LdN223 digitale Herausforderungen in Deutschland

Lieber Ulf & Philipp,
einerseits habt Ihr Recht mit der Aussage, dass auf vielen Ebenen der Digitalisierung Fehler gemacht wurden und es nicht um’s Rechthaben geht aber der Zustand hat sich Innerhalb eines Dreivierteljahres nicht signifikant verändert. Dazu mal zwei Beispiele, die den Zustand in Deutschland glaube ich ganz gut widerspiegeln – eines aus der Wirtschaft, eines aus dem Schulbetrieb:

  1. Beispiel:
    Realität in einem 650-Mann-Betrieb, der zu einem großen deutschen Konzern gehört, der aus der Stahlbranche hervorgegangen ist und früher mal auch Aufzüge und Fahrtreppen gebaut hat.
    Ich arbeite seit nunmehr fünf Jahren immer montags im Homeoffice. Von März bis September letzten Jahres zu nahezu 100%, jetzt in der Regel nur montags in freitags. Die ersten vier Jahre wurde mein ständiges Meckern über den zu langsamen VPN-Zugang immer überhört, denn ich war ja nur einer von wenigen, die dieses Privileg des von-zuhause-Arbeitens genutzt haben. Wie ich in dieser Woche aus zuverlässiger Quelle unseres Maschinenraums erfahren habe arbeiteten vor Corona etwa 70 Leute mehr oder weniger regelmäßig und zeitgleich über VPN. Meist waren dies Mitarbeiter auf irgendwelchen Baustellen, die über die Welt verteilt liegen. Seit Corona sind es ca. 300, Tendenz steigend. Die verfügbare Brutto-Bandbreite für diesen Zugang beträgt 100 MBit/s symmetrisch - in Worten: Hundert! Dies sind 0,33 MBit/s oder auch 41 kBit/s. Es handelt sich dabei über einen Bruttowert, denn die Daten werden auf dem Weg durch das VPN ja auch noch verschlüsselt, so dass in Realität vermutlich deutlich unter 33,6 kBit/s übrig bleiben. Jeder Mitarbeiter ist somit in etwa mit Faxgeschwindigkeit an die Firma angebunden – ganz egal, ob er nun ein CAD-System, SAP oder Office bedient. Der Konzern hat es innerhalb eines Dreivierteljahres nicht hinbekommen hier einen schnelleren Zugang zu realisieren.

  2. Beispiel:
    Realität im Bremer Schulalltag. Zwar wurde Bremen ausnahmsweise mal im bundesweiten Vergleich ein gutes Zeugnis ausgestellt, was die Digitalisierung angeht (https://www.zeit.de/2020/53/fernunterricht-bremen-corona-schule-digitalisierung-bildung), jedoch sieht die Realität leider nicht immer ganz so gut aus, wie beschrieben.
    Unsere 569.000 Einwohner-Stadt hat frühzeitig die norwegische Software its-learning lizensiert. Diese beinhaltet auch ein Office365, welches im Webbrowser läuft. Das System ist ganz ok, jedoch wurde aus Kostengründen die Lizenz für Zugänge der Eltern, um zumindest den Abarbeitungsfortschritt oder die Rückmeldung/Kommunikation mit Lehrern zu ermöglichen nicht gekauft. Ich frage mich auch weshalb die Bundesregierung nicht ein deutschlandweites Schulsystem auf Open Source Basis in Auftrag gegeben hat. Jedes Bundesland hätte dann Föderalismus-konform die Möglichkeit seinen eigenen „Flavour“ hinzuzuprogrammieren und gute Umsetzungen einzelner Bundesländer stünden dann allen zur Verfügung.
    Im ersten Lockdown im März gingen natürlich die Server komplett in die Knie und die SuS konnten nicht auf die Plattform zugreifen. Ok, kann passieren aber man wußte ja vorher wie viele es waren. Leider wurde offensichtlich in einem Dreivierteljahr nicht viel hinzugelernt, denn in den letzen zwei Wochen vor Weihnachten war wieder Distanzunterricht angesagt und das Phänomen der überlasteten Server trat erneut auf.
    Für Schüler und Lehrer wurden im Land Bremen insgesamt 100.000 iPads von Apple gekauft. Außerdem für die Klassenräume mit Beamer AppleTV’s. Das ist alles schon mal ganz gut. Der Großteil der iPads ist seit Sommer verfügbar – die Geräte wurden zunächst nicht ausgeliefert, da erst das Lehrpersonal sich über die Ferien damit befassen sollte. Danach wurden sie nicht ausgeliefert, da die Schutzhüllen mit Tastatur nicht geliefert werden konnten. Dies ist für viele Geräte nach wie vor der Fall und die von der Bildungssenatoren zitierte Auslieferungsquote von 99% ist nicht nachvollziehbar, da in meinem persönlichen Umfeld viele Kinder noch kein Gerät erhalten haben. Meine beiden Kinder (4. und 7. Klasse) haben ebenfalls noch kein Gerät erhalten. Der Lockdown wurde nun auf den 31. Januar verlängert und zum Glück verfüge ich in unserem Haushalt um ausreichend Endgeräte die Schulalltag zu meistern.
    Ich bin schon gespannt was das WLAN an den einzelnen Schulen sagt, wenn sich komplette Klassenverbände bei Präsenzunterricht mit ihren Geräten anmelden. Die Internetanschlüsse sind sicherlich vorausschauend darauf ausgelegt - NICHT!

Mein Fazit:

Ich finde das alles ein Trauerspiel. Deutschland war in den 70er und 80er Jahren führend in vielen Bereichen. Langsam aber sicher geht es bergab, denn insbesondere Bildung ist die Altersversorgung eines Landes. Zur Rettung der Lufthansa und TUI werden Milliarden Euro in die Hand genommen, die Verbrenner-Industrie wurde jahrelang mit Kaufprämien für Steinzeittechnologie gepampert und nun rangieren wir was Digitalisierung angeht auf einem der letzten Plätze; bei der Versorgung mit schnellem Internet sind wir gerade mal auf Platz 28 von 32 (https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/digitalisierung-darum-liegt-deutschland-im-eu-vergleich-hinten-15480625.html).

Da Aufträge auch in der Regel so Dinosauriern, wie der T-Systems oder andern Ämtern für EDV-Entwicklung zugeschustert werden und es nahezu keine OpenSource Projekte von der Bundesregierung gibt sind wir dort, wo wir heute sind. Aber Kartoffeln können wir immerhin noch – das wußte schon Eisenhower. Mit dem Telefax sind wir immerhin nun schon etwas weiter…

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Noch 1 Beispiel: Jugendamt einer mittleren Kleinstadt in NRW (so 37.000 Einwohner). Die Coronakrise führt zu zwei entgegengesetzt wirkenden Umständen:

  • mehr Konflikte in Familien, mehr Stress zwischen Eltern und Kindern/Jugendlichen, mehr krass eskalierende Situationen, bestehende Konfliktsituation werden verschärft. Unterm Strich: es gibt mehr zu tun.
  • offizielle Kontaktbegrenzungen machen die Arbeit mit den Familien zunehmend schwer. Termine im Amt oder in den Familien nur unter strengen Auflagen. Die Anzahl der Termine wird signifikant reduziert.

Soweit, so unerquicklich. Im Sommer behilft man sich mit vielen Treffen an der frischen Luft. Im Herbst und Winter geht das nicht mehr.

Auftritt (oder auch nicht): die Digitalisierung.

Man könnte ja jetzt einfach möglichst viele Gespräche per Telefon oder Videokonferenz machen. Manches geht sicher nur von Angesicht zu Angesicht, aber wenn man vieles in die digitalen Kanäle schiebt, wäre ja schon etwas erreicht.

Ja, nee, so einfach ist das nicht. Roadblocks, die so auftauchen:

  • eine weit verbreitete (ich kenne wirklich viele Leute aus diesem Bereich) Grundhaltung in sozialen Berufen „Nein, so kann ich nicht arbeiten, da geht wesentliches verloren. Entweder wie bisher oder gar nicht.“ Meine Argumentation, dass für einige Monate 60% immer noch besser ist als 0%, verfängt nicht. Man beharrt auf dem Gewohnten.
  • wenn diese Hürde bei Einzelnen genommen ist, kommt die Frage nach dem Tooling. Das einfachste wäre WhatsÄpp. Haben 97% aller Smartphonebesitzer am Start. Ein Button angetippt, und man hat ein Videotelefonat. Auch mit mehreren Teilnehmern. Man sollte nur auf beiden Seiten WLAN haben. Antwort: „Das WLAN im Amt ist grottig. Kannste einfach knicken. Und meine private Datenrate belaste ich nicht damit.“ „Wie, private Datenrate? Habt ihr keine Dienstsmartphones?“ „Nein. Ich muss für all meine Amtsarbeiten mein privates Smartphone benutzen.“
  • Eine Alternative wäre es, den Arbeitsplatz-PC im Amt mit einem Conferencingtool zu benutzen. Leider teilt man sich den Rechner mit Kollegen. Und es wird jetzt zwar in Kürze MS-Teams eingeführt, aber Meetings aufsetzen und Teilnehmer einladen darf nur die Teamleitung, nicht die Mitarbeiter, die die eigentliche Arbeit mit den Klienten machen. Motivation dieser Einschränkung: unbekannt.
  • Überhaupt das Thema Arbeitsplatz-Rechner. Es sollen jetzt Laptops verteilt werden. Die muss man sich aber zu zweit teilen, also regelmäßige Übergaben vereinbaren. Und einer ist dann halt immer arbeitsunfähig (im Sinne von remoter Arbeit).

Ich komme aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus.

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Kleine Korrektur: 0,33 Mbit/s sind 330 kbit/s oder 41,25 kB/s. Zwar nicht schnell, aber eben doch ein großer Unterschied.