LdN205 - Corona Unterstützung von Selbständigen

Ich wollte schon immer mal was zu dem Thema schreiben da ihr euch da in euren Meinungen und Ansichten in den letzten Monaten überhaupt nicht entwickelt habt. Ihr habt konkret die Frage gestellt:

warum wird dem VW Mitarbeiter der die Polos zusammenschraubt Kurzarbeiter Geld gezahlt und der Solo Selbständige bekommt nichts.

Die einfache Antwort darauf lautet: der VW Mitarbeiter am Band zahlt in die Arbeitslosenversicherung ein.

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Es stimmt natürlich, dass das normale Kurzarbeitergeld aus Beiträgen zur ALV finanziert wird. Darum geht es hier aber ja nicht: Die erhebliche Ausweitung der Möglichkeiten, Kurzarbeit zu beantragen und entsprechende Leistungen zu beziehen, im Zuge der Corona-Pandemie wird nämlich aus Steuermitteln finanziert. Daher stellt sich schon die Frage, warum nur sozialversicherungspflichtig Beschäftigte davon profitieren, wo doch Selbstständige ebenso Steuern zahlen.

Ich denke, ein wichtiger Grund, warum für Kurzarbeitergeld für Angestellte praktisch unbegrenzt Geld bereitgestellt wird, aber für Soloselbstständige nicht, ist dass Kurzarbeitergeld eben in hohem Maße großen, lobbystarken Firmen und Konzernen zugute kommt.

Klar, die Beschäftigten profitieren natürlich auch nicht unerheblich, wenn sie ihren Job nicht verlieren. Aber im Wesentlichen erhalten sie als (Voll-)Kurzarbeiter in etwa dasselbe Geld wie ALG I, während die Arbeitgeber ohne Kündigungsfristen, Abfindungen, Sozialpläne o.ä. von heute auf morgen die entsprechenden Lohnzahlungsverpflichtungen los sind. Nicht zu vergessen, dass eine Firma, die dann irgendwann nach Corona ihre komplette Belegschaft kompetent neu aufbauen müsste, natürlich auch größere Aufwände für Einarbeitung etc. hätte, als wenn sie einfach ihre erfahrenen Leute anrufen und wieder zum Dienst bestellen kann.

Würde Kurzarbeitergeld alleine den Beschäftigten nützen, bin ich mir recht sicher, die Beschäftigten fänden sich in einer ähnlichen Lage wieder wie Soloselbstständige.

Mein Eindruck als Angestellter ist, dass man als Selbständiger deutlich bessere Verdienstmöglichkeiten und Steuerersparnisse hat, sich diese aber in der Regel durch weniger soziale Absicherung und ein höheres wirtschaftliche Risiken „erkauft“. Diese Risiken haben sich jetzt in der Corona-Krise voll realisiert. Als Angestellter, unverheiratet und ohne Kinder, werde ich gnadenlos von der Steuer geschröpft, falle aber jetzt relativ weich. Das ist in meinen Augen eben der Trade-Off.

Ich würde mich freuen, wenn ein Selbständiger Kommentator einmal erklären könnte, welche Möglichkeiten ein Selbstständiger hat, sich abzusichern. Mir kommt es immer so vor, als ob die Selbstständigen, die sofort nach Unterstützung rufen, diejenigen sind, die einfach zu wenig vorgesorgt haben. Ich bin Angestellter, habe aber grundsätzlich mindestens 6 Monatsgehälter flüssige Barmittel als Absicherung für Notfälle. Dieses Polster aufzubauen hat gedauert und wäre jetzt wahrscheinlich auch bei Monaten ohne jedes Einkommen aufgebraucht, aber ich habe als Angestellter eben auch ein kleineres Risiko. Als Selbständiger sollte dieses Polter wahrscheinlich deshalb noch höher sein. In 20 Jahren sollte das möglich sein oder?

Bevor ich weiter die Geschichte von der Ameise und Grille erzähle, warte ich aber lieber erst einmal auf die Kommentare der Selbständigen.

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Im BMAS ist die Absicherung von Soloselbstständigen - insbesondere die Altersvorsorge - seit Jahren ein Thema. Die These „Es gibt eine Wahrnehmungslücke, und die führt zu einer Gerechtigkeitslücke“ finde ich nicht haltbar. Viele Soloselbstständige im Kreativbereich werden im Übrigen nicht benachteiligt, sondern durch die Künstlersozialkasse subventioniert, und können dadurch billiger anbieten als die kleinen Unternehmen mit sozialversichert Beschäftigten. Hartz4 ist sicher nicht schön, aber das gilt doch für alle - warum ausgerechnet die, die nicht in die Sozialsysteme einzahlen, bevorzugen??

Weil die Unterstützung durch die vielfältigen Corona-Hilfen nichts mit den Sozialkassen zu tun hat, sondern aus Steuermitteln finanziert wird. Also stellt sich schon die Frage, warum bestimmte Menschen aus Steuermitteln subventioniert werden und andere nicht.

Das stimmt doch so pauschal nun auch wieder nicht Ulf, es ist mitnichten so, als dass die „neuen“ Kurzarbeitregelungen rein aus Steuermitteln finanziert würden. Ich hab auf die Schnelle keine konkreten Angaben beim BMAS oder dem Statistischen Bundesamt gefunden, sondern nur einen Artikel vom Bayerischen Rundfunk von Ende Mai, in dem die Rede von einem Steuerzuschuss in diesem Jahr von 5 Mrd. Euro ist (bei geschätzten Mehrkosten von 30 Mrd. Euro).

Das wäre ein Sechstel.

Ansonsten kann ich mich maxm nur anschließen, das Erste was ich nach dem Berufseinstieg (bzw. eigentlich schon beim Jobben im Studium) angelegt habe war ein Finanzpolster von einigen Monatsgehältern. Wer das als Selbstständiger nicht tut ist selber schuld, wer es finanziell nicht kann im falschen Beruf.

Es ist meiner persönlichen Erfahrung nach leider so, dass relativ viele derjenigen, die sich in die „Solo-Selbstständigkeit“ begeben, schlecht gerüstet sind, was finanzielle und Vorsorge-Aspekte angeht. Ich will nicht auf Philipps Gesprächspartner rumhacken, ich finde es super, dass sich jemand getraut hat so offen über seine Situation zu sprechen, aber selbst die unvollständigen Informationen bestätigen meine Erfahrung: Kein Geld für die Steuer zurück gelegt (Das Geld gehörte dir schon in dem Moment, wo du es eingenommen hast, eigentlich nicht mehr und du hast es trotzdem ausgegeben) und entweder keine oder eine private Krankenversicherung mit hohen Zuzahlungen.

Und zum Thema ALG-II: Ob es euch gefällt oder nicht, es ist nun einmal die Antwort das System, das wir haben. Ich persönlich fand und finde die beschlossenen Erleichterungen (Übernahme der Kosten der Unterkunft ohne Angemessenheitsprüfung sowie ein Schonvermögen von 80 TEUR für Alleinstehende, mehr bei Abkömmlingen) sehr großzügig. Das die neuen Regeln noch nicht bei jedem einzelnen Sachbearbeiter angekommen sind ist zwar bedauernswert, kann aber nicht als Maßstab für die Notwendigkeit weiterer Erleichterungen oder dgl. gelten.

Dafür leben wir schließlich in einem Rechtsstaat.

In weiten Teilen der Bevölkerung gibt es nach meiner Erfahrung einen unterschwelligen Neid gegenüber selbstständigen, die ja keinen Chef haben, Urlaub machen können wann sie wollen, keine Zeiterfassung haben, recht hohe Stundensätze verdienen, etc… Das trifft auf ein Unverständnis bei der Mehrheit, dass eben Selbständige ihre Altersversorgung selber erarbeiten müssen, komplizierte Auflagen erfüllen müssen und eben sich aktiv um Aufträge kümmern müssen.
Daher halte ich die Diskussion in der Lage für hilfreich und meine, dass das Thema vertieft werden sollte angesichts vieler Vorurteile und Naivität.

Vielen Dank für die gute Arbeit!

Ich hätte es toll gefunden, wenn Ihr in der Lage ausgeführt hättet, dass (und auf welcher Basis) das „ausgeweitete Kurzarbeitergeld“ durch Steuermittel finanziert wird. Das war mir in der Tat bisher nicht klar und das hatte ich so bisher auch noch nicht gelesen.
Weder in den Medien
Medienbericht zu ausgeweitetem Kurzarbeitergeld
noch in den aktuellen Gesetzes- bzw. Verordnungsentwürfen BeschSiG / Erste Verordnung zur Änderung der Kurzarbeitergeldverordnung / Zweite Verordnung über die Bezugsdauer für das Kurzarbeitergeld
wurde das für mich deutlich. Insbesondere vermittelten die Gesetzes- und Verordnungsentwürfe für mich das Bild, dass die BA belastet würde.
Übrigens können sich selbstständige freiwillig bei der BA versichern, was ich auch erwähnenswert finde.

Bei meiner kurzen Recherche bin ich vor allem auf einen Artikel vom BR gestoßen, laut dem das KUG erstmal durch die massive Rücklage von 26 Mrd. Euro finanziert wird und wenn hier das Geld ausgeht der Bund mit einem Darlehen einspringt. Am Ende würde dann wohl der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung erhöht werden.
Hier der besagte Artikel: https://www.br.de/nachrichten/wirtschaft/kurzarbeitergeld-ist-versicherungsleistung-und-keine-subvention,RxdJtrB

Ich finde das ein wirklich wichtiges Thema und fände es toll, wenn ihr es weitergehend aufgreift und ggf. auf eine weitere Ebene hebt. Mir ist hier gerade auch nicht ganz klar wer was zahlt und finanziert. Wenn es durch die Arbeitslosenversicherung gezahlt wird, ist es berechtigt, dass nur die davon profitieren, die in das System eingezahlt haben. Wenn es aber um Steuergelder geht ist die Frage schon: wieso profitieren hiervon nicht alle? Und am Ende ist die Frage ja auch, wie sind Selbstständige in unserer Gesellschaft abgesichert und wie sind unserer Sicherungssysteme grundsätzlich aufgebaut.

Aus meiner Zeit der Solo-Selbständigkeit weiß ich, dass man als ebendieser gern „Unnötiges“ wie finanzielle Absicherung aufschiebt oder dauerhaft vernachlässigt. So bleibt mehr netto vom brutto.
Rentenversicherung und Arbeitslosenversicherung müssen gar nicht gezahlt werden; die wenigsten sorgen selbst freiwillig oder privat vor, schätze ich. Die Einkommenssteuer lässt sich gerade als Solo-Selbständige*r leicht drücken, da private und betriebliche Ausgaben öfter verschwimmen.

Jetzt bin ich (gerade wegen der Absicherung) Angestellter und zahle „ordentlich“ Steuern und Sozialabgaben. Ich fände es unfair, wenn Menschen, die das Sozialsystem wissentlich umschiffen, die gleiche Absicherung genießen wie Menschen, die einen guten Teil ihres Bruttos pflichtgemäß in das Sozialsystem einzahlen.

Klar: niemand soll auf der Straße landen. Aber Selbständigen die gleiche finanzielle Absicherung zugute kommen zu lassen, wenn sie nicht auch den Topf befüllen wollen, finde ich nicht sozial. Wer das Risiko ohne Absicherung eingeht, muss auch mit dem Nachteil leben, dann nur Hartz IV zu bekommen, meine ich.

Natürlich kann man Selbstständigen keine Leistungen aus den Kassen der Sozialversicherung gewähren, in die sie nicht einzahlen. Aber in der Lage ging es um Leistungen aus Steuermitteln.

Abgesehen davon finde ich es problematisch, so zu tun, als seien alle Selbstständigen freiwillig auf sich allein gestellt. Gerade im Kulturbereich würden sich sehr viele Menschen über eine feste Anstellung freuen, aber wegen der schlechten Finanzierung von Museen, Theater etc. gibt es einfach für viel zu viele Menschen keine festen Verträge.

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Der genannte Messebauer macht den Anschein nicht ein Soloselbständiger zu sein, sondern ein Scheinselbständiger.
Somit sozialversicherungspflichtig mit Anspruch auf Kurzarbeitergeld.

Steuerschulden? Dann aber noch aus der Zeit von 4.000 € Umsatz im Monat. Die Gewinne waren wohl da, wurden aber nicht für die Steuer zurückgelegt. Von seinem jetzigen Gehalt wird er keine Steuerschulden haben, da direkt vom Arbeitgeber an das Finanzamt bezahlt.

Es verdienen viele weniger als 2.000 Netto und haben auch Miete und Familie.

Ein Physiotherapeut ist auch meistens Soloselbständig. Hier war die Lobby fleißig. Die Physios erhalten x % vom Umsatz als Hilfe.
Alle anderen müssen Kosten nachweisen.

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Die hier verwendeten Steuermittel sehe ich aber in dem Fall eher als finanzielle Erweiterung der Sozialversicherung. Auch die Kurzarbeit sehe ich als Instrument zur „Konservierung“ der Anstellungsverhältnisse - damit es eben wieder schneller anlaufen kann, wenn die Flaute vorüber ist. Ich möchte nicht meinen, dass Solo-Selbständige verzichtbar wären - ganz im Gegenteil -, aber ich halte das für einen Bereich, der von sich aus auch wieder aufblühen kann und wird.

Auch, wenn die Menschen nicht vollends freiwillig selbständig sind, können sie prinzipiell (und sollten) dennoch vorsorgen für den Fall der Fälle. Die Möglichkeiten gibt es meines Wissens zumindest. Und wenn diese nicht gleichermaßen fair sind, sollte mE hier angesetzt werden.

Richtig, die Steuermittel werden zur Erweiterung der Leistung der Sozialversicherung eingesetzt. Aber das ist ja genau unsere Kritik: Es wird eben nur die Sozialversicherung ausgeweitet, und dabei geraten alle diejenigen aus dem Blick, die in anderer Weise wesentliche Leistungen für das Gemeinwesen erbringen, beispielsweise im kulturellen Bereich.

Und du hast natürlich recht, dass der Staat damit Anstellungsverhältnisse konservieren will. So sinnvoll das als solches ist, wir haben das ja in der Lage auch verschiedentlich gelobt, so wenig ändert es daran, dass es auch außerhalb sozialversicherungspflichtiger Arbeitsverhältnisse Menschen gibt, denen geholfen werden sollte. Und an die wird zur Zeit eben zu wenig gedacht.

Generell erschreckt mich übrigens, mit welcher Brutalität hier offensichtlich einige bereit sind, andere Menschen über die Klinge springen lassen, die bisher nicht das Glück hatten, einen sozialversicherungspflichtigen Job zu bekommen. Und das ganze wird dann noch mit einer üblen Neiddebatte vermischt, dass es die Selbstständigen angeblich so gut hätten und dass sie doch im Grunde selbst schuld seien. Das ist für mich schon schlimm zu lesen. Und das schreibe ich als jemand, der in einem quasi Beamtenstatus wirklich überhaupt nichts zu befürchten hat.

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Lieber Ulf, zu dem von Dir mehrfach angeführten kulturellen Bereich:

Hier frage ich mich, ob die Argumentation auch auf das Bubble-Phänomen zurückzuführen ist. Umgekehrt mag meine Sichtweise auch darauf zurückzuführen sein, dass ich selbst kaum Überschneidung mit Kulturschaffenden habe.

Dennoch zu meiner Sicht:

Warum der Bubble-Gedanke?

  • Laut statistischem Bundesamt waren 2018 1, 3 Millionen Menschen im Kulturbereich tätig, was 3,1 % aller Erwerbstätigen entsprach. Davon waren 436.000 als Solo-Selbstständige tätig. Man kann also durchaus davon sprechen, dass es sich um eine Randerscheinung (ca. 1 % aller Erwerbstätigen) handelt.

  • In Bezug auf das Maß der Betroffenheit durch die COVID-19-Pandemie lohnt sich sicherlich ein genauer Blick auf die Statistik, aus der sich ergibt, dass viele dieser Solo-Selbstständigen in Bereichen tätig sind, die von der Pandemie nicht ganz so stark betroffen waren. Starke Betroffenheit im Kulturbereich dürfte sich dadurch aufsummiert deutlich unter 400.000 bewegen, was in Relation zu allen Erwerbstätigen deutlich unter 1 % bedeuten dürfte.
    Statistik Kulturberufe

  • Während auch 200.000 bis 300.000 Betroffene vom Staat nicht vernachlässigt werden dürfen und jede*r einzelne die Solidarität der Gesellschaft verdient hat, halte ich es für nicht ausgewogen, davon zu sprechen, diese Gruppe gerate aus dem Blick. So stellt der Staat EUR 1 Mrd. an Corona-Hilfen speziell für den Kulturbereich zur Verfügung, von der auch Solo-Selbstständige in diesem Bereich profitieren können.
    Neustart Kultur

  • Kultur ist ein gesellschaftliches Gut von äußerst großer Bedeutung. Andere Staaten investieren mehr in Kultur – vllt. sollte Deutschland da nachziehen. Dennoch lagen die Kulturausgaben des Staates 2015 bei EUR 10,4 Mrd. Bezogen auf die 1,3 Mio. Erwerbstätigen im Kulturbereich also bei EUR 8.000/erwerbstätiger Person. Dabei lohnt erneut ein Blick auf die Statistik (siehe Link oben), um zu sehen, dass de facto die Berufsgruppen, die wir gemeinhin als Kernbereich der Kulturschaffenden begreifen, deutlich über EUR 8.000 Staatsfinanzierung/Jahr erhalten dürften. So werden wohl nicht viele Mittel an die 60.000 Erwerbstätigen im Bereich Innenarchitektur, visuelles Marketing, Raumausstattung fließen. Ebenso wenig an die 116.000 im Bereich Redaktion und Journalismus.

Zusammenfassend:
Kultur ist extrem wichtig und unser Staat sollte sie fördern, stark fördern und mehr fördern. Aber unser Staat fördert Kultur auch bereits umfangreich. Auch in der Krise habe ich nicht den Eindruck, dass der Staat die Kulturschaffenden vergessen hat.

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Dein Beitrag geht leider an vorbei. Wir haben ja nicht kritisiert, dass insgesamt zu wenig Geld für Kulturförderung ausgegeben werde, auch wenn ich das so sehen würde - 750 Euro pro Nase und Monat sind eher ein Hungerlohn - sondern dass in der gegenwärtigen Situation bei den Kulturschaffenden zu wenig ankommt.

1 Milliarde Förderung für einen ganzen Wirtschaftszweig sagt erst einmal wenig aus - außer natürlich, dass es insgesamt wenig Geld ist. Und wenn es beispielsweise für die Unterhaltung von Gebäuden ausgegeben wird kommt bei den notleidenden Menschen gar nichts an.

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Erst einmal herzlichen Dank an das LdN-Team, endlich einmal die stukturelle Benachteiligung von Soloselbständigen anzusprechen.

Als Konferenzdolmetscherin arbeite ich in einem Beruf, in dem es nur eine sehr geringe Anzahl an festangestellten Kolleg:innen gibt. Die große Mehrheit unseres Berufsstands arbeitet als Soloselbstständige:r. Professionelle Konferenzdolmetscher:innen haben ein entsprechendes Hochschulstudium absolviert (früher mit Diplom, mittlerweile mit Masterabschluss) und haben hohe Ausgaben für Krankenversicherungsbeiträge, Altersvorsorge (ich zahle u. a. in die gesetzliche Rentenversicherung ein) aber auch z. B. für eine Berufsunfähigkeitsversicherung zu leisten. Sobald unsere Ohren oder unsere Stimme langfristig in Mitleidenschaft gezogen werden, sind wir nämlich arbeitsunfähig.

Offensichtlich hängen unsere Auftragszahlen in hohem Maße von der Veranstaltungsbranche ab. Was das momentan bedeutet, muss ich hier wohl nicht näher ausführen. Als ab März eine Konferenz nach der anderen abgesagt wurde, haben wir noch auf die versprochenen Soforthilfen gehofft. Mittlerweile wissen wir, dass wir – ebenso wie zahlreiche andere Soloselbstständige – einfach durchs Raster gefallen sind. Daran haben auch die Anpassungen der Soforthilfen und das Engagement unserer Berufsverbände nichts ändern können. Das deutsche System ist einfach nicht auf Soloselbstständige ausgerichtet, sondern in erster Linie auf Angestellte. Und das wird an folgenden Beispielen besonders deutlich:

Ich habe (wie viele andere) mit dem Gedanken gespielt, ALG II zu beantragen. Dabei musste ich feststellen, dass ich nicht einmal dazu berechtigt bin, da ich in einer sogenannten Bedarfsgemeinschaft lebe. Mein Freund und ich sind nicht miteinander verheiratet, aber da wir im selben Haushalt leben, habe ich keine Ansprüche auf Hartz IV. Wären wir eine reine WG, hätte das nichts an unserer Kategorisierung als Bedarfsgemeinschaft geändert. Ansprüche auf Wohngeld habe ich ebenfalls nicht. Als Angestellte hätte ich im Zweifelsfall Kurzarbeitergeld erhalten. Aufgrund der oben genannten Umstände hatte ich also die Wahl zwischen vollständiger finanzieller Abhängigkeit von meinem Partner oder Aufgabe meiner Freiberuflichkeit. Dabei liebe ich meinen Job. Und ich mache ihn gut.

Letztendlich habe ich mir eine Teilzeitstelle gesucht. Die Arbeit macht mir Spaß, hat aber kaum etwas mit dem zu tun, was ich vorher gemacht habe. Wenn Anfragen hereinkommen, kann ich diese auch annehmen, aber natürlich sind das momentan herzlich wenige. Meine Umsätze aus selbstständiger Tätigkeit sind natürlich in den letzten Monaten stark eingebrochen. Jedoch muss ich aufgrund meiner neuen Teilzeitstelle mit deutlich höheren Einkommensteuern für das Jahr 2020 rechnen. Immerhin habe ich jetzt ja zwei Jobs (haha). Wären mein Freund und ich verheiratet, wäre die zu zahlende Einkommensteuer übrigens etwas geringer. Ich darf mir also bald überlegen, ob es sich finanziell lohnt, weiterhin nebenberuflich meinen Traumjob auszuüben oder mich vollkommen in ein Angestelltenverhältnis zwingen zu lassen.

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Hallo
Ihr hattet in der Lage erwähnt dass Großbritannien das besser gelöst hat. Kurze Schilderung von mir als selbständige Zahnärztin in England (in England gibt es nicht sowas wie angestellte Zahnärzte). Ich arbeite hier seit April 2019. das Steuerjahr beginnt hier im April, ich hatte also zu Beginn der Corona-Krise für ein Jahr eine Steuererklärung gemacht. Hier mussten alle Zahnärzte ihre Praxen komplett schließen. Man konnte aber nur Hilfen beantragen wenn man mindestens schon zwei Jahre selbständig gearbeitet hat. Das heißt alle, die möglicherweise im vergangenen Jahr den Schritt in die Selbständigkeit gewagt haben sind komplett durchs Raster gefallen. Außerdem bringt ihr in eurem Beitrag den Fall des Selbständigen mit ~4000€ Brutto. Lassen wir es mal 4500€ sein. Man verdient da sicher ganz gut, aber wenn man davon eine Familie ernähren muss kann man sicher nicht maximal viel zur Seite legen. Mit 4500€ brutto pro Monat kommt man aber knapp über die 50 000 pro Jahr und hat damit auch keinerlei Ansprüche auf britische Staatshilfen. Oftmals verdienen Selbständige erst nach ein paar Jahren mehr und kompensieren damit die Startschwierigkeiten. Außerdem erwähnt ihr nur die 80%, es gibt aber genauso eine Obergrenze von 2500£ pro Monat die gezahlt werden.
Info von der gov.uk Website: im Steuerjahr 2018/2019 waren ca 5 Mio Menschen selbständig (…) Bis 31.7.2020 haben 2,6 Mio eine Unterstützung beantragt.

Ich habe mal einen Kommentar zu einem ähnlichen Thema wieder rausgesucht und ergänze Ihn auf das oben gesagte.

Kurz zur Einführung ich komme aus der Event Branche und war fast 10 Jahre Solo-Selbstständig, wie das seit Corona heißt, und bin nun einige Jahre angestellt und falle, wie oben jemand schrieb, ebenso weich. Noch dazu habe ich weiterhin die Möglichkeit Selbständig zu arbeiten.

Was ich gleich vorab loswerden will ist mein leichtes Unverständnis über die Diskussion aus welchem Topf bei Corona welche Gelder herkommen. Kurzarbeit an sich wird derzeit für einen Zweck gebraucht für den es nie gedacht war! Kurzarbeit dient meistens Unternehmen bei einbrechender Auftragslage dafür einige Wochen oder wenige Monate ohne Stellenabbau durch zu kommen. Dabei reden wir aber selten von mehr als 50% Kurzarbeit, eher weniger. Also hier wird meistens normal weitergearbeitet mit „leichten bis mittleren“ Umsatzeinbußen auf beiden Seiten. Ein Komplettausfall wie es ja in manchen Branchen der Fall ist gehört definitiv nicht zu den Grundsätzlichen Aufgaben der Kurzarbeit. Es ist schön das es das gibt und es hier zum tragen kommt, aber für diese Dimension gibt es keine Rücklagen vom Staat der das allein abdeckt.Im übrigen helfen solche Maßnahmen immer beiden Seiten. Warum muss eine Maßnahme zwingend nur den Angestellten und Arbeitern dienen? Das bedingt sich ja oft Gegenseitig.
Alles was gerade gemacht wird um Arbeitsplätze und Unternehmen, welcher Art auch immer, zu retten kommt aus Steuergelder und neuen Schulden, alles weitere ist in so einem Fall finde ich persönlich erstmal zweitrangig. Natürlich sollte erstmal das eingeplante und eingezahlte Geld für vorgesehene Zwecke benutzt werden aber darüber sind wir ja lang hinaus.

Es ist aus meiner Erfahrung eine Mischung aus 2 Punkten. Das im Podcast erwähnte Unverständnis bzw. die nicht Zuordbarkeit von Selbständigen jeder Art und Branche sowie der „Freiheitswunsch“ sein eigenes Ding machen zu können.

Das fängt schon damit an das es nicht „Die Solo-Selbständigen“ gibt, sondern Freiberufler (das sind bestimmte festgelegte Berufe wie z.B. Ärzte und Architekten), Einzelunternehmer, Kleinunternehmer etc. Unterschiedliche Rechtsformen mit unterschiedlicher Besteuerungsart und sozialer Absicherung.
Auch wenn einige davon Büros und Arbeitsmittel haben so kann keiner dieser Formen ein Unternehmergehalt ansetzen oder einen Geschäftsführer einsetzen! Das nur schonmal im Voraus.
Den Aufwand einer UG oder GmbH scheuen viele weil es einfach auch mehr Aufwand ist.
Für Banken bist du damit meistens keine Privatperson mehr aber zu klein für den Geschäftsberaterpart. Also Angestellter reichen bei der Bank als Einschätzung 2-3 Gehaltsabrechungen, als Selbständiger musst du „Blank ziehen“ um dann auch noch schlechter Konditionen zu bekommen weil du immer ein „Risikopatient“ bist. Selbiges übrigens bei Haus oder Wohnungsmiete! Sobald du Leute einstellt und größer wirst wird das alles langsam leichter.

Für den 2. Punkt hier mein alter Beitrag:

"Ja diese Wirtschaftliche Krise hervorgerufen durch einen Shutdown ist unvorhersehbar und trifft mal alle und dann noch in einem Umfang den es so auch noch nie gab.
Dennoch finde ich es schon erstaunlich das Firmen jeder Größenordnung teilweise schon nach einem halben Monat nach staatlichen Hilfen geschriehen haben. Das zeigt wie gut die Wirtschaft bislang lief und wie wenig auf Rücklagen geachtet wurde.
Bei den Solo-Selbstständigen ist das nicht anders. Ich war lange Jahre Einzelunternehmer und kenne die Probleme sehr genau. Dennoch ist der „gewählte Luxus der Freiheit“ auch das was viele wollen. Die Freiheit nicht in gesetzliche Versicherungen etc. einzahlen zu müssen. Seine Altersvorsorge und sein finanzielles Umfeld selbst zu gestalten ist vielen das höchste Gut. Ich kenne so gut wie keinen „Solo-Selbständigen“ der den selben Betrag den Arbeitgeber und Arbeitnehmer vom Bruttoeinkommen des AN abgeben müssen, bereit wären zu zahlen. Es gab vor noch nicht all zu langer Zeit eine Diskussion um die Einführung einer Rentenpflicht für Einzelunternehmer. Der Aufschrei dagegen war nicht zu klein.
Daher ja das System für diese Wirtschaftsbereiche ist komplett zu überholen aber jetzt grundsätzlich das Kurzarbeitergeld als Vergleich herzu nehmen und zu behaupten jedem Stünde immer das selbe zu ist extrem schwierig!

Ich wäre sofort dafür dass das Gehalt des Chefs der Firma bei jeder Rechtform als Geschäftsausgabe zählt. Dann wäre ein Teil der Diskussion um die Soforthilfen schonmal vom Tisch. Zum anderen muss das Angestelltenverhältnis mit dem Solo-Selbstständigentum im Bereich der Renten, Sozial und Arbeitslosenversicherung angeglichen werden um solche Fälle in Zukunft zu vermeiden. Das würde dann auch gleich noch ein paar andere unschöne Nebeneffekte wie Preisdumping etc entschärfen."

Es mag sicher sein das es Selbstständige jeder Branche gibt in eine Anstellung wollen und keine bekommen, aber ich kenne im Verhältnis 1:10 mehr Beispiele an Leuten die Ihre Freiheit nicht aufgeben sollen. Zumindest war das vor Corona so.

Das werden viele Selbstständige nicht gern hören wollen aber es braucht hier schon für Unternehmer mit einem Angestellten, also Solo-Selbständige eine Angleichung an andere Unternehmensformen oder Angestelltentum, sonst wird es in Krisen immer solche Probleme geben.

Kurz noch darauf eingegangen das oft wenig bis keine Rücklagen gebildet werden. Ja würde ich auch so unterstreichen. Aber das ist kein Problem der Solo-Selbstständigen. In Zeiten von 0%Zins und „Kauf Alles auf Raten“, ist es kein Wunder das weder Privatpersonen, Selbstständige und große Unternehmen entsprechend Rücklagen bilden. Schaut euch bitte mal an wann nach März wer zu schreien begonnen hat. Das waren alle Bereiche von Groß bis Klein. Das Thema Rücklagen etc ist ein viel Größeres und anderes Thema als das der Solo Selbstständigen.