LdN252 Afghanische Armee

Liebes Lage-Team,

ich hätte eine kleine Anmerkung zur aktuellen Folge: Ich finde es sehr schade, dass die Gründe, warum die afghanische Armee nicht gekämpft hat, sehr undifferenziert dargestellt wurden. Ich empfehle dazu, sich den Presseclub im WDR vom 22.8. anzuschauen, die Journalistin Waslat Hasrat-Nazimi hat dazu einige sehr spannende Dinge gesagt. Denn sonst entsteht der Eindruck, dass die Afghanen einfach keine Lust hatten, für sich zu kämpfen, was nicht der Fall war.
Außerdem hätte ich mir gewünscht, dass man in diesem Kontext vielleicht auch afghanische Stimmen aus der Diaspora zu Wort kommen lässt (z.B. Waslat Hasrat-Nazimi, Moshtari Hilal oder Emran Feroz).

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Wie ich in einem anderen Beitrag schon schrieb, halte ich das Gegenteil für problematisch. Also dass tatsächlich in unseren Medien eigentlich nur diejenigen Afghanen zu Wort kommen, die für den Westen und gegen die Taliban kämpfen, während so getan wird, als stünden diese Afghanen quasi für das ganze afghanische Volk.

Hier kann ich die heutige Ausgabe des Deutschlandfunk-Podcasts „Der Tag“ empfehlen („Welchen Rückhalt haben die Taliban“). Ich (und scheinbar auch andere) hatten die Redaktion angeschrieben und gebeten, mal in die Richtung zu recherchieren, welche Unterstützung die Taliban in der afghanischen Bevölkerung haben und ob die schnelle Kapitulation der afghanischen Armee vielleicht auch damit zusammenhängt. Es war erfrischend, in diesem Zusammenhang dann auch mal die andere Seite der Medaille zu hören, indem die Vor-Ort-Reporterin eben sagte, dass natürlich niemand mit Sicherheit sagen kann, welche Bevölkerungsteile auf welcher Seite stehen, ihr aber eben durchaus auch zahlreiche Fälle bekannt sind, in denen die Bevölkerung mehr oder weniger klar zu verstehen gegeben hat, dass man froh ist, wenn „die westliche Besatzung“ endlich endet, damit „wieder Recht und Ordnung“ einkehrt (womit die Taliban und die Sharia gemeint waren…). Daher: Es gab definitiv, vor allem im ländlichen Bereich, viele Menschen, die nur auf das Ende der Besatzung gewartet haben, um dann die Taliban zu unterstützen… und vermutlich gab es diese Leute auch in der afghanischen Armee, die massive Probleme hatte, überhaupt ihre Reihen zu füllen.

Wir dürfen nicht den naiven Fehler machen, zu glauben, dass jeder Mensch von Natur aus Demokratie und Rechtstaatlichkeit will. Menschen, die unter dem Taliban-Terrorregime aufgewachsen und in dessen Sinne sozialisiert worden sind (und das trifft auf jeden über-30-jährigen in Afghanistan zu…) wollen leider oft zurück zu dem, was sie kennen. Und wenn jemand einem jungen Mädchen von Kindesbeinen einredet, dass Gott will, dass sie eine Burka trägt und „ihrem Mann dient“, entsteht daraus leider auch eine Generation Frauen, die diese Unterdrückung tatsächlich für „Gottes Willen“ hält und die westliche Lebensart für „gottlos“ hält. Das ist für uns schwer zu verstehen, aber gerade Religion ist eben nicht rational…

Der Hauptgrund, warum die Afghanische Armee so schnell kollabiert ist, ist vermutlich schlicht, dass die Loyalitäten der Armeeangehörigen in alle möglichen Richtungen gingen. Es gab sicherlich pro-westlich eingestellte Soldaten, aber eben auch solche, die nur auf die Rückkehr der Taliban gewartet haben. Die Taliban hingegen hatten diesen Problem nicht - da wusste jeder, dass sein Nebenmann die gleichen menschenverachtenden Ideale vertritt.

Das Resultat war eben, dass wenn die entschlossenen Taliban kamen, die unentschlossene afghanische Armee direkt in mehrere Lager zerfallen ist. Einige wollten sich sofort den Taliban anschließen, anderen haben die Hoffnung ob des Abzugs des Westens verloren und sind desertiert, wieder andere hätten gerne gekämpft, aber denen war halt auch klar, dass sie dann möglicherweise von den eigenen Kameraden erschossen werden. Also ist das passiert, was in solchen Situationen passieren muss: Ein Teil desertiert, ein Teil läuft über… aber keiner wirft sein Leben sinnlos weg. Und das haben wir wieder und wieder gesehen.

Kurzum:
Ja, wir wollen glauben, dass „die Afghanen“ alle Demokratie wollen und nur eine kleine radikale Minderheit („die Taliban“) dagegen sind. Aber nur weil wir das glauben wollen wird daraus leider keine Realität.

Mich erinnert das Ganze übrigens immer an die „Invasion der Schweinebucht“ durch die USA. Da hat man exakt die gleichen Fehler gemacht, indem man davon ausging, dass wenn man eine Invasion durch Exil-Kubaner unterstützt, die kubanische Bevölkerung beim Ausbruch des Krieges sofort auf den Seiten der Exil-Kubaner wäre und das Castro-Regime stürzen würde. Denn jeder will natürlich Freiheit…

Warum glaubte man das? Weil man es glauben wollte. Die Exilkubaner haben der amerikanischen Regierung immer wieder versichert, die Mehrheit der Kubaner wolle „Freiheit“ und sei gegen das Castro-Regime - und was die kubanische Bevölkerung wirklich will wusste keiner (genau so wie in Afghanistan). Als die Invasion dann losging musste man feststellen, dass die Grundannahme falsch war - die Kubaner waren eben nicht mehrheitlich gegen das Castro-Regime, es kam nicht zu einem Aufstand der innerkubanischen Opposition gegen die Regierung und die Invasion wurde sehr schnell niedergeschlagen.

Wir müssen aufhören, anzunehmen, dass jeder Mensch unabhängig seiner eigenen Sozialisation das gleichen wollen würde, was wir wollen. Ein Militäreinsatz darf nicht auf Annahmen aufbauen, die reines Wunschdenken sind. Und wenn man ein Land 20 Jahre lang besetzt sollte man sich wirklich mal die Mühe machen, zu erforschen, wie die Bevölkerung tatsächlich tickt - und zwar auch und vor allem der Teil der Bevölkerung, der den Westen nicht aktiv unterstützt…

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Ich verstehe diese Argumentation durchaus, da ich aber selbst der afghanischen Diaspora angehöre, glaube ich zu wissen, dass ein Großteil der afghanischen Bevölkerung den Taliban gegenüber durchaus kritisch eingestellt ist, zumindest den Berichten nach zu urteilen, die ich gelesen und gehört habe.
Zum Versagen der afghanischen Armee gehört eben auch dazu, dass die durch die NATO-Staaten eingesetzte Regierung überaus korrupt war und deswegen die Loyalitäten einfach nicht gegeben waren. Durch die Korruption wurden viele Soldaten schon seit Monaten nicht mehr bezahlt und hungerten zum Teil sogar. Außerdem wurden viele Einheiten, die kampfbereit waren, sogar von höherrangigen Offizieren angewiesen, nicht zu kämpfen und den Taliban die Gebiete zu überlassen, was den schnellen Fall des Landes erklärt.

Auch das Argument, dass die afghanische Armee im Gegensatz zu den Taliban eine Luftwaffe besitzt, sehe ich oft. Dazu muss jedoch auch gesagt werden, dass diese Luftwaffe von den Amerikanern verwaltet und gewartet wurde. Beim Abzug der USA wurde auch dieses Wartungspersonal abgezogen.
Zudem ist die afghanische Armee auch weitaus nicht so zahlenmäßig überlegen, wie immer gesagt wird. Statt einer 300.000 Mann starken Armee waren wohl nur 95.000 Soldaten einsatzbereit.

Die Taliban konnten sich zusätzlich zu den Waffen, die sie durch Pakistan bekommen hatten, auch noch viele der zurückgelassenen Waffen zu eigen machen, da viele NATO-Einheiten quasi über Nacht abzogen, ohne die afghanische Armee zu informieren, die diese Stützpunkte dann natürlich nicht ausreichend halten konnten.

Zu Ihrem Punkt, dass besonders die jüngere Generation ja nichts anderes kennt und daher den Taliban nicht abgeneigt ist: Das ist schlichtweg falsch, vor allem in den städtischen Regionen. Viele junge Menschen, besonders Frauen, hatten in den letzten Jahren Hoffnung gehabt, dass sich alles zum besseren wenden könnte. Diese Generation waren diejenigen, die Bildung erhielten und die das Land zu einem besseren aufbauen wollten. Das heißt jedoch nicht, dass sie zwangsweise eine Demokratie nach westlichem Vorbild aufbauen wollten. Das heißt aber auch nicht, dass sie die Taliban unterstützten. Fast alle Afghanen, ob in der Diaspora oder in Afghanistan selbst, haben am 15.8. ihr Land und damit auch ihre Hoffnung verloren, weil all das, was in den letzten 20 Jahren positives erreicht wurde, nun leider Geschichte ist.

Naja, die Frage ist:
Wie viel Einblick hattest du als jemand, der dem progressiven Lager zugerechnet werden kann, wirklich in die eher konservativen Bereiche der Gesellschaft?

Also ginge ich nur nach meinem Freundes- und Bekanntenkreis würde ich auch annehmen, dass die AfD in Deutschland keine 3% der Stimmen bekommt. Durch die relativ umfangreiche innerdeutsche Berichterstattung weiß ich natürlich, dass meine Filterblase keine Aussage auf den Rest der Bevölkerung zulässt. Die Frage ist: Ist das in Afghanistan auch so?

Da sind wir wieder beim Problem, dass einige diese höherrangigen, oft alten und konservativen Offiziere vermutlich Sympathien für die Taliban haben. Soldaten sind tendenziell eher werte-konservativ, das ist in Afghanistan nicht anders. Das gilt umso mehr für alte, höherrangige Soldaten.

Das mag an der Sprachbarriere liegen, aber ich habe tatsächlich das Gegenteil gesagt: Es ist vor allem die ältere Generation, die unter den Taliban großgeworden ist, die meiner Einschätzung nach oft sehr konservativ ist und in einem Anfall von Nostalgie die alten Zeiten zurückhaben wollen.

Die Jugend, vor allem in den Städten, schätze ich sehr gemischt ein. Selbst Jugendliche aus sehr konservativen Elternhäusern konnten unter dem Schutz der Westtruppen gegen ihre Eltern rebellieren (was unter den Taliban undenkbar ist), daher glaube ich durchaus, dass die städtische Jugend in Afghanistan möglicherweise sogar mehrheitlich pro-westlich eingestellt ist.

Aber genau so bin ich mir ziemlich sicher, dass die dörfliche Bevölkerung (oft auch die dörfliche Jugend…) allem „Neuen“ gegenüber ausgesprochen verschlossen ist. Das ist ein Problem, dass wir selbst in der westlichen Welt überall haben (also dass die Dörfer was den sozialen Wandel angeht gerne 20 Jahre hinterherhinken…) und es gibt keinen Grund, dass das in Afghanistan anders sein sollte.

Das ist wahr - es wird in Afghanistan, ähnlich wie in jedem anderen Land auch - eine sehr große „unpolitische“ Bevölkerungsschicht geben, die sich schlicht mit dem arrangiert, der gerade an der Macht ist.

Ich möchte halt nur darauf hinweisen, dass die Sichtweise, nach der „die Taliban“ und „die Afghanen“ zwei sich gegenseitig ausschließende Entitäten sind, der „Unterdrücker“ und „die Unterdrückten“, an der Komplexität der Realität scheitert. Wie viele Menschen in Afghanistan wirklich die Taliban unterstützen und wie viele wirklich die westlichen Ideale von Demokratie und Rechtstaatlichkeit unterstützen, ist leider die letzten 20 Jahre, als man es hätte tun können, nicht erforscht worden. Das ist mein zentraler Kritikpunkt. Wir haben quasi einen Krieg für ein Volk geführt, dabei dieses Volk aber nie wirklich gefragt, ob es das überhaupt will. Und sowas sollten wir in der Zukunft in jedem Fall verhindern.

Nebenbei ist die große Frage ja immer, wie es nun weitergehen soll.

Die Taliban (und die Teile der Gesellschaft, die sie unterstützen) werden ihre Schreckensherrschaft vermutlich wieder ausbauen und verhindern, dass es eine wirksame Opposition oder sozialen Fortschritt geben kann. Die einzige Lösung, da ein Krieg eben keine Lösung ist, ist hier meines Erachtens, all denjenigen Afghanen, die nach westlichem Vorbild leben wollen, Asyl anzubieten. Das ist natürlich auch keine super-befriedigende Lösung, weil das natürlich bedeutet, dass die progressiven Kräfte Afghanistan verlassen und damit gar kein Widerstand mehr gegen die Taliban verbleibt, aber das ist letztlich die einzig realistische Lösung - also die Leute, die nicht in steinzeitlichen Verhältnissen leben wollen, aufzunehmen, und diejenigen, die Bock auf Steinzeit haben, ihren Steinzeit-Paradis-Gottesstaat machen zu lassen…

Was gibt es sonst für Optionen?

Ein Gutteil der Afghanen erzielt ein Einkommen unter 2 US$ Kaufkraftparität. Das ist extreme Armut, in der lebend man andere Sorgen hat, als die Frage, welches Gesellschaftsmodell zu bevorzugen ist.

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Exakt das ist das Problem.
Der Wiederaufbau Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg - und das habe ich auch schon in anderen Kontexten gesagt - hat gezeigt, wie es funktionieren kann, eine Gesellschaft langfristig friedlich wieder aufzubauen: Es beginnt mit dem Wohlstand.

So lange z.B. die Menschen im Gaza-Streifen eine so viel schlechtere Lebensqualität haben als die Menschen in Israel, ist es völlig aussichtslos, davon auszugehen, dass fundamentalistisch-religiöse Spinner wie die Hamas an Einfluss verlieren. Exakt das gleiche gilt für Afghanistan.

Nichts macht es religiösen Fanatikern leichter, Nachwuchs zu rekrutieren, als Armut und Hoffnungslosigkeit - denn die Schuld daran lässt sich super gegen "den Feind"™ instrumentalisieren. Und was der durchschnittliche Afghane denkt, wenn er realisiert, dass die US-Armee-Patrouille, die gerade durch sein Dorf zieht, zehnmal so viel Wert ist (rein materiell betrachtet) als das gesamte Dorf zusammen, kann sich da sehr leicht Neid bilden kann. Nach dem Motto: „Mit dem Geldwert, den einer eurer Panzer wert ist, könnte man alle hungernden Kinder in Afghanistan für mehrere Monate füttern“. Es muss sich schon merkwürdig anfühlen, zu wissen, dass jeder US-Soldat im Feldlazarett eine vielfach bessere Behandlung bekommt als ein Afghane im Krankenhaus - wenn er dort überhaupt lebendig ankommt - jemals erwarten könnte.

Armut an sich ist schon ein Problem, aber wenn Armut auf Reichtum trifft, wird es halt richtig ekelig. Die Herzen der Bevölkerung gewinnt man, indem man dafür sorgt, dass die Bevölkerung am Reichtum der westlichen Welt teilhaben kann - nicht, indem man den Reichtum der westlichen Welt in Form von Panzern und anderem teuren Kriegsgerät durch’s Dorf-Ghetto fährt…

Kurzum: Wollte man Afghanistan wirklich demokratisieren, hätte man hier in den 20 Jahren der Besatzung mit vielen, vielen Billionen Dollar dafür sorgen müssen, dass der Lebensstandard in Afghanistan sich dem in Europa annähert, daher die Infrastruktur, das Gesundheitssystem, das Sozialsystem usw. komplett modernisieren. Halt so ein richtiger Marshall-Plan. Aber so sehr wollte der Westen dann halt doch keine Demokratie am Hindukusch…