächen. Ich halte nur die sehr negative Darstellung für etwas überzogen.

Du erklärst das später nochmal mit dem Beispiel einer Erdölfirma die in Renewables gehen will. Wir arbeiten in unserem Konzern mit einer der ganz großen Unternehmensberatungen zusammen. Die haben das anders beschrieben. Ich würde mich freuen wenn du das folgende mit deiner Einschätzung abgleichst.

  • kleine Unternehmen sind nicht ausgeschlossen, sonder die Grenze beschreibt ab wann Unternehmen melden müssen, bzw. die Daten im Wirtschaftsbericht enthalten sind und geprüft werden.
  • es gibt keine Ausschlusskriterien, sondern Wirtschaftsaktivitäten, die in zweiten Prüfstufe Kriterien entsprechen müssen
  • deshalb kann das Erdölunternehmen auch als grün eingestuft werden, nämlich genau mit dem TNS für die Renewables

Das mit dem Gas und dem Atom halte ich schon für krass. Unternehmen die Energiespartechnologie für die Industrie herstellen gelten z.B. nicht als grün. Gazprom aber schon. Und am Ende ist das ja nix anderes als ein Rating oder? Invest wir damit zu Gazprom gelenkt und wer z.B. als Zulieferer keine
Endprodukte liefert hat eh Pech.

Ich möchte noch ergänzen, dass die Taxonomie für viele Industrien einen gigantischen bürokratischen Aufwand erzeugt. Für große Unternehmen geht das nach meiner Einschätzung schnell in einen zweistelligen Millionenbetrag

Die Einschätzung teile ich. Einziger Punkt könnte sein, dass kleine Unternehmen nicht als nachhaltig gelten, weil sie eben nicht reporten. Damit fallen sie ein Stück weit aus dem Raster und werden unter Umständen nicht gelabelt.

Das stimmt grundsätzlich, ich habe das bisher nur aus der Kapitalmarkt-Seite beschrieben. Es gibt derzeit sechs definierte Umweltziele, wovon 1) Eindämmung des Klimawandels und 2) Anpassung an den Klimawandel bisher scharf geschaltet sind. Wenn ein Unternehmen mindestens eins dieser Ziele fördert (die technische Ebene wird dann komplexer) und gleichzeitig keines der anderen Ziele substanziell behindert (DNSH) klassifiziert es unter nachhaltige Wirtschaftstätigkeit. In der Tat kann ein Ölkonzern der in Renewables investiert diesen Anteil als taxonomie-konform angeben. Ich kam bei meiner Beschreibung eher aus der Kapitalanlage-Sicht. Ein Ölkonzern wird seine Tätigkeit i.d.R. nur langsam umschichten und wird daher weiterhin den Großteil seiner Umsätze durch nicht taxonomie-konforme Wirtschaftstätigkeiten erwirtschaften. Es gilt damit als Ganzes als nicht nachhaltig und ist in nachhaltigen (Aktien)-Indizes nicht enthalten, wird also ausgeschlossen. Das Unternehmen mag dann bspw. bei 90% seiner Investitionsausgaben taxonomie-konform sein, das (für den Kapitalmarkt) meistens maßgebliche Kriterium des Umsatzanteils in nicht-konforme Aktivitäten führt aber in der Praxis zu einem Ausschluss.

Das wäre hochinteressant aber wenig nachvollziehbar. Das würde ja bedeuten, dass ein Unternehmen welches nur Bahntechnik liefert und egal welche grün ist. Eines welches zusätzlich z.B. Energiesparende Technik in Traktoren liefert ausgeschlossen.
Vermutlich ist es das beste wir setzen auf deine Einschätzung, dass es ohnehin irrelevant ist, die Taxonomie