Hi nochmal,
Insgesamt halte ich den Punkt nicht für kriegsentscheidend. Deswegen bin ich auch nicht nochmal draufeingegangen. Aber dennoch zu Deiner Frage und auch dem geposteten Twitter link:
Erst einmal, die Zahlen, die das RKI veröffentlicht hat, sind natürlich absolut korrekt und transparent. Es steht ja ausdrücklich im RKI Bericht: „Nur etwa ein Viertel der insgesamt gemeldeten COVID-19 Fälle kann einem Ausbruch zugeordnet werden.“ Dies ist also nichts Neues. Es ist nicht so, dass irgendein Twitter-user dies herausgefunden hat. Er hat im Prinzip nur gesagt „lest Euch den Bericht doch mal ganz durch“.
Das RKI selbst zählt immer alle Limitierungen im gleichen Bericht auf. Jeden Dienstag. Für jeden öffentlich zugänglich. Wenn man sich die Berichte jeden Dienstag durchlesen würde, wäre man also nicht sonderlich überrascht. Das ist auch ganz normal, bei fast jeder Studie, die man veröffentlicht.
Somit gibt es in diesem Falle keinerlei Grund, das RKI zu kritisieren, oder den Schein zu erwecken, dass man dem RKI nicht glauben kann. Das ist gefährlich.
Also, die Studie hat Limitierungen, die man berücksichtig muss. Drosten hat das mal ganz gut bei einer ähnlichen RKI-Kritik erklärt. Dabei ging es darum, dass auch Wissenschaftler die RKIzahlen mit einem ähnlichen Argument kritisiert haben. Sie haben salopp gesagt „Das RKI veröffentlich ja an Infizierten nur die Zahlen, die es hat. Es gibt aber ganz viele, die nicht getestet werden (Dunkelziffer). Diese erscheinen in den RKIzahlen nicht. Damit sind die RKIzahlen falsch.“ Es ist die gleiche Logik wie in diesem Fall. Hier erklärt Drosten ausführlich, warum dies ein Trugschluss ist:
„Na ja, der Begriff Dunkelziffer und dieser Faktor, der ist schon lange klar, das ist keine neue Information. Wir wissen das, seitdem wir stabile Werte für Infektionssterblichkeit und Fallsterblichkeit haben. An diesem Verhältnis kann man das einfach ausrechnen. Und dann haben wir ja Wege, wie wir auf dieses Wissen über die Infektionssterblichkeit gekommen sind. Wir können in Deutschland davon ausgehen, dass die um ein Prozent liegt. Haben wir in vergangenen Folgen in diesem Podcast mehrmals erklärt, wie das zustande kommt. Eine Hauptsäule sind SeroprävalenzStudien, größere. Und an dem Verhältnis kann man die Dunkelziffer ableiten. Die liegt im Bereich von sechs bis acht. Das habe ich hier im Podcast seit Mai immer wieder gesagt, das ist eine vollkommen bekannte Information.
KRITIK AN RKI-ZAHLEN Ich finde es gefährlich, wenn man darüber Argumentationen anstellt, die nicht wirklich quantitativ sind. Also wenn man sagt: Da gibt es eine Dunkelziffer. Und diese Dunkelziffer, die sagt uns irgendwie auf diffuse Art und Weise, dass die RKI-Zahlen alle falsch sind und dass deswegen das RKI gar nicht weiß, was es tut und die ganze Medizin irre geleitet ist, die Maßnahmen falsch sind und man ganz anders rechnen müsste. Und es ja so ein Infektionsgeschehen gibt, dass man auch ganz anders beschreiben muss. Es stimmt, wie Sie das gerade einführend sagten, es wird viel kritisiert. Was ist anders an den Zahlen, die vom RKI kommen und dem, wie das im Lehrbuch steht, wie man solche Zahlen erheben müsste? Oder was ist eigentlich die Definition, zum Beispiel von Inzidenz oder Prävalenz? Dazu muss man aber sagen, das RKI hat Surveillance-Daten, die sie zusammenfassen und berichten, und solches Surveillance-Daten, also Daten der Krankheitsüberwachung, die sind immer imperfekt. Wenn man in einem Epidemiologie-Lehrbuch nicht nur die Eingangskapitel liest, wo definiert ist, was Inzidenz rein theoretisch und idealerweise ist, sondern wenn man weiterliest, dann wird man auch sehen, dass diese Epidemiologie-Lehrbücher sich durchaus auch mit diesen Unschärfen und Realitäten befassen. Denn das ist ja Infektionsepidemiologie…“
Also, die Daten sind imperfekt und haben Limitierungen, da die Realität momentan so ist, wie sie ist, aber sie sind dadurch nicht falsch.
Wenn man sich dann weiter mit dem Thema beschäftigt und sich die Zahlen im internationalen Vergleich anschaut, sieht man, dass so ziemlich alle Studien aus ganz anderen Ländern das Gleiche sagen. Zum Teil ist der Anteil von Haushaltsausbrüchen wesentlich höher.
Hier nochmal aus dem oben geposteten Link. Vielleicht ist da nicht ganz klar geworden, dass es nicht nur RKIzahlen gibt:
„Nach Einschätzung des Robert Koch-Instituts (RKI) steckt sich ein Großteil der Menschen in Deutschland im privaten Umfeld mit dem Coronavirus an. Umso wichtiger seien Maßnahmen in diesem Bereich, betonte RKI-Präsident Professor Lothar Wieler am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Berlin. Diese Einschätzung passt zu einem Bericht von US-Forschern im Fachblatt „Science“. Sie beschreiben drei Haupttreiber der Pandemie.
In dem Übersichtsartikel betont das Team um die Epidemiologin Dr. Elizabeth Lee von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore, dass ein Großteil der SARS-CoV-2-Infektionen vermutlich auf Haushalte entfällt. Die Autoren verweisen auf mehrere Studien, denen zufolge 46 bis 66 Prozent der Ansteckungen haushaltsbasiert seien.
Eine große Untersuchung aus Südkorea kam nach der Analyse von mehr als 59.000 Fällen zu dem Schluss, dass die Ansteckungsgefahr in einem Haushalt sechsmal höher ist als bei anderen engen Kontakten.
„Dies steht im Einklang mit der Erkenntnis, dass der Kontakt im Haushalt auch eine Hauptursache für die Übertragung anderer Atemwegsviren ist“, betonen die Wissenschaftler. Ein vergleichbar hohes Risiko hätten auch sonstige Einrichtungen mit engem Zusammenleben wie Gefängnisse, Sammelunterkünfte und Pflegeeinrichtungen.“
Bissl was zur Schweiz: Korrektur: Hauptansteckungsort ist das familiäre Umfeld, nicht die Clubs
Wie das BAG festgestellt hat, infizieren sich viele Personen im Familienkreis mit dem Coronavirus. Die «Familie» ist auch im Kanton Aargau Haupt-Ansteckungsort
https://www.tg.ch/news/news-detailseite.html/485/news/47033/newsarchive/1
Österreich:
Neue Analyse: Wo sich Österreicher mit Corona anstecken „Mit 252 Clustern sind hingegen fast 60 Prozent dem Haushalt zugeordnet“
Also, die deutschen Zahlen passen tendenziell ziemlich gut zu den Zahlen anderer Länder in Europa, USA und Asien und machen vom Infektionsgeschehen auch Sinn. Da alle Studien das Gleiche sagen, ist es schon wahrscheinlich. Nichts desto trotz, braucht man bessere Daten, weswegen das RKI bereits eine Studie in Auftrag gegeben hat, deren Ergebnisse man im Frühjahr erwartet: