Ja, weil wir in diesem einen Bereich leider nicht anders können, ohne uns mehr zu schaden als Russland. Aber gib uns mal 5 Jahre Zeit, um alternative Energielieferanten aufzutreiben, um russisches Gas und Öl zu ersetzen, die regenerative Erzeugung voranzutreiben usw. - dann sieht das anders aus. Die Situation nach einer langen Vorlaufzeit, um Abhängigkeiten zu reduzieren, kann man nicht vergleichen mit der jetzt, in der wir in wirtschaftlichen Zwängen stecken, die sich nicht per Fingerschnipp ändern lassen.
Warum sollten wir also, wenn wir erst andere Optionen haben, weiterhin die enorme Abhängigkeit von russischen Lieferungen aufrecht erhalten - von einem Land, das jetzt bewiesen hat, was man von ihm bzw. besser gesagt seinem autokratischen Herrscher halten darf? Es wäre Unsinn, das zu tun. Selbst wenn Putin jetzt einen Komplettrückzug machen würde, wäre es geradezu dämlich, diese Abhängigkeiten NICHT aufzulösen. Und das macht die Öl- und Gaslieferungen zu nem verhältnismäßig stumpfen Druckmittel: langfristig sind die eh Geschichte, egal was Putin tut, es geht also allerhöchstens um kurzfristige Effekte, und die sind für Putin nur sehr begrenzt relevant, weil er das Geld für diese Lieferungen nicht für seine aktuelle Kriegsführung braucht.
Das sieht übrigens bei den meisten anderen Wirtschaftssanktionen anders aus, da geht es eher nicht um Abhängigkeiten unsererseits, die wir uns langfristig nicht mehr leisten könnten. Wir sind in keinem anderen wirtschaftlichen Bereich so sehr von Russland abhängig wie bei der Energie und hätten daher auch weit weniger ein Problem, nach Ende des Krieges in gewissen Bereichen wieder wirtschaftliche Aktivitäten mit Russland zuzulassen - je nach Art des Endes vermutlich schneller oder eher weniger schnell. Zum politischen Problem wird das nur, wenn daraus eine Abhängigkeit erwächst, wie das bei der Energie eben gerade der Fall ist. Deswegen ist die langfristige Perspektive auf eine Wiederbelebung der internationalen wirtschaftlichen Aktivitäten in vielen anderen Bereichen deutlich besser (aus Sicht Russlands, meine ich) als im Bereich „Energielieferungen für die EU“, und weil das so ist, erzeugt das In-Aussicht-Stellen einer Lockerung solcher Sanktionen auch mehr Begehrlichkeiten auf der Gegenseite.
Ja, hat er. Aber was hat das damit zu tun, ob Putin sich wohl drüber freuen würde, wenn Europa sich selbst mehr schadet als ihm - was meine Prämisse war, die du widerlegen wolltest?
Ja, tut es. Aber die Energie ist da nebensächlich; von den Erlösen daraus haben bestenfalls ein paar Oligarchen was, das breite Volk bekommt davon doch nix ab. Die von dir genannten „McDonalds und IKEA“ sind bessere Beispiele; ebenso der praktisch gerade stattfindende Zusammenbruch des russischen Finanzsystems und der internationalen Beziehungen; beides direkte Folge der Sanktionen, und beides hochgradig nachteilig für die Bevölkerung, die alle Bankkonten haben und gewohnt waren, international reisen, shoppen und Dienstleistungen nutzen zu können.
Mag ja sein, aber auch hier: was hat das damit zu tun, ob Putin sich freuen würde, wenn Europa sich selbst mehr schadet als ihm?