Hallo Ulf, hallo Philip,
herzlichen Dank für euren Beitrag zum Streik in NRW.
Ich habe. mir das gern angehört und freue mich, dass das Thema nun auch so eine Bühne bekommt.
Allerdings sind euch in der Berichterstattung einige Fehler unterlaufen, die ihr richtigstellen solltet, denn da ging einiges etwas durcheinander.
Die Zusammenhänge, dass sie einen Tarifvertrag Entlastung fordern, weil nicht genug Personal da ist, sind richtig. Ihr habt dann auch kurz angerissen, wieviel Pflegende für wieviel Patient:innen zuständig sind. Und hier geht es dann los: Versäumnis der Politik ist, dass es im Krankenhaus kein Personalbemessungsinstrument gibt. Also man kann nicht fix sagen, wieviel Pflegende bei welchen Pflegebedarf der Patient:innen vor Ort sein müssen. Spahn hat das mit der PpUgV zumindest geregelt, dass eine Untergrenze für bestimmte Bereiche gilt. Die werden mal mehr mal weniger eingehalten, aber: zumindest ist die Untergrenze mal festgelegt. Das hat zur Folge, dass Krankenhäuser sich an dieser Grenze orientiert haben. 2019 kam dann das PpSG, das Pflegepersonalstärkungsgesetz. Das hat gemacht, dass die Personalkosten der Pflege aus der Berechnung der DRGs herausgenommen wurden. Damit war es Krankenhäusern nun erlaubt, ein Pflegebudget zu führen, woraus Personal unabhängig der DRGs bezahlt werden können. Es gab für Krankenhäuser also auch keinen Grund mehr, Personal in der Pflege einzusparen. Die Politik hat Anreize geschaffen. Das haben Krankenhäuser allerdings zum Anlass genommen, um woanders Personal einzusparen, denn das Pflegepersonal wurde so refinanziert und man hat also pflegefremde Tätigkeiten in die Pflege integriert (das haben nicht alle Häuser gemacht, also Vorsicht!) und woanders das Personal eingespart.
Und hier seid ihr nun in eine Falle gelaufen, denn der O-Ton ist von einer Ärztin, die von den DRGs spricht. Die setzt sich aus verschiedenen Faktoren zusammen und mündet in einem Entgelt für die jeweilige Behandlung/Prozedur (OPS nicht vergessen!). Also ist, wie ihr sagt, festgelegt, was ein Krankenhaus mit einer Prozedur (also Blinddarm-OP) verdient. Und das habt ihr mit den finanziellen Aspekten der Krankenhäuser zusammengebracht, das ist aber nicht richtig gewesen. Denn: Es wird ja nicht nur die Blinddarm-OP abgerechnet, sondern auch diverse Nebendiagnosen und auch ganz viele andere Prozeduren. Und wenn es während des Aufenthalts zu Problemen kommt, gibts eine neue Diagnose, die dann auch den Aufenthalt verlängern und das Entgelt erhöhen kann. Dazu gehören auch Dinge wie z.B. eine Schmerzbehandlung.
Die Pflege ist aber gar nicht in diesem Fallpauschalen-System integriert, damit ist der primäre Zusammenhang zwischen den Erlösen und den Personalkosten nur halb richtig. Ihr habt nämlich Medizin und Pflege in einen Topf geworfen, denn die DRGs setzen sich zu einem sehr großen Teil aus medizinischen Leistungen zusammen. Es gibt auch pflegerelevante Nebendiagnosen, die mit ermittelt und abgerechnet werden können. Nicht alle Häuser haben das auf dem Schirm und hier muss man spätestens die Frage stellen: Wenn Pflegende an den Erlösen der Häuser teil haben, fließen die Gelder dann auch in die Berufsgruppe oder wo fließen sie hin?
Hinzu kommt, dass Dinge abgerechnet werden, die von der Pflege erbracht werden aber medizinische Hintergründe haben. Schmerzscores ermitteln muss bei bestimmten Diagnosen gemacht werden, weil sonst der Fall nicht abgerechnet werden kann. Das macht die Pflege und nicht der Arzt (außer bei Privatpatient:innen, weil hier der Arztkontakt extra abgerechnet werden kann). Oder es fehlt mal ein Handzeichen der Pflege in der Akte. Da kann so ein Handzeichen auch mal gern 3.000€ wert sein.
Ihr habt es so dargestellt, als hätten es die Krankenhäuser schwer, ihr Personal zu bezahlen. Man müsste dazu mal schauen, wieviel Häuser defizitär sind. Wir haben nahezu 2.000 Krankenhäuser (Niederlande ca. 90). Vermutlich werden sehr viele Häuser im privaten Bereich Gewinne machen und hier darf man nun die Frage stellen: wenn die Gewinne machen, warum stellen sie dann nicht mehr Pflegepersonal ein?
Naja, weil Pflege eben als Kostenfaktor gesehen wird und nicht verstanden wird, dass ein Haus ohne Pflege nicht funktioniert. Deswegen werden für Stellenanzeigen auch 4.000€ in Fachzeitschriften ausgegeben und horrende Boni für weitere Rekrutierungen gezahlt. Anstelle aber die Arbeitsbedingungen zu verbessern, wird nur blind akquiriert und sich gewundert, warum das Personal wieder geht. Eben weil keine Maßzahl der Personalbemessung da ist, wieviel Personal vorgehalten werden muss. Das fehlt. In anderen Ländern sind das Gesetze.
Das Thema ist extrem komplex und ich habe nur einen Bruchteil von dem erklärt, was eigentlich abgeht.
Wenn euch das wirklich interessiert, dann lege ich euch unsere Podcast-Folge mit Notruf-NRW ans Herz, da werden Einblicke gegeben: ÜG094 – Pflege streikt! (Paula Klaan) – Übergabe Podcasts
Liebe Grüße,
Christian (Pflegewissenschaftler)